Jette Joop bei Aldi: Designermode zwischen Apfelschorle und Klopapier

Jette Joop bei Aldi: Designermode zwischen Apfelschorle und Klopapier

, aktualisiert 06. April 2016, 08:10 Uhr
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„Bei den unfassbaren Stückzahlen hast du eine riesige Verantwortung.“

von Florian Kolf und Georg WeishauptQuelle:Handelsblatt Online

Ein Laufsteg zwischen Supermarktregalen: Jette Joop zeigt bei einer Modenschau in einer Düsseldorfer Filiale ihre Kollektion für Aldi Süd. Mit dabei: Ausgewählte Kunden – und eine Topmodel-Kandidatin.

DüsseldorfDie dunkelblonde Mitvierzigerin ist begeistert. „Ich bin schon ewig Aldi-Kundin“, schwärmt Monika Voßkämper. „Ich habe mich riesig gefreut, dass ich zwei Eintrittskarten gewonnen habe und zum ersten mal eine Modenschau live erleben kann“, sagt Voßkämper.

Die Mönchengladbacherin gehört zu den 250 Gästen, die zu einem besonderen Ereignis eingeladen wurden: zur ersten Modenschau von Aldi Süd. Sie fand am Dienstagabend nicht in irgendeinem Saal oder Industrieloft statt, sondern in einer normalen Filiale an der kleinen Königsallee. Das ist die kurze, weniger glamouröse Verlängerung der berühmten Einkaufsstraße, auf der sich die Luxuslabels in Düsseldorf tummeln.

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Zehn Models laufen über den mit einer weißen Kunststoffbahn abgeklebten orangenfarbenen Aldi-Fliesenboden und zeigen die von Jette Joop speziell für den Discounter entworfene Kollektion: 27 schlichte Hosen, Kleider, Jumpsuits und Tops in Pastelltönen sowie schwarz und weiß. Statt Stöckelschuhen tragen die Models sportliche weiße oder schwarze Sneaker – oder luftige Sandalen.

Jette Joop kommt nach der knapp der 30-minütigen Show auf den Laufsteg und ist sichtlich erleichtert. Sie gibt offen zu, dass sie vorher Angst gehabt habe, ob alles klappt und wie die Kollektion bei den Premierengästen ankommt. Um so glücklicher ist sie über den Applaus und ein paar Jubelrufe am Schluss.

Die Arbeit für Aldi sei einer der härtesten Jobs in ihrer Karriere gewesen, die Anforderungen enorm hoch, bekennt Joop. „Bei den unfassbaren Stückzahlen in denen so eine Kollektion produziert wird, hast du eine riesige Verantwortung“, gibt sie zu bedenken. Denn wenn ein Teil bei den Kundinnen nicht ankommt, bleiben gleich tausende Stücke liegen.

Und der Discounter ist ein sehr anspruchsvoller Kunde. Aldi Süd gehört zu den zehn größten Textilhändlern Deutschlands und versucht sich mit eigenen Marken wie der Wäschemarke Skin to Skin, der Übergrößenlinie Giada oder der modischeren Blue Motion zu profilieren.

Mode ist derzeit in Deutschland ein schwieriges Geschäft. Schließlich haben zwei milde Winter viele Jacken zu Ladenhütern gemacht und so eine lange und heftige Rabattschlacht im Einzelhandel ausgelöst. Viele Modefirmen von Gerry Weber bis zu Hugo Boss kämpfen mit schwächeren Margen.

Jette Joop kennt das Risiko. „Das ist Neuland für mich“, sagt die Frau, die an diesem Abend selbstverständlich in schwarzer Hose, Top und Jacke aus ihrer eigenen Kollektion auftritt. Nicht nur Neuland für Joop, auch für das Aldi-Management, das die Kooperation mit der Designerin ein Jahr lang vorbereitet hat. Kim Aline Suckow, Stellvertreterin der Geschäftsführung Einkauf von Aldi Süd, hofft so auch „Kundinnen zu erreichen, die bisher noch nicht bei uns kaufen“.

Fachleute sind skeptisch, ob die Joop-Aktion funktioniert.


