Jobs für digitale Nomaden: Warum Home-Office Milliarden sparen kann

Jobs für digitale Nomaden: Warum Home-Office Milliarden sparen kann

, aktualisiert 18. August 2017, 13:02 Uhr
von Carina KontioQuelle:Handelsblatt Online

Nur eine von 10.000 ausgeschriebenen Stellen bietet die Möglichkeit, dauerhaft im Home-Office zu arbeiten. Das zeigt eine Studie. Dabei bietet eine solche Option große Vorteile – auch für die Unternehmen.

Bild vergrößern

Arbeitgeber, die im Rennen um Talente attraktiv sein wollen, müssen flexible Arbeitszeiten anbieten.

BonnWie schnell reagieren Sie auf eine eintreffende E-Mail? Ich weiß, nicht wie es bei Ihnen ist – ich antworte meistens spontan innerhalb von 60 Sekunden. Eine Angewohnheit, die leider sehr kontraproduktiv ist, denn im Grunde geht es den meisten von uns doch täglich wie dem Gast in Loriots Kalbshaxen-Sketch: Wir werden ununterbrochen unterbrochen und kommen zu nichts. Unsere Konzentration wird ständig gestört, wir reagieren auf jedes neue Signal.

„Dieser Verlust von Konzentration ist in den letzten Jahren zu einem Hauptproblem in der Arbeitswelt geworden, denn es dauert oft bis zu 30 Minuten, bis wir den ursprünglichen Faden wieder aufgenommen haben“, weiß der Autor Marco Freiherr von Münchhausen, der in seinem Buch „Konzentration“ praktische Tipps gibt, um im Alltag wieder konzentrierter bei der Sache sein zu können.

Anzeige

Einer Studie amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler zufolge sind 80 Prozent der Arbeitnehmer heute nicht mehr in der Lage, sich nur auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Wir leben im 21. Jahrhundert offenbar in einer durchweg konzentrationsfeindlichen Welt. Der wirtschaftliche Schaden geht laut Gallup-Institut in die Milliarden.

Ein Ausweg aus dieser Ablenkungsfalle: Home-Office. Doch während die Möglichkeit, flexibel arbeiten zu können, in den USA längst Standard ist, wird sie hierzulande eher noch als Ergänzung gesehen. Dabei fordern auch in Deutschland immer mehr Mitarbeiter diese Freiheit und Flexibilität von ihren Chefs ein, anstatt in uninspirierenden und beengten Großraumbüros daran zu scheitern, kreativ und innovativ zu arbeiten. Aber auch die Unternehmen können profitieren, denn sie sparen durch Mitarbeiter im Home-Office teure Büroflächen.

Immerhin bot 2016 laut einer Bitkom-Umfrage jedes dritte Unternehmen die Möglichkeit, zumindest teilweise von zuhause aus zu arbeiten. Doch wie verbreitet ist die Perspektive, als digitaler Nomade längere Zeit völlig ortsunabhängig tätig zu sein? Das wollte die Metajobsuchmaschine Joblift genauer wissen und untersuchte die Stellenanzeigen der letzten beiden Jahre.

Am häufigsten (zu insgesamt 39 Prozent) richteten sich Jobs, die ein solches Arbeiten aus der Ferne anbieten, an Programmierer, Texter, Marketingangestellte, Datenanalysten und Vertriebsexperten. Rund 1400 Stellenanzeigen stellten in den letzten 24 Monaten die Möglichkeit in Aussicht, eine Tätigkeit dauerhaft unabhängig von einem festen Standort zu verrichten.

Auch wenn die Zahl der Jobs für digitale Nomaden zunächst relativ hoch erscheint, machten diese nur 0,01 Prozent des knapp 16,8 Millionen Ausschreibungen umfassenden Online-Stellenmarkts aus. Zum Vergleich: 178.749 Jobanzeigen, also rund ein Prozent aller Inserate, führten im selben Zeitraum das Angebot auf, zumindest gelegentlich von zuhause aus zu arbeiten.


Mittel gegen Fachkräftemangel

Da diese Zahl deutlich geringer ist als das Ergebnis der eingangs genannten Umfrage von Bitkom, kann man vermuten, dass nur ein Bruchteil der Unternehmen dieses Arbeitsmodell auch in ihre Stellenbeschreibungen aufnimmt.

Eine andere Studie, über die wir kürzlich berichtet haben, zeigt, dass Home-Office darüber hinaus nur bei 24 Prozent im Arbeitsvertrag geregelt ist. Für Harald R. Fortmann, Botschafter für die Arbeitswelt der Zukunft im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW), ist das keine Überraschung: „Häufig handelt es sich um Kulanzregelungen ohne festgelegte Kriterien. Vor allem in größeren Unternehmen gibt es aber offizielle Betriebsvereinbarungen, in denen die Bedingungen festgelegt sind.“

Positionen in der Softwareentwicklung bieten am häufigsten die Chance, bürounabhängig tätig zu sein. Insgesamt 267 Anzeigen, rund 19 Prozent der analysierten Jobs, richteten sich an Programmierer. Besonders beliebt waren dabei Java, JavaScript, Fullstack und PHP Entwickler mit jeweils 35, zwölf und zehn (im Falle der beiden letztgenannten Spezialisierungen) Nennungen. Es folgen Texter mit 104 (8 Prozent) und Marketingfachkräfte mit 63 (5 Prozent) Stellenanzeigen. Den Rängen vier und fünf lassen sich Datenanalysten und Vertriebsangestellte mit 52 und 50 Inseraten beziehungsweise je vier Prozent aller Stellen zuordnen.

Die Option, einer Tätigkeit über einen längeren Zeitraum hinweg mobil und von unterschiedlichen Orten aus nachzugehen, scheint darüber hinaus besonders attraktiv für Arbeitssuchende. Joblift verglich die Dauer, über die die obengenannten fünf Berufe mit und ohne Möglichkeit der Distanzarbeit hinweg ausgeschrieben waren. Beinhalteten die Anzeigen die Berechtigung, aus der Ferne zu arbeiten, so blieben sie im Median nur 17 Tage online geschalten, während die Vakanzen ohne dieses Angebot 27 Tage lang aktiv waren.

Insbesondere bei stark nachgefragten Berufsgruppen wie Programmierern kann die Arbeit ohne Präsenzpflicht demnach als Mittel gegen den Fachkräftemangel eingesetzt werden – vorausgesetzt, die Firmen bringen den Angestellten ausreichendes Vertrauen entgegen. „Hier besteht vor allem kulturell eine riesige Lücke. Es wird seine Zeit brauchen, bis alle Führungskräfte verstanden haben, dass sich flexibles Arbeiten positiv auf die Produktivität und Arbeitsergebnisse auswirken kann“, erklärt BVDW-Mann Harald R. Fortmann. „Wer als Arbeitgeber im Rennen um die besten Köpfe mithalten will, muss sich darauf einstellen können.“


Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%