Japans Antwort auf Roboter: Sinnlose Jobs – die Zukunft der Arbeit

Japans Antwort auf Roboter: Sinnlose Jobs – die Zukunft der Arbeit

, aktualisiert 03. Januar 2017, 20:51 Uhr
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Japan schafft viele Stellen für Geringqualifizierte.

von Martin KöllingQuelle:Handelsblatt Online

Die Japaner haben die Antwort auf die kommende Ära der Job-stehlenden Maschinen und Roboter schon parat: Sie erfinden Jobs, die Deutschen sinnlos erscheinen – und könnten damit zum Vorbild werden. Eine Weltgeschichte.

TokioMeine Besucher aus Deutschland stellen mir oft eine Frage: „Warum gibt es so viele Japaner, die so sinnlose Arbeiten machen?“ Und tatsächlich werden sie in der real existierenden Arbeitswelt der ältesten Industrienation Asiens von ungewohnten Szenen überrascht.

Am Bahnhof oder irgendwo sonst am Wegesrand sehen sie vielleicht ein menschlicher Schilderhalter, der auf eine Beerdigung oder die Besichtigung neugebauter Wohnungen verweist. Und selbst kleinste Baustellen werden von zwei bis drei Sicherheitskräften bewacht, die mit Fahnen oder Leuchtstäben graziös Fußgänger, Fahrrad- und Autofahrer an der Verkehrsstörung vorbeiwinken.

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Noch mehr Beispiele gefällig? In Supermärkten schieben uniformierte Sicherheitskräfte im Rentenalter Einkaufswagen hin- und her, fegen die Gänge oder betreuen den Fahrradparkplatz. Vereinzelt gibt es in einigen Kaufhäusern sogar die Aufzugführer- und häufiger –führerinnen noch, die für die Kunden die Knöpfe drücken, die Etagen ansagen, die Tür aufhalten und sich höflich verbeugen. Und Analysten beschweren sich, dass Japans Firmen oft zu viele Beschäftigte mit durchfüttern.

Es lebe die Verschwendung menschlicher Arbeitskraft

Meine Aufgabe ist es dann, zu erklären, dass hinter dieser scheinbaren Verschwendung menschlicher Arbeitskraft Methode steckt. Und mehr noch: Dass Japan kreatives Job-Erfindertum vielleicht ein globales Vorbild im kommenden Zeitalter der Künstlichen Intelligenzen und Robotern wird.

Die neuen Systeme werden nach Schätzungen selbst in Deutschland einen großen Teil von bisherigen Arbeitsplätze der Mittelschicht vernichten. Und da muss die Gesellschaft massiv neue Jobs schaffen, auch und gerade für die weniger Qualifizierten und das wachsende Heer altersarmer Rentner.

Japan verfügt dabei über einen Startvorteil: Das Land pflegt diesen Mechanismus schon lange. Und dahinter steht eine gesellschaftliche Ordnungspolitik, die deutlich von der deutschen abweicht. In Japan herrscht unausgesprochen das Prinzip, dass Arbeitslosigkeit nach Möglichkeit nicht sozialisiert, sondern von Firmen und dem Staat privatisiert wird.


Wider die Sozialisierung der Arbeitslosigkeit

Ein deutscher Unternehmer erklärte mir das System einmal so: Er könne Entlassungen nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, da die freigesetzten Arbeiter durch das recht weitmaschige soziale Netz rasch auf die Straße fallen würden. Der Grund: Es gibt zwar Arbeitslosengeld, aber maximal für weniger als ein Jahr. Danach kommt irgendwann Sozialhilfe. Nur gilt der Antrag immer noch als so blamabel, dass viele den Weg zum Amt scheuen. Die massive Verbreitung von Teilzeitjobs und die allgemeine Vorstellung, dass die Familien zuerst für sich selbst zu sorgen haben, verstärken diesen Trend noch.

Eine japanische Journalistin ergänzte einen anderen gesellschaftlichen Aspekt: Viele Japaner glaubten, dass selbst einfachste Jobs den Menschen mehr Struktur und Sinn im Leben geben und damit das soziale Gewebe stabiler und die Gesellschaft sicherer halten würden als sozial abgesichert arbeitslos zu Hause zu sitzen.

Dies führt dazu, dass neoliberale Volkswirte in Japan mitunter den Ausbau des sozialen Netzes fordern. Denn dann, so der Hintergedanke, könnten Firmen wie in Europa die Gehaltsliste durch Entlassungen auf Kosten der Gesellschaft entlasten und so kursmaximierend ihre Kapitaleffizienz erhöhen.

Es gibt zwar Anzeichen dafür, dass knappe Kassen es vielen Firmen und Gemeinden immer schwerer machen, ihre Rolle als Arbeitgeber für alle zu erfüllen. Doch die Arbeitslosenrate hat auch während einer Minirezession bei drei Prozent verharrt. Zudem dürfte ein radikaler Wandel des Systems vorerst ein Wunschtraum gutmeinender Reformer und renditehungriger Aktionäre bleiben. Denn die Politik in Japan hat aus mehreren Gründen ein Interesse, am Status Quo festzuhalten.

Erstens drohen schon die Kosten für die Kranken- und Altenpflege für das explodierende Rentnerheer den Haushalt zu sprengen. Ein massiver Ausbau des sozialen Netzes für deutlich mehr Arbeitslose ist bei einer Verschuldung von bereits 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts schwer finanzierbar.


Wider die Roboterlogik

Zweitens muss es künftig mehr noch als jetzt altersgerechte Hilfsjobs für greise Bürger geben. Denn in einigen Jahren werden die Heerscharen der gering abgesicherten Teilzeitkräfte ohne den Vorzug einer auskömmlichen Rente ins Rentenalter kommen.

Drittens sind sich auch die japanischen Planer im Klaren, dass Algorithmen und Roboter kosten Mittelschichtsjobs könnten, die bisher die Gesellschaft zusammenhalten. Das Land hat als führender Arbeitgeber von Industrierobotern schließlich so seine Erfahrung mit der Automatisierung.

Vielleicht wird daher schon jetzt die nächste Stufe der Jobverdrängung mitgedacht, die der italienische Professor Adriano Alessandrini von der Universita Degli Studi Firenze in Japan erlebte. Alessandrini war zuständig für ein Projekt der Europäischen Union, das einen kleinen Roboterbus für den öffentlichen Personennahverkehr entwickelt hat.

Durch die Abschaffung des Fahrers sei selbst im Kurzstreckenverkehr ein profitabler Busdienst möglich, erzählte er mir jüngst bei einer Tagung über selbstfahrende Autos. Doch in Japan würde das wohl nicht funktionieren. „Hier fragten mich die Planer, was denn mit den Jobs für die Fahrer passieren würde.“ Eine Lösungsidee sei gewesen, die freigesetzten Fahrzeuglenker als Stewards in den Bussen einzusetzen.

In Europa mag man über die Antwort der Japaner noch lächeln. Aber wenn die neue Automatisierungswelle wie von Kritikern befürchtet deutlich mehr Jobs ab- als neuschafft, lohnt sich vielleicht doch ein Blick auf Japans Joberfindungsmaschine.

Quelle:  Handelsblatt Online
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