Job und Wohnen: Das Comeback der Werkswohnung

Job und Wohnen: Das Comeback der Werkswohnung

, aktualisiert 02. Mai 2016, 16:25 Uhr
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Eine Idee aus dem 19. Jahrhundert feiert Renaissance.

von Silke KerstingQuelle:Handelsblatt Online

Weil in vielen Gebieten Deutschlands sowohl Wohnungen knapp sind als auch Fachkräfte fehlen, gehen Arbeitgeber im Wettbewerb um die besten Köpfe einen neuen Weg: Sie bieten ihren Mitarbeitern eine Wohnung zum Job.

BerlinDie Wirtschaft reagiert auf die Wohnungskrise. „Es ist ein kleiner Trend, aber ein Trend“, beobachtet Arnt von Bodelschwingh, Leiter des Berliner Forschungsinstituts Regiokontext. Das Thema betrieblich vermittelter oder gestellter Wohnungen für die eigenen Mitarbeiter erlebe eine Renaissance ¬– vor allem in Regionen mit deutlich angespannten Wohnungsmärkten.

Das liegt vor allem daran, dass der Wettbewerb um die besten Mitarbeiter für die Unternehmen härter geworden ist. Ob Mitarbeiter eine bezahlbare Wohnung im Umkreis ihres Arbeitsplatzes finden, entscheidet immer mehr auch über die Zukunftsfähigkeit der Betriebe. „Die Wirtschaft setzt auf Unternehmensattraktivität durch Wohnungsbau“, sagte von Bodelschwingh, der am Montag in Berlin eine Studie über das „Comeback der alten Werkswohnung“ vorlegte. Die Studie rechnet vor, dass bei Mitarbeiter-Wohnungen bezahlbare Mieten machbar sind. Vor allem dann, wenn Unternehmen eigenen Baugrund nutzten und der Staat spezifische Rahmenbedingungen für den Mitarbeiter-Wohnungsbau schaffe.

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Nur so könne es gelingen, so von Bodelschwingh, private und öffentliche Arbeitgeber zum Mitarbeiter-Wohnungsbau zu motivieren. „Kommt es hier zu einer Wiederbelebung des Engagements, das Unternehmen früher einmal hatten, dann kann dies ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung der Wohnungskrise werden.“

Der Wohnungsbau in Deutschland ist lange vernachlässigt worden, vor allem im bezahlbaren Bereich. Mittlerweile fehlen hierzulande rund eine Million Wohnungen. Jährlich, so die Einschätzung von Bauexperten, müssten 400.000 Wohnungen bundesweit neu gebaut werden, um der Misere langsam den Garaus zu machen. Davon mindestens 60.000 Wohnungen für Haushalte mit mittleren und 80.000 Wohnungen für Haushalte mit unteren Einkommen. Ein Revival des Mitarbeiter-Wohnungsbaus könnte das unterstützen.

Neu ist das Thema allerdings nicht: Was heute als Mitarbeiter-Wohnung bezeichnet wird, hieß früher Werkswohnung. Schon im 19. Jahrhundert setzte in Deutschland der Werkswohnungsbau ein – vor allem in Bergbauregionen für die Arbeiter des damals stark expandierenden Wirtschaftszweigs. Im Ruhrgebiet wurden 1846 die ersten Werkswohnungen von Zechen errichtet. Stahlunternehmen wie Krupp folgten ab 1861.


Appell für einen Baustart

Der Fokus lag dabei in den Anfangsjahren auf der Unterbringung leitender Arbeiter und Angestellter, später auch auf einfachen Beschäftigten. Nach dem zweiten Weltkrieg spielten Werkswohnungen vor allem in Westdeutschland im Zuge des Wiederaufbaus eine große Rolle. Bis Ende der 1970er-Jahre steigerte sich ihre Zahl auf rund 450.000 Wohnungen, so die Berechnungen von Regiokontext.

Ab den 1980er-Jahren verlor der Werkswohnungsbau an Bedeutung. Die Unternehmen konzentrierten sich auf ihr Kerngeschäft und verkauften ihre Bestände vielfach an heute börsennotierte Wohnungsunternehmen ¬– auch weil sich der Wohnungsmarkt entspannte.

Heute kann von Entspannung keine Rede sein. Unternehmen wie die Berliner Traditionsbäckerei Märkisches Landbrot oder die Stadtwerke München bestätigen das: „Wir stehen in einem starken Wettbewerb bei der Gewinnung von Mitarbeitern“, begründet Peter Kadereit, Leiter des Immobilien-Managements der Stadtwerke München, das Engagement des Unternehmens in den Aufbau eigener Mitarbeiterwohnungen. Kaltmieten in der bayerischen Landeshauptstadt um 18,50 Euro pro Quadratmeter im Neubau seien für viele Menschen einfach nicht zu bezahlen. Die Stadtwerke bieten Wohnungen zwischen 12,50 und 14 Euro an.

Auch in Berlin-Neukölln wird bezahlbarer Wohnraum zur Mangelware, berichtet Joachim Weckmann, Inhaber von Märkisches Landbrot, und Vermieter von 33 Mitarbeiterwohnungen nahe des Unternehmens. „Jetzt kann ich einen Bäcker auch wieder überregional suchen“, freut sich Weckmann.

Die Studie nehmen der Deutsche Mieterbund und die IG Bau zum Anlass für einen Arbeitgeber-Appell. Gemeinsam mit Verbänden der Bau- und Immobilienbranche fordern sie einen Baustart von Mitarbeiter-Wohnungen. Potenzial beim Bau von Mitarbeiter-Wohnungen sehen sie im Gesundheitssektor. Kliniken seien große Arbeitgeber. Ebenso wie bundes- und landeseigene Unternehmen. Neben der privaten Wirtschaft seien aber auch kommunale Betriebe gefordert – wie beispielsweise Stadtwerke.

Um das zu erreichen, seien jedoch passende Rahmenbedingungen notwendig. Dazu gehöre, dass Arbeitgeber die Möglichkeit hätten, ihren Mitarbeitern Wohnungen verbilligt zu überlassen – ohne dabei für den geldwerten Vorteil Steuern und Sozialabgaben zahlen zu müssen. Zudem sei es notwendig, Hürden im Baurecht zu beseitigen, wenn Unternehmen auf eigenen Grundstücken Mitarbeiter-Wohnungen bauen wollten. Es lohne sich, meint von Bodelschwingh, „schließlich könne der Staat hier eine aufkommende Initiative der Wirtschaft rasch und wirkungsvoll für seine wohnungsbaupolitische Aufgaben nutzen“.

Quelle:  Handelsblatt Online
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