Japanische Innovationen: Klopapier fürs Handy und andere Aufmerksamkeiten

Japanische Innovationen: Klopapier fürs Handy und andere Aufmerksamkeiten

, aktualisiert 01. Februar 2017, 10:37 Uhr
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Der Netzbetreiber NTT Docomo wirbt auf den Toiletten in der Ankunftshalle des Flughafens Tokio-Narita für seine Dienste.

von Martin KöllingQuelle:Handelsblatt Online

Auf den ersten Blick erscheinen einige Ideen aus Japan verschroben. Aber wer sich von der ersten Überraschung erholt, entdeckt oft einen tieferen Sinn – so wie im Toilettenpapier fürs Smartphone. Eine Weltgeschichte.

TokioErst hielt ich die Nachricht für einen Scherz aus der Rubrik „Crazy Japan“: Klopapier fürs Handy? Das hätte selbst ich den Japanern nicht zugetraut. Aber als ich kürzlich von einem Kurzurlaub am Flughafen Narita eintraf, wurde ich eines besseren belehrt. Tatsächlich hing auf der Toilette in der Ankunftshalle ein kleine Rolle mit Papier für das Smartphone neben dem Klo. „Welcome to Japan“ war auf das Papier aufgedruckt, inklusive einer Gebrauchsanleitungen sowie den Informationen über das Wifi-Netzwerk und eine Übersetzungs- und Reise-App des Sponsors der Aktion.

NTT Docomo heißt der geistige Urheber der Idee. Das Unternehmen ist Japans größter Mobilnetzanbieter, der so offenbar bis zum März diesen Jahres eine neue Art der Werbe- und Willkommenskampagne erprobt. Und wie so viele japanische Dinge erscheint auch dieser Einfall nur auf den ersten Blick verrückt. Hat man sich erstmal von der ersten Überraschung erholt und geistige Offenheit bewahrt, ergibt das ganze auf einmal einen Sinn.

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In diesem Fall erinnert der Netzbetreiber daran, dass Touchscreens einer Petrischale zur Bazillenzucht gleichen. „Auf dem Smartphonedisplay gibt es fünf mal so viele Bakterien wie auf einem Toilettensitz“, erklärt NTT Docomo in einem YouTube-Video seine kleine Aufmerksamkeit. Und die Klobrille decken viele Menschen vorsichtshalber ab, bevor sie sich drauf setzen. Warum nicht auch mal das Handy reinigen?

Hm, gar nicht so dumm, dachte ich mir, und rubbelte das Display sorgfältig ab. Danach dankte ich dem einen Herrgott und den acht Millionen japanischen Göttern, dass es mit Japan wenigstens ein Land auf der Welt gibt, in dem scheinbar verrückte Ideen wie diese umgesetzt werden können, die in Wirklichkeit mehr oder wenig dringende menschliche Bedürfnisse befriedigen. Denn das Handypapier ist nur die Spitze eines Massenphänomens.

Ideen mit internationaler Karriere

Ich freue mich immer wieder, wenn ich auf Produkte stoße, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie vermissen würde. Nehmen wir einmal genoppte Luftpolsterfolie. Ursprünglich wurde sie erfunden, um fragile Fracht bruchsicher zu verpacken. Doch wer hat nicht schon einmal die kleinen Luftblasen mit den Fingern zum Platzen gebracht? Ein japanischer Hersteller dieser Folie kam daher vor ein paar Jahren mit einer Sonderedition auf den Markt, die psychologisch besonders befriedigend ploppte.

Sie wurde speziell als kleines Quadrat zugeschnitten in kleinen Geschenkdosen verkauft. Auch für Süchtige Noppenplopper wurde gesorgt. Ein Spielzeughersteller lancierte für sie ein kleines Plastikprodukt mit Gumminoppen, mit der Nutzer ihren Stress abbauen konnten, ohne dass ihnen der Nachschub an Plopps ausging. Ich gestehe, nicht so befriedigend wie eine reale Folie, aber kosteneffizient.

Einige Ideen machen sogar international Karriere, ob wissentlich oder unwissentlich weiß ich allerdings nicht. Kürzlich sah ich im Internet kleine Geräte mit Knöpfen und Schaltern, die zum Klicken und Drücken einladen. Für mich sahen die aus wie besser designte Varianten von Plastikgimmicks, die ich in Japan schon vor Jahren gesehen habe.


Für jedes kleine Bedürfnis gibt es einen Markt

Und dies sind nur einige Ergebnisse eines steten Ideenstroms japanischer Firmen, seien es Spielzeughersteller, Lebensmittelproduzenten oder eben Mobilnetzbetreiber. „In Japan zählt die Vielfalt und der Reiz des Neuen“, erklärt mir ein befreundeter Werber diesen Drang zur Innovation. Die Kunden wollen immer etwas neues erleben.

Diese Suche führt dazu, dass in Japan jede noch so kleine Begierde befriedigt wird, solange es irgendwie einen Markt dafür gibt. Und die beste Methode, den Markt zu testen, ist in Japan anscheinend, möglichst viele Ideen in die Luft zu werfen und dann zu schauen, welche fliegen.

Auch bei Dienstleistungen funktioniert das Marktprinzip. So gibt es „Maid-Cafés“, in denen junge Damen in Uniformen Kaffee, Kuchen, einfache Gerichte und Konversation meist männlichen Besuchern servieren, die darauf stehen. Für Frauen gibt es wiederum „Butler-Cafés“, wo junge Herren sie von jungen Herren in Butlermontur mit ausgesuchter Höflichkeit bedient werden. Liebesbeziehungen zum Personal seien untersagt, sagte mir einmal ein Chef eines solchen Cafés.

Aber das sind nur Randphänomene. Am sichtbarsten findet das Ideenfeuerwerk im Supermarkt statt. Ich durchstreife regelmäßig die Regale, um beispielsweise neue oft kurzlebige Kreationen von Kartoffelchips oder anderen kulinarischen Produkten aufzuspüren.

Mal sind es Chips, die nach scharfem japanischen Meerrettich oder Fischrogen schmecken – oder KitKat mit Melonen-, Cheesecakege oder Erdbeergeschmack oder gar zum Überbacken im Ofen. Über 100 verschiedene Geschmacksrichtungen seiner Schokowaffel hat Nestlé in Japan über die Jahre auf den Markt gebracht.

Voriges Jahr stellte ich die Funde sogar unter dem Motto „Ohayo Nippon“ („Guten Morgen, Japan“) in meinen Instagram-Auftritt. Die fotografische Ernte reichte über Monate generell für ein Posting pro Wochentag. Und ich habe gerade einmal an der Oberfläche gekratzt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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