Japan: Der Roboterpionier rüstet zur Aufholjagd

Japan: Der Roboterpionier rüstet zur Aufholjagd

, aktualisiert 31. März 2017, 13:07 Uhr
von Martin KöllingQuelle:Handelsblatt Online

Japan war einst die unumstrittene Roboter-Macht der Welt. Doch das Epizentrum der globalen Roboterrevolution hat sich die USA verschoben. Nun rüstet sich Japans Industrie zum Kampf um die Industrie von morgen.

TokioDer Roboterpionier Japan steht vor einer Sinnkrise. Zwar setzt die zweitgrößte Volkswirtschaft Asiens noch immer weltweit die meisten Industrieroboter. Aber nach jüngsten Studien hat Japan seine Vorherrschaft eingebüßt.

Zahlen des britischen Centre for Economics and Business Research zeigen, dass die USA, Südkorea und Deutschland bei Industrierobotern rasanter aufholen – und nicht nur, weil sie aggressiv den Einsatz von Robotern erhöhen. Japans Roboterpopulation ist laut der britischen Studie seit ihrem Rekordhoch 1993 um 20 Prozent gesunken. Die Experten des Beratungsunternehmens Frost & Sullivan urteilen sogar, dass sich die Dominanz in Entwicklung und Anwendung von Automaten und smarten Systemen „vom frühen Epizentrum Japan auf die USA verschoben hat.“

Anzeige

Auch bei Produktionsanlagen ist Japans Verschnaufpause im Rennen um die nächste industrielle Revolution zu spüren. „Da ist der deutsche Maschinenbau um zwei bis drei Jahre voraus“, urteilt Wolfgang Wahlster, Chef des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz. Japans großer Auftritt bei der Cebit mit weit über 100 Firmen war daher kein Zufall. Das Land schaut sich nach Partnern um – gerade in Deutschland.

Ein Beispiel: Am Dienstag kündigten Konica-Minolta und Sick, ein führender deutscher Sensorhersteller für industrielle Anwendungen, eine strategische Allianz an. Gemeinsam wollen sie die Radartechnik der Japaner, die bisher vor allem für autonome Autos gedacht war, für Sensoren in der Produktion nutzen. Dies soll den Japanern helfen, künftig auch in den digitalen Fabriken der Zukunft mitzumischen.

Mehr Drang nach Übersee könnte folgen. Denn Regierung und Wirtschaft wollen nicht hinnehmen, dass das Land wie zuvor schon bei Computern, Flachdisplays und Smartphones seine Vormachtstellung just dann verliert, wenn der weltweite Boom beginnt. Japans Regierung hat daher den Themenbereich Robotik und Künstliche Intelligenz (KI) zu einem Pfeiler ihrer ambitionierten Wachstumspolitik gemacht.

Von 2013 bis 2020 wollte Japans Ministerpräsident Shinzo Abe das Bruttoinlandsprodukt um rund ein Fünftel erhöhen. Und fast ein Drittel des Zuwachses sollen Maschinenwesen, Künstliche Intelligenz (KI) und das Internet der Dinge (IoT) beisteuern. „Für die Regierung ist KI ein Muss für Japans Wachstum“, erklärte Japans KI-Papst Yuichiro Anzai dem Handelsblatt, der als Vorsitzender des Strategischen Rats für KI den nationalen Plan für die Aufholjagd mitgeschrieben hat.

Er sieht gute Chance, dass Japans Robotik wieder zur Weltspitze aufschließt. Ein Grund ist für ihn die geringe kulturelle Hürde, die Maschinenwesen in Japan überwinden müssen. Japaner sähen Roboter nicht als Bedrohung, sondern als unterhaltsame Helfer des Menschen, so Anzai. Darüber hinaus seien schrumpfende Bevölkerung und steigender Arbeitskräftemangel wahrscheinlich gut für Japan. Denn die Firmen haben nun einen Anreiz, ihr Leiden durch Innovation, sprich lernende Systeme und Robotertechnologien, zu besiegen.

Diesen Mechanismus bemerkt Maschinenbauspezialist Morton Paulson, Chef des Japan-Research des Investmenthauses CLSA, nun auch im Markt. Zwar gebe es auch in Japan schon lange eine Hype um IoT und Maschinenlernen. „Aber seit der zweiten Hälfte 2016 sehen wir einen großen Wandel, Maschinenlernen kommt jetzt wirklich", so der Analyst.

In der Industrie sieht er vor allem vier Anwendungsfelder, die nacheinander umgesetzt werden: Vorausschauende Wartung, Prozessoptimierung, Visualisierung und Kontrolle von Produktionsprozessen und zuletzt Maschinen, die sich selbst programmieren. Und der Wettkampf um diesen Markt ist gerade erst so richtig entbrannt, die Zahl der Wettbewerber aus „alten“ und „neuen“ Industrien riesig.

Neben Japanern wittern auch die alten Größen des Industriezeitalters wie General Electric oder Siemens oder die gedemütigten Pioniere des Computerzeitalters wie der Chiphersteller Intel oder der IT-Konzern IBM Morgenluft. Denn bisher schwächeln die Datenriesen Alphabet oder Amazon dabei, ihren Erfolg im Internet auch beim Kontakt mit der realen Produktionswelt zu wiederholen.

Doch besonders groß ist der Kreis der Hoffnungsvollen in Japan. Die Technikriesen wie Hitachi, NEC, Fujitsu oder Toshiba versuchen ihre Erfahrung als Chip- und Computerhersteller zu nutzen, um weltweit die Entwicklung künstlicher Intelligenz und vernetzter Systeme mitzubestimmen, von der Produktion über Stadtplanung bis hin zu Lösungen für den Einzelhandel.

Darüber hinaus hoffen auch Werkzeugmaschinenhersteller wie der deutsch-japanische Konzern DMG Mori oder Japans Roboterhersteller wie Fanuc oder Yaskawa darauf, dank ihres riesigen Heeres schon verkaufter Maschinen zu den Größen von Morgen zu gehören. Zudem versuchen andere Firmen den Einstieg.

Die Autohersteller Toyota, Nissan und Honda investieren massiv in Künstliche Intelligenz. Und der globale Technikinvestor und Mobilnetzbetreiber Softbank will zur KI-Großmacht werden. Im ersten Schritt stellt er tausende seiner Partnerroboter Pepper pro Jahr her. Und die Pläne sind groß, wie die Wahl der Kooperationspartner zeigt: Der taiwanesische Apple-Zulieferer Foxconn, der größte Auftragsfertiger der Welt, hilft bei der Produktion, Chinas Internetriese Alibaba mit Geld und Vertrieb.

Doch noch darf gezweifelt werden, ob Japans Aufholjagd in der Pole Position in der Robotik wieder münden wird. Denn bisher ist nur klar, dass der Wettbewerb um die Beherrschung der Industrie von morgen extrem hart werden wird. In den kommenden zehn Jahren werde es im Bereich Internet der Dinge für die Industrie einen radikalen Preisverfall und eine große Konsolidierung geben, schätzt Analyst Paulson. „Derzeit gibt es rund 50 IoT-Plattformen der verschiedensten Hersteller. Drei bis fünf werden überleben.“ Und noch weiß niemand, wer die Sieger sein werden.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%