Janet Yellen und die Finanzmärkte: Fed in Fesseln

Janet Yellen und die Finanzmärkte: Fed in Fesseln

, aktualisiert 30. März 2016, 08:38 Uhr
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Sie hat den Märkten das gegeben, was sie hören wollten.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Janet Yellen, die Chefin der US-Notenbank, macht sich zu sehr abhängig von Entwicklungen im Ausland und an den Märkten. Das zeigt ihre jüngste Rede in New York. Eine Analyse.

New YorkSchon nach der März-Sitzung der US-Notenbank (Fed) hatten die Märkte aufgeatmet und die Äußerungen von Janet Yellen als Ausdruck einer weichen Geldpolitik gedeutet. In einer neuerlichen Rede am Mittwoch in New York hätte die Fed-Chefin die Chance gehabt, diesen Eindruck zu korrigieren.

Stattdessen sprach Janet Yellen viel von Risiken aus dem Ausland und wehrte sich gegen die Kritik, die Inflationsgefahr zu gering einzuschätzen. Damit hat sie den Märkten abermals das gegeben, was sie gerne hören wollten. Entsprechend fielen die Reaktionen aus, der Dollar war schwächer, Aktien liefen gut.

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An der Wall Street galt lange die Weisheit, dass die Märkte am Ende immer dahin laufen, wo die Fed sie haben will. Nun stellt sich jedoch die Frage, ob sich nicht umgekehrt die Märkte gegen Yellen durchgesetzt haben.

Die Fed-Chefin hatte im Dezember mit der ersten Zinserhöhung seit der Finanzkrise die Normalisierung der US-Geldpolitik eingeleitet. Im Januar und Februar kam es dann zu Turbulenzen an den Märkten, die offensichtlich den Rückenwind der Geldpolitik vermissten. Danach beruhigten die Märkte sich wieder, und spätestens seit Mitte März bekommen die Kurse de facto wieder die gewohnte Unterstützung der Geldpolitik.

Die Frage ist, wie weit das trägt. Denn die Kurserholung der US-Aktien ist nur von sehr dünnen Umsätzen getragen. Nach Meinung von Experten kommt darin ein spürbares Misstrauen der Investoren gegenüber der Kurserholung zum Ausdruck.

Die Märkte sind aber nicht die einzige Fessel der Fed. Hinzu kommt, dass sie stärker denn je ins Ausland schaut. Torsten Slok von der Deutschen Bank weist dies sogar nach, indem er nachgezählt hat, wie häufig die Notenbank Begriffe wie Dollar und China benutzt. „Es wird sich zeigen, ob dies der richtige Ansatz ist“, schreibt er.

Slok hatte immer wieder betont, dass die US-Konjunktur relativ robust gegenüber Einflüssen aus dem Ausland sei. Eine neue Analyse des JP Morgan Institute zeigt, dass vor allem junge Leute und Amerikaner mit niedrigen Einkommen zuletzt den recht robusten Konsum gestützt haben, während ältere und reichere Leute sparsamer sind.

Michael Feroli von JP Morgan glaubt zudem, dass Yellen bei ihren jüngsten, vorsichtigen Äußerungen den Dollar-Kurs noch mehr im Blick hat, als sie selber zugibt.


„Notenbank der ganzen Welt“

Die Fed wird häufig „die Notenbank der ganzen Welt“ genannt. Ihre Entscheidungen haben in der Tat weltweiten Einfluss. Aber jetzt ergibt sich der Eindruck, dass sie sich vor allem von der ganzen Welt abhängig macht.

Yellen widerspricht damit auch Aussagen anderer Fed-Politiker, die schnellere Zinserhöhungen gefordert hatten. Laut Feroli zeigt ihre jüngste Rede, dass sie recht unbeirrt von ihren Kollegen die entscheidenden Impulse der Geldpolitik setzt.

Dass Yellen so vorsichtig ist, hat zwei Gründe. Einmal schlagen die Entwicklungen der Märkte tatsächlich auf die US-Konjunktur durch. Sie haben Einfluss auf die Finanzierungsbedingungen für US-Unternehmen. Wenn Aktien und Anleihen im Kurs fallen, müssen Unternehmen umgekehrt höhere Renditen bei ihrer Finanzierung in Kauf nehmen. Dadurch ergab sich Anfang des Jahres eine Verschärfung der Finanzierungskonditionen.

Diese Entwicklung hat sich zwar inzwischen wieder umgekehrt. Aber ein wichtiger Grund dafür ist, dass die Märkte jetzt nur sehr spärliche Zinserhöhungen erwarten. Durch diese Rückkoppelung ist die Fed möglicherweise in der Situation, entweder zu viel oder zu wenig zu tun, ohne genau die richtige Mitte treffen zu können.

In dieser Situation riskiert Yellen lieber, etwas zu wenig zu tun. Denn ihre Sorgen vor einem Ansteigen der Inflation sind sehr begrenzt – das ist der zweite Grund für ihr vorsichtiges Vorhalten.

Die Europäische Zentralbank strebt eine Inflationsrate von nahe zwei Prozent an, und will möglichst nicht über dieser Marke liegen. Die Fed will stattdessen im Mittel zwei Prozent erreichen, was nach einer langen Phase niedriger Prozente ein Überschießen nach oben nicht ausschließt. Daher hat Yellen, anders als einige Kritiker, keine Angst vor zu hoher Inflation.

Wenn von ihr in den kommenden Wochen keine anderen Töne kommen, schwindet die Wahrscheinlichkeit, dass die Fed im Juni oder Juli die Zinsen erhöht. Dann fragt sich aber auch, ob man tatsächlich von der lange erwarteten Normalisierung der US-Geldpolitik reden kann, die den Investoren wieder realistischere Bewertungen an den Märkten bieten würde.

Quelle:  Handelsblatt Online
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