Islamische Mode im Westen: „Frauen sollten zum Boykott der Marken aufrufen“

Islamische Mode im Westen: „Frauen sollten zum Boykott der Marken aufrufen“

, aktualisiert 02. April 2016, 16:52 Uhr
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Kleidung war eigentlich immer ein Ausdruck von Freiheit.

von Thomas HankeQuelle:Handelsblatt Online

Marken wie Dolce & Gabbana bieten zunehmend „islamische Mode“ an – und ernten Kritik. Eine französische Ministerin verglich Kopftuchträgerinnen jüngst mit „Negern, die für die Sklaverei waren“ – und bekommt nun von prominenter Stelle recht.

ParisGroße Modemarken bieten zunehmend auch im Westen Artikel für „islamische Mode“ an. Das Spektrum reicht von unverfänglichen Kleidungsstücken wie Kopftüchern bis hin zu „Burkinis“, Ganzkörper-Badeanzügen. In die zwängen sich muslimische Frauen – oder werden gezwungen –, die auch am Strand und im Wasser vollkommen bedeckt bleiben. In Frankreich ruft jetzt Elisabeth Badinter, bekannte Frauenrechtlerin und Aufsichtsratsvorsitzende des Werbe-Multis Publicis, zum Boykott gegen diese Unternehmen auf. Die Ministerin für Frauen und Sport musste sich rechtfertigen, weil sie Frauen, die freiwillig den Schleier tragen, mit „Negern, die für die Sklaverei waren“ verglichen hat.

Wenn Politiker sich in Modefragen einmischen, gewinnt die Diskussion nicht unbedingt an Qualität. Und der Weg zum richtigen, auch noch politisch korrekten Stil ist von Fettnäpfchen gesäumt. Die Erfahrung macht nun Frankreichs Ministerin für Frauen und Sport, Florence Rossignol. Es geht um Dolce & Gabbana, H&M oder auch den Kaufhauskonzern Marks & Spencer, die Kleidungsstücke für konservativ-muslimische Frauen anbieten. Frau Rossignol hatte sich in einem Interview Ende der Woche schon ordentlich warm geredet über die „verantwortungslosen Unternehmen“, die den „Körper der Frau“ kontrollieren wollten, da fragte der Radiomoderator: „Es gibt ja auch Frauen, die freiwillig ein Kopftuch tragen.“ Rossignol explodierte: „Ja, es gab auch Neger in Afri.., Neger in Amerika, die für die Sklaverei waren.“ Dann fuhr sie fort: „Ich glaube, dass viele von denen, die ein Kopftuch tragen, militante Anhängerinnen des politischen Islams sind, viele tragen es aus religiösen Gründen und wollen es allen Frauen aufzwingen.“

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Kein Wunder, dass die Reaktionen nicht ausblieben. Die ruhigste kam von einer Muslima, die twitterte: „Denk doch einfach mal ruhig nach, wie das ist: man macht gerade den Kindern das Frühstück, da vergleicht man dich aus heiterem Himmel mit US-Sklaven, die für die Sklaverei waren!“ Andere forderten den Rücktritt der Politikerin, die gerade erst von der Staatssekretärin zur Ministerin befördert worden ist.

„Neger“ ist nicht nur in Frankreich eine Beleidigung, und dann auch noch die Gleichsetzung vom Kopftuchtragen und der Sklaverei: Das ist etwas viel auf einmal für eine politisch Verantwortliche, die nicht nur auf die richtige Wortwahl, sondern auch auf stimmige Vergleiche achten sollte. Dabei hat gerade in der vergangenen Woche auch die Regierung selbst eine Kampagne gegen Rassismus gestartet, mit Spots, deren Refrain lautet: „Es beginnt mit Worten und endet mit Schlägen und Blut.“

Die Ministerin rechtfertigte sich mit dem gequälten Hinweis, sie habe in dem Augenblick an das Werk des Philosophen Montesquieu „Über die Sklaverei der Neger“ gedacht, und der habe sich gegen die Sklaverei eingesetzt. Sie habe sich also nichts zuschulden kommen lassen.

In der Sache nahm sie nichts zurück, und längst beteiligen sich auch andere an der hitzigen Diskussion. Elisabeth Badinter, Philosophin und Tochter des Publicis-Gründers Marcel Bleustein-Blanchet, ist eine moralische Autorität in Frankreich. Sie sagte am Samstag in einem Interview mit „Le Monde“, Rossignol habe sich unglücklich ausgedrückt, in der Sache aber recht: „Ich glaube sogar, dass die Frauen zum Boykott dieser Marken aufrufen sollten.“ Es dürfe keinen kulturellen Relativismus geben und man müsse die muslimischen Frauen unterstützen, die großem politischem Druck durch konservative Männer ausgesetzt seien.


Muslimischer Mode-Markt explodiert

Pierre Berger, der frühere Lebensgefährte des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent, wetterte ebenfalls gegen den M&S-Burkini, denn da werde versucht, „die Frauen einzusperren, Aufgabe der Mode war es aber immer, Frauen zu mehr Freiheit zu verhelfen.“ Zum Kopftuch äußerte er sich nicht. Wahrscheinlich, weil er alt genug ist, um sich an Jacky Kennedy und Audrey Hepburn zu erinnern, Mode-Ikonen aus den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die noch heute wegen ihrer Eleganz bewundert werden – und sich unter anderem auch dadurch auszeichneten, dass sie begeisterte Kopftuch-Trägerinnen waren. Auf unzähligen Fotos sind Jacky und Audrey mit eleganten, farbenfrohen Tüchern zu sehen, mal locker, mal eng um das Haupt geschlungen.
Kein Zweifel – sie waren keine Muslima. Aber damit wäre man bei der komplexen Frage, ob es ein gutes christliches und ein böses muslimisches Kopftuch gibt.

Die Auseinandersetzung hat einen handfesten wirtschaftlichen Hintergrund. Große Mode- und Kosmetikmarken haben sich schon lange auf den Markt der Schwellenländer sowie der reichen muslimischen Länder eingestellt. Doch erst jetzt kommen Produkte wie ein Burkini oder Kollektionen wie die Kopftücher von D&G in großer Zahl auch in den Westen: weil die entsprechende Kundschaft hier zunimmt und zahlungskräftiger wird. Der Markt in den arabischen Ländern explodiert, man rechnet damit, dass sich der Modekonsum dort in ein paar Jahren auf 400 Milliarden Euro verdoppelt.

Ist es eine Kapitulation vor einem traditionellen, gar frauenfeindlichen Islam, wenn ein Kaufhaus auch im Westen Ganzkörper-Badeanzüge anbietet? Oder hilft es damit den Frauen, sich besser zu fühlen, weil sie zumindest nicht mehr die scheußlich dicken, dunkelbraunen oder schwarzen Gewänder tragen müssen, mit denen sie sich ansonsten verhüllen, wenn sie ins Wasser gehen? Hilft es dabei, mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln und sich nach und nach von den erdrückenden Kleidervorschriften der Radikalen zu befreien? Die Frage verdient eine ruhige und besonnene Debatte. Durch Beiträge wie den von Frau Rossignol wird diese wohl eher verhindert.

Die großen Modemarken allerdings werden sich wohl darauf einstellen müssen, dass ihre „islamische Mode“ im Westen kein Selbstläufer ist. Ein Boykottaufruf der Publicis-Aufsichtsratschefin ist keine Kleinigkeit. Schließen sich andere Frau Badinter an, kommt auf M&S, Dolce & Gabbana und andere eine schwierige öffentliche Auseinandersetzung zu, die sie lieber vermeiden würden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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