Jeremy Corbyn unter Feuer: Brexit stürzt Labour ins Chaos

Jeremy Corbyn unter Feuer: Brexit stürzt Labour ins Chaos

, aktualisiert 26. Juni 2016, 14:15 Uhr
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Der Labour-Parteichef machte im Wahlkampf keine überzeugende Figur.

von Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

Der Ausgang des EU-Referendums erhöht den Druck auf Labour-Chef Jeremy Corbyn und stürzt die Partei ins Chaos. Bis zu neun Mitglieder des Schattenkabinetts könnten zurücktreten. Ein Auseinanderbrechen der Partei droht.

LondonEin spätes Telefongespräch in der Nacht von Samstag auf Sonntag hat offenbar eine wahre Kettenreaktion in der britischen Labour-Partei ausgelöst: Mitglieder des Labour-Schattenkabinetts würden der Partei nicht zutrauen, Wahlen zu gewinnen, solange Jeremy Corbyn an der Spitze der Partei stehe. Das soll Schatten-Außenminister Hilary Benn Medienberichten zufolge seinem Parteichef gesagt haben.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Corbyn feuerte Benn, weil er kein Vertrauen mehr zu ihm habe. Das wiederum bewirkte eine ganze Reihe von Rücktritten im Labour-Schattenkabinett. Heidi Alexander (für Gesundheit zuständig) und Gloria De Piero (zuständig für junge Menschen und Wählerregistrierung) machten den Anfang. Bis zum frühen Nachmittag kam es bereits zu fünf Rücktritten. Nach Informationen des britischen Fernsehsenders BBC wollen insgesamt neun Mitglieder des Schattenkabinetts ihren Posten aufgeben, um so Corbyn selbst zum Abgang zu zwingen.

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Zwei Tage nach der Brexit-Abstimmung in Großbritannien steht die britische Oppositionspartei damit vor einer Zerreißprobe. Corbyn stand zwar bereits vorher in der Kritik. Doch wegen seiner widersprüchlichen Rolle im Brexit-Wahlkampf haben Parteimitglieder den Druck auf ihn erhöht, denn sie geben ihm Mitschuld am Ausgang des Referendums.

„Ich hab das Gefühl, dass die Labour-Partei sich derzeit ohne Orientierung, ohne einen Kompass und ohne eine starke Stimme treiben lässt“, sagte Peter Mandelson, der ehemalige EU-Kommissar und einstige Minister in einem Labour-Kabinett, dem Fernsehsender Sky schon direkt nach dem Referendum. Die Menschen hätten angesichts der gemischten Signale, die Corbyn ausgesendet habe, nicht gewusst, welche Position Labour in der Europa-Frage vertrete. Er habe in der Brexit-Debatte mit angezogener Handbremse agiert, fügte Mandelson hinzu.

Übers Wochenende zog die Kritik an. Labour-Abgeordneter Stephen Kinnock sagte dem Fernsehsender Sky: Corbyn müsse jetzt zurücktreten, denn die Partei brauche einen „vernünftigen Verhandlungsführer“, um angesichts der Herausforderungen nach dem Referendum das Kommando zu übernehmen. Und Labour-Politiker Tristram Hunt bemängelte Corbyns Reaktion auf Kritik und den Rauswurf von Hilary Benn: Wenn Corbyn in einer solchen Situation Benn feuere, könnte es dazu führen, dass er Probleme bekommen werden, die freien Posten neu zu besetzen, warnte Hunt in einem Gespräch mit Sky News.

Corbyn ist schon lange als Europa-Kritiker bekannt. Er hat eingeräumt, dass er beim ersten britischen Referendum Mitte der 70er-Jahre gegen die EU-Zugehörigkeit gestimmt hatte. Im Zuge des Brexit-Wahlkampfs in den vergangenen Monaten hatte er sich zunächst für den Status quo ausgesprochen. Einige Wochen später kritisierte er allerdings Warnungen der Brexit-Gegner vor negativen Folgen eines Austritts aus Panikmache. Parteimitglieder warfen ihm daher Sabotage vor. Direkt vor dem Referendum sprach er sich wieder für den Verbleib aus.

Das Hin und Her führte dazu, dass etliche Labour-Mitglieder in Umfragen angaben, dass sie gar nicht wüssten, auf welcher Seite ihre Partei in der Europafrage stünde. Auch unabhängigen Experten zufolge hat das fehlende Engagement der Labour-Partei dazu beigetragen, dass die Mehrheit der Briten sich gegen den Verbleib ihres Landes in der Staatengemeinschaft entschied.

Obwohl Corbyn eigentlich den Status quo unterstützte, sei er nicht überzeugend in seiner Argumentation gewesen, schreibt Charles Grant von der Londoner Denkfabrik Centre for European Reform in einer Analyse. Viele von Corbyns Reden hätten genau so viel Lob wie Kritik an der EU enthalten. Am Ende seien Labour-Wähler daher völlig verunsichert gewesen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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