Invasive Arten: Mit Robotern und Strom gegen tierische Invasoren

Invasive Arten: Mit Robotern und Strom gegen tierische Invasoren

, aktualisiert 08. Mai 2017, 12:46 Uhr
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Das Gerät betäubt die Fische durch milde Elektroschocks und fängt sie lebend.

Quelle:Handelsblatt Online

Ob Schlangen, Fische, Wildschweine oder wilde Ziegen: Invasive Tierarten sind in vielen Regionen der Erde ein ernstes Umweltproblem. Wissenschaftler lassen sich einiges einfallen, um die Eindringlinge zu bekämpfen.

WashingtonEin Roboter macht giftige Rotfeuerfische vor den Bermudas durch Elektroschock bewegungsunfähig und saugt sie dann auf. Ein Helikopter wirft mit Giftködern versehene tote Mäuse auf Bäume in Guam ab, um die gefräßigen Braunen Nachtbaumnattern zu bekämpfen. Im Mittleren Westen der USA werden asiatische Karpfen mit Hilfe von flügelartigen Netzen durch Stromschläge betäubt und gefangen.

Das sind nur drei Beispiele unter vielen für den Ideenreichtum, auf den Forscher im Kampf gegen invasive Tierarten verfallen sind. „Die Viecher sind schlau – sie überleben“, sagt der Biologe Rob Gosnell, Leiter der Behörde für wildlebende Tiere auf der US-Pazifikinsel Guam. Hier haben braune Nachbaumnattern fast alle einheimischen Vögel aufgefressen. „Sie zu überlisten, ist schwer“, sagt Gosnell über die Schlangen.

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Invasive Spezies sind Pflanzen und Tiere, die sich in Gebieten ausbreiten, die nicht zu ihren natürlichen Lebensräumen zählen. Meistens wurden sie durch Menschen eingeschleppt, versehentlich oder auch absichtlich. Manchmal, wenn sie keine natürlichen Feinde haben, vermehren sie sich stark und verdrängen die angestammten Arten.

Das kommt teuer: Auf 314 Milliarden Dollar (286 Milliarden Euro) im Jahr belaufen sich die Schäden allein in den USA, Großbritannien, Australien, Südafrika, Indien und Brasilien. Auf Inseln wie Guam könnten ganze Arten durch die Eindringlinge ausgelöscht werden, sagt Piero Genovesi, ein auf invasive Tierarten spezialisierter italienischer Wissenschaftler.

Milde Elektroschocks

Experten suchen ständig nach neuen Technologien, um das Problem in den Griff zu bekommen. „Wir besitzen völlig neue Werkzeuge, die noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen wären“, sagt Genovesi. So vermarkten Firmen mittlerweile sogar Fallen für Wildschweine, deren Zuschnappen durch Mobiltelefone ausgelöst wird. Es werde an so vielen Dingen gearbeitet, dass eine ganze Industrie am Entstehen sei, sagt Forscher Bernie Tershy von der University of California in Santa Cruz.

Der Rotfeuerfisch, der sich in der Karibik, dem Golf von Mexiko und an der US-Ostküste ausgebreitet hat, sieht atemberaubend aus, aber das Anfassen ist wegen seiner giftigen Stacheln gefährlich. Der gefräßige Aquariumfisch verzehrt große Mengen anderer Fische, darunter kommerzielle Arten wie Schnapper und Barsche, während er selbst im Atlantik keinen natürlichen Feind hat.

Jetzt gibt es einen Roboter namens Guardian LF1, der den Rotfeuerfisch durch milden Elektroschock betäubt und ihn dann lebendig in eine Röhre saugt. Bei seinem ersten öffentlichen Testeinsatz vor den Bermudas saugte das Gerät 15 dieser Fische auf. Erfunden wurde es von Collin Angle, Topmanager der auf Staubsauger spezialisierten Firma IRobot. Er hofft, den Preis von derzeit zehntausenden Dollar im Laufe der Zeit auf 500 Dollar herunterzubekommen.


Mausköder mit Schmerztablette

Auf der Pazifikinsel Guam begannen vor ein paar Jahrzehnten angestammte Vögel zu verschwinden. Wissenschaftler waren verblüfft, bis sie die Ursache herausfanden: Nichteinheimische Braune Nachtbaumnattern fraßen die Vögel und deren Eier. Die Schlangen leben in Bäumen, ihnen Fallen zu stellen funktionierte Gosnell zufolge nicht. Statt der fehlenden natürlichen Feinde soll das Schmerzmittel Acetaminophen die Reptilien besiegen.

Wissenschaftler kamen auf die Idee, die Schmerztabletten auf Embryonen toter Mäuse zu kleben, sie dann in Röhren zu stecken und diese von einem Hubschrauber abzuwerfen. Die Fallen, aus denen die Köder ausgestoßen werden, hängen dann von den Bäumen.

Allerdings ist diese Methode noch in einer Testphase und ziemlich teuer. Die toten Mäuse müssen nämlich aufwendig gekühlt werden. Doch die Wissenschaftler haben schon einen neuen Ansatz: Mausbutter – eine Mixtur, die für die Schlange nach Maus riecht und ihr die Pillen schmackhaft macht.

Im Kampf gegen die asiatischen Karpfen in US-Gewässern setzt die zuständige Behörde ein spezielles Boot mit riesigen flügelartigen Netzen ein, das Strom als Unterwasser-Taser benutzt, um den Fisch bewegungsunfähig zu machen. Bei kräftigeren Stromschlägen wird der Fisch getötet und treibt an die Oberfläche. Innerhalb von nur fünf Minuten können 500 Fische eingesammelt werden, um dann später zu Düngemittel verarbeitet zu werden.

Wilde Ziegen auf Galapagos

Auf den Galapagos-Inseln waren wilde Ziegen ein großes Problem. Binnen weniger als fünf Jahren gelang es Wissenschaftlern dann aber, die Zahl um Zehntausende zu dezimieren. Biologe Karl Campbell von der gemeinnützigen Organisation Island Conservation setzte dazu Weibchen ein, die sterilisiert und durch chemische Manipulation ständig brünstig waren.

Die männlichen Ziegen wurden dadurch sozusagen zu fruchtlosem Sex verführt. Santiago Island, wo einst 80.000 Ziegen lebten, ist jetzt ziegenfrei, und das größere Isabella Island steht kurz davor, wie Campbell schildert.

Er und andere Forscher gehen mittlerweile noch einen Schritt weiter, versuchen Genmanipulationen von Mücken und Mäusen mit dem Ziel, diese steril zu machen oder dafür zu sorgen, dass sie nur männlichen Nachwuchs haben. Das könnte eines Tages eine invasive Spezies auf einer Insel aussterben lassen, weil es keine Weibchen zum Paaren mehr gäbe.

Aber eine solche Lösung liegt noch in weiter Ferne, wie Campbell sagt: Jenseits der Frage der Machbarkeit erfordere eine solche Technologie auch Regulierungen und Kontrollen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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