Iran, Indien, Afrika: Autobauer nehmen sich neue Märkte vor

Iran, Indien, Afrika: Autobauer nehmen sich neue Märkte vor

, aktualisiert 05. März 2016, 17:21 Uhr
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Der Erneuerungsbedarf auf den Straßen des Landes ist riesig.

Quelle:Handelsblatt Online

China schwächelt – und das merkt die deutsche Autoindustrie. Die Hersteller sehen sich nun nach neuen Wachstumsmärkten um. Im Visier sind der Iran und Indien. Und auch Afrika wird laut Experten immer interessanter.

GenfErst Russland, dann Brasilien, schließlich China: Nach Jahren des Booms setzte bei vielen deutschen Autoherstellern zuletzt Ernüchterung ein. Einstige Hoffnungsmärkte ließen sie im Stich.

BMW-Chef Harald Krüger rechnet in China 2016 zwar noch mit einem niedrigen einstelligen Wachstum. Der Branchenverband VDA hob vor dem Genfer Autosalon sogar seine Prognose an und sieht dank der Kaufanreize der Regierung in Peking ein Plus von 6 Prozent.

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Doch schon im vergangenen Sommer mussten einige Autobauer schmerzhaft feststellen, was es heißt, wenn der weltgrößte Automarkt schwächelt. Die Branche übt sich eher in Bescheidenheit: Der VDA erwartet 2016 ein Plus von 2 Prozent auf insgesamt 80 Millionen verkaufte Autos.

Umso mehr müssen die Unternehmen daher neue Märkte erschließen. „Die weitere globale Präsenz auf den Wachstumsmärkten wird immer wichtiger“, sagt Branchenexperte Peter Fuß von der Strategieberatung Ernst & Young. „Nur eine breite Aufstellung schützt vor der zunehmenden Volatilität einzelner Märkte.“

Der Iran ist dabei besonders interessant. Nach jahrelangen Sanktionen fahren dort zwar immer noch 11,4 Millionen Autos auf den Straßen. Der Erneuerungsbedarf ist allerdings riesig, die Fahrzeuge sind veraltet.


Irans Automarkt könnte so groß wie Italiens werden

Ferdinand Dudenhöffer vom Duisburger CAR-Institut schätzt, dass in diesem Jahr etwa 1,13 Millionen Autos im Iran neu angeschafft werden. Bis 2020 könnte der Markt dann auf 1,6 Millionen Neuwagen jährlich anwachsen und damit die Größe des italienischen Automarktes annehmen.

Während BMW nach Angaben von Vorstandschef Krüger noch keine Entscheidungen zum Verkauf von Fahrzeugen im Iran getroffen hat, ist Daimler nach eigenen Angaben in Gesprächen mit seinem bisherigen Partner Setareh, einer Tochter des staatlichen Autobauers Iran Khodro Diesel. Gegenstand sei ein neuer Generalvertreter-Vertrag für den Import und Vertrieb von Mercedes-Pkw. Daimler hatte bis 2007 mit Setareh beim Vertrieb der eigenen Fahrzeuge zusammengearbeitet.

Im Nutzfahrzeug-Geschäft haben die Stuttgarter Absichtserklärungen unterschrieben. Solche Vorverträge seien „extrem wichtig“, meint Dudenhöffer. Wie wichtig, das zeige der Erfolg von VW in China, sagt Stefan Bratzel von Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Die Wolfsburger hatten schon in den 1980er-Jahren Kontakte geknüpft. Ähnlich habe Suzuki seine Position in Indien gefestigt.

„Wir sehen nach wie vor deutliche Chancen abseits der etablierten Märkte“, meinte Daimler-Chef Dieter Zetsche vor dem Start des Genfer Autosalons. Asien bleibt nach Einschätzung Dudenhöffers ein wichtiger Kontinent für die Branche: „Indien, Indonesien, Thailand, Vietnam – um nur einige zu nennen – werden mit China weiter ihre wirtschaftliche Entwicklung fortsetzen und interessant werden.“


Großes Wachstumspotenzial in Indien und Afrika

Zetsche bestätigt das. Auf einem Markt wie Südkorea habe man früher überlegt, ob sich 1000 Autos verkaufen ließen. Inzwischen sei der Absatz von Daimler dort auf mehr als 30.000 Stück gestiegen. „In Indien ist das Premium-Segment nach wie vor außerordentlich klein und hat noch erhebliches Wachstumspotenzial“, sagt der Daimler-Chef.

Dudenhöffer geht davon aus, dass sich die deutschen Autobauer neben dem Iran in den kommenden Jahren vor allem mit Nordafrika und dem Mittleren Osten beschäftigen werden. Länder wie Algerien, Marokko, Ägypten und Tunesien hätten langfristig großes Potenzial, dort lebten zusammen gut 170 Millionen Menschen. Das Problem sei die politische Stabilität. „Wenn es gelingt, in diese Länder politische Ruhe zu bringen und der Wirtschaftsprozess Stück für Stück sich entwickelt, ist das für die Autohersteller spannend.“ Traditionell seien dort aber die Franzosen – vor allem Peugeot und Renault – stark vertreten.

„Wir haben natürlich aktuelle Entwicklungen, die die Chancen überschatten“, sagt auch Zetsche. Die Türkei zum Beispiel befinde sich derzeit in einer sehr schwierigen Situation. Dort wurden im vergangenen Jahr 730.000 Neuwagen verkauft, Dudenhöffer schätzt das Potenzial aber langfristig auf mehr als zwei Millionen Neuwagen. Und auch Russland könne nach einem Ende der Sanktionen irgendwann wieder durchstarten. „Südamerika erscheint dagegen langfristig sehr instabil und mit Jo-Jo-Effekten wenig berechenbar.“

Der gesamte afrikanische Kontinent sei dagegen interessant, sagt Bratzel: „Den muss man im besten Sinne des Wortes entwickeln.“ Afrika brauche Jobs – und die könnten die Autobauer liefern. Oberklasseanbieter wie BMW, Audi oder Mercedes-Benz sind aus Sicht seines Kollegen Dudenhöffer allerdings erst einmal anderswo unterwegs: „Die Premiumbauer brauchen eine eher weit entwickelte Wirtschaftsstruktur mit einer breiteren Bevölkerungsschicht mit höheren Einkommen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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