Topmodel-Kandidatin von Heidi Klum – und Aldi-Azubi

„Das Risiko ist extrem hoch, dass die Marke Jette Joop eher beschädigt wird, als dass sie davon profitiert“, sagt Beate Hölters, Partnerin bei der Handelsberatung Tailorit. Und der Lebensmitteleinzelhandel habe wenig Erfahrung, wie man hochwertige Textilien verkauft.

Doch der Discounter vertraut auf seine Marktmacht und seine Erfahrungen im Verkauf. So haben Profis den weißen Laufsteg auf den Aldi-Boden geklebt, Emporen mit Sitzreihen aufgebaut, Lautsprecher und Lichttechnik installiert und die Tiefkühlschränke mit Vorhängen kaschiert.

Aber für die übrigen Arbeiten hat Filialleiter Denis Wilbath mit seinen 18 Mitarbeitern selbst Hand angelegt. Mittags um zwölf Uhr war Schluss bei Aldi auf der Kö. Wilbath hing ein handgeschriebenes Schild an die Tür gehängt: „Heute leider geschlossen“. Dann musste die komplette Fläche in der Mitte der Filiale mit 120 Tischen voller Aktionsartikel in das Lager im Keller geräumt werden, um Platz für den Laufsteg zu schaffen.

Die Obst- und Gemüseabteilung musste dem Buffett weichen. Zwischen mannshohen Stapeln von Zuckerpaketen und Orangensaft baute das Team Stehtische auf. Und der Laufsteg liegt nun zwischen Kartons mit Apfelsaftschorle und den durch Vorhänge abgedeckten Bereich mit Hygienepapier. „Das war ein sehr großer Aufwand, aber es hat sehr viel Spaß gemacht“, sagt Wilbath. Die Filialmitarbeiter waren natürlich als Gäste zur Modenschau geladen.

Aber all zu lang konnten sie nicht feiern. Schließlich musste am Abend noch alles wieder eingeräumt werden, damit der Laden pünktlich um 8 Uhr am Mittwochmorgen wieder geöffnet werden konnte. Doch für ein Gruppenfoto mit Models auf dem Catwalk war noch Zeit.

Auch das Buffet war dem Anlass angepasst. Egal ob Crepe-Röllchen mit Salbeicreme, Tandoori-Hühnerspieß oder Apfel-Zimt-Crumble – alle Gerichte waren komplett aus Produkten von Aldi hergestellt.

„Aldi und Laufsteg, das ist für mich die perfekte Kombination“, sagte Jennifer Daschner, Kandidatin aus der aktuellen Staffel der Castingshow „Germanys Next Topmodel“ von Heidi Klum. Kein Wunder, macht die blonde 17-Jährige doch eine Ausbildung bei Aldi, wenn sie nicht gerade als Model arbeitet. Als Ehrengast der Schau war sie der passende Markenbotschafter. Die Jugendliche aus Sulzbach-Rosenberg fühlt sich wohl zwischen den Discounter-Regalen. Für sie ist das ein Heimspiel, sie würde auch gern mal in einer Aldi-Filiale über den Catwalk laufen. Doch so sehr sie von einer Karriere als Model träumt: „Meine Ausbildung bei Aldi möchte ich auf jeden Fall zu Ende machen“, sagte sie.

Jette Joop ist sich jedenfalls sicher, dass die Kollektion, die auf eine nicht genannte Teilezahl begrenzt ist, schon am zweiten Tag ausverkauft sein wird. Ihr Indikator: „Bei Aldi heißt es, erst wenn Artikel den Mitarbeitern gefallen, dann sind sie auch bei den Kunden gefragt.“ Und die Mitarbeiter hätten sich schon etliche Teile reserviert.

Aber nicht alle Kunden, die zur Aldi-Modenschau kamen, werden sich am kommenden Montagmorgen vor einer der Filialen anstellen, wenn die Designer-Mode von Jette Joop ab 8 Uhr morgens in den Läden liegen wird. „Ich bin keine, die sich ins Gewühl stürzt, um ein Teil zu ergattern“, macht Monika Voßkämper aus Mönchengladbach gleich klar. Aber die Modenschau hat ihr gefallen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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