Jetpack: Mit dem eigenen Düsenrucksack abheben

Jetpack: Mit dem eigenen Düsenrucksack abheben

, aktualisiert 09. April 2016, 13:16 Uhr
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Test des Düsenrucksacks im Flugsimulator von Martin Aircraft.

Quelle:Handelsblatt Online

Für den Neuseeländer Glenn Martin war es so etwas wie eine Mission – der Bau eines Raketenrucksackes für den Privatgebrauch. Jetzt steht der Jetpack vor dem Abheben, doch der Erfinder sieht sich um seinen Traum gebracht.

ChristchurchEs begann vor 35 Jahren. Da saß Glenn Martin mit Freunden in einer Bar und sinnierte: Was ist eigentlich aus fliegenden Autos und Jetpacks geworden? Am nächsten Tag suchte der Neuseeländer in einer Bibliothek nach Antworten – der Auftakt eines lebenslangen Strebens, einer Art innerer Mission, selbst einen Düsenrucksack zu bauen.

Heute aber, da die Firma, die er zu diesem Zweck gründete, kurz vor einem Triumph steht, spürt Martin keine Euphorie. Er hat die Sorge, dass sein Traum verpufft.

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Was ist geschehen? Das Unternehmen Martin Aircraft wird nach eigenen Angaben noch in diesem Jahr seine ersten experimentellen Jetpacks an Kunden ausliefern, ein großer Schritt in der Entwicklung der neuen Technologie. Aber sie sind aus kommerziellen Erwägungen nur für Notfalleinsätze konzipiert, etwa für Feuerwehrleute – und das bleibt hinter Martins Vision von Jetpacks zurück, die jeder fliegen kann.

So hat der Erfinder inzwischen die Firma verlassen, die er selbst aus der Taufe gehoben hatte. Und er beantragte nach eigenen Angaben, dass sein Name aus dem Firmentitel entfernt wird.

Der heute 56-jährige Martin wuchs in der Südsee auf, Tausende Kilometer entfernt von Houston. Aber er verfolgte den Wettlauf im All begierig. Er erinnere sich noch gut an den Tag, als Neil Armstrong den ersten Schritt auf dem Mond tat, schildert Martin. „Ich glaubte, dass wir, wenn ich erwachsen bin, fliegende Autos, Jetpacks und Stützpunkte auf dem Mars haben werden.“

Gut für eine Show, aber nicht mehr

Raketenrucksäcke spielten vor Jahren häufig in Science-Fiction-Filmen und utopischen Büchern eine Rolle, oft im Zusammenhang mit heldenhaften Rettungsaktionen wie etwa von James Bond. Und ein echter Jetpack begeisterte bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles die Menge.

Aber so viele Geschichten sich auch um sie ranken: Die Düsenrucksäcke haben eine problematische Geschichte. Der in den 1960er Jahren von Bell Aerospace entwickelte Raketengürtel zeigte zwar, dass es möglich ist. Aber dieses Jetpack konnte nicht viel Gewicht tragen und nur weniger als 30 Sekunden lang fliegen. Gut für eine Show, aber nicht mehr.

Mitte der 1990er entschlossen sich drei Männer in Houston, ein Jetpack zu bauen. Aber das ging daneben. Sie zerstritten sich wegen Geld, und ihr Unterfangen endete mit einem Mord, einer Entführung, einem Mann in Gefängnis und einem verschwundenen Gerät.


Investoren nehmen das Konzept ernst

Peter Coker, der Topmanager von Martin Aircraft, glaubt, dass es unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten der beste Plan ist, zuerst ein Jetpack für Notfalleinsätze herzustellen und später für andere kommerzielle Betreiber. Wenn dann einmal alle Versorgungslinien etabliert seien, so sagt er, dann könne sich die Firma dem Bau eines persönlichen Jetpacks zuwenden. Glenn Martins Vision werde durch das Konzept somit nicht gefährdet.

Aber Martin bezweifelt, dass es jemals zum Bau von persönlichen Jetpacks kommt. Als er mit seiner Forschung begann, wollte er den Raketengürtel verbessern und ein Jetpack schaffen, das einen kräftig gebauten Menschen wie ihn sowie einen Sicherheitsfallschirm heben und mindestens 30 Minuten in der Luft tragen kann. Er entschied sich, Mantelpropeller zu benutzen, was freilich die Bezeichnung Jetpack unzutreffend macht.

Während der 1980er Jahre arbeitete Martin in der Pharmaindustrie und baute Prototypen in seiner Garage. 1997 erreichte er einen Punkt, an dem er einen leichtgewichtigen Piloten brauchte. Er heuerte seine Frau Vanessa für den Jungfernflug an – der gerade mal ein paar Sekunden dauerte. Nach Verbesserungen konnte das Jetpack später seine Last mehrere Minuten tragen und kontrollierte Kurven ausführen. 2008 stellte er einen Prototyp auf einer Luftfahrtshow in den USA vor.

Klein und unkompliziert

Er habe sich für unkomplizierte Komponenten beim Bau entschieden, schildert der Erfinder, so für einen Kolbenmotor, der normales Benzin benutzt. Und klein genug sollte der Rucksack sein, um als ultraleichtes Fluggerät eingestuft zu werden: In den USA braucht man dafür in der Regel keine Pilotenlizenz. Ein dreitägiger Kursus, so stellte Martin es sich vor, würde ausreichen, um das Fliegen zu lernen.

Als er aber versuchte, Finanzmittel für seine junge Firma zu sammeln, verlor er nach eigenen Angaben die Kontrolle. Es kamen Investoren, Risikoanleger und Pläne, an die Börse zu gehen. Seit Februar vergangenen Jahres ist das Unternehmen auf dem australischen Aktienmarkt gelistet, und die chinesische Firma KuangChi Science hat den Hauptanteil. Der Schätzwert liegt bei umgerechnet gut 120 Millionen Euro, was zeigt, dass Investoren das Konzept eines kommerziellen Jetpack ernst nehmen.

Desillusioniert über die Richtung der Firma gab Martin im vergangenen Juni seinen Posten als einer der Direktoren auf. Er hat noch einen zehnprozentigen Anteil, den er erst nach einer bestimmten Zeit veräußern kann.

Der 60-jährige Coker hat in den drei Jahren, die er am Ruder ist, den Mitarbeiterstab erheblich ausgeweitet. Nach seinem Plan sollen die ersten Kunden den Prototyp gegen Ende des Jahres erstmals bei Einsätzen benutzen können. Die Firma arbeitet auch an einem unbemannten Rucksack für Gütertransporte.

Unter anderem hat sie einen vorläufigen Vertrag mit dem Zivilschutzministerium von Dubai abgeschlossen, das etwa daran denkt, Jetpacks zur Rettung von Menschen aus Hochhäusern einzusetzen. Aber vorher müssen die Jetpacks noch von den zuständigen Luftfahrtbehörden genehmigt werden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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