Junge Briten lehnen Brexit ab: Ein Riss durch die Familien

Junge Briten lehnen Brexit ab: Ein Riss durch die Familien

, aktualisiert 25. Juni 2016, 08:17 Uhr
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Bei dem Referendum haben sich die älteren Briten anders entschieden als die jungen.

von Anna Gauto und Kerstin LeitelQuelle:Handelsblatt Online

Der überraschende Ausgang des britischen Referendums droht die Nation zu spalten: Von Nord nach Süd, von alt zu jung. Es zeichnet sich ein Konflikt der Generationen ab, denn gerade junge Briten sind enttäuscht.

LondonAm Tag nach dem Referendum strahlt über dem Londoner Himmel die Sonne – doch die Stimmung in Großbritanniens Hauptstadt ist alles anderes als heiter. Viele Städter sind enttäuscht über das Ergebnis des Referendums – gerade hier hatten sich viele überzeugt gezeigt, dass das Land nicht aus der Europäischen Union (EU) ausscheren wird. Keiner in ihrem Freundeskreis werde für „Leave“ stimmen, hatte die 29-jährige Rosie noch kurz vor der Wahl gesagt. Nur die Mutter ihres Freundes sei für den Ausstieg. Und auch eine junge Frau an der Bahnstation in London war überzeugt: „Wir müssen in der EU bleiben – dieser Meinung sind hier in London alle.“

Sie haben sich getäuscht. Wie so viele. 46,5 Millionen Briten hatten am Vortag ihre Stimme abgegeben. 51,9 Prozent der Wähler hatten für den Austritt aus der EU gestimmt. Somit wird Großbritannien aus der EU austreten.

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Hätten nur Londoner abgestimmt, wäre die Wahl anders ausgegangen: Mehr als 60 Prozent der Hauptstädter hatten ihr Kreuzchen bei „Remain“ gemacht, in vielen Stadtteilen sogar über 78 Prozent – tatsächlich zählt die Stadt zu den Hochburgen der EU-Befürworter. Auch in Schottland dürfte die Enttäuschung besonders groß sein: Mit 62 Prozent hatten hier 1,7 Millionen und somit besonders viele Wahlberechtigte für „Remain“ gestimmt. Das Gegenlager kam nur auf 38 Prozent. In Nordirland waren 55,8 Prozent für den Verbleib. In Wales und dem weitaus bevölkerungsstärksten England hingegen hatte das „Leave“-Lager gepunktet.

In England hatten 15,2 Millionen für den Abschied aus der EU gestimmt. Besonders viele „Leave“-Anhänger gab es in Cumbria, eine Grafschaft im Nordwesten Englands. Für Wirtschaftsexperten keine Überraschung: „Der typische Brexit-Gegner lebt in der Großstadt, ist sehr gebildet, eher jung und hat einen guten Job“, hatte Ifo-Präsident Clemens Fuest bei einer Clubabend des Handelsblatt erklärt. Städte wie London, aber auch Universitätsstädte wie Cambridge, Oxford, Liverpool, Manchester und Bristol erwiesen sich als Hochburgen der EU-Freunde.


Der typische Brexiteer

Das erklärt aber auch, warum es so viele EU-Gegner gibt: diejenigen, die sich als Verlierer der Wirtschaftsentwicklung und der Globalisierung sehen. Viele EU-Gegner sehen zudem die Einwanderungspolitik der EU kritisch und fürchten, dass Einwanderer ihnen Arbeitsplätze wegnehmen. Auch fürchten manche, dass Einwanderer Ansprüche an den Sozialstaat stellen und mit ihnen in Konkurrenz treten.

Doch es ist vor allem eine andere Erkenntnis, die in Großbritannien für Diskussionen sorgt: Hätten nur die unter 50-Jährigen gewählt, wäre das Land in der EU geblieben. In der Altersgruppe zwischen 25 und 49 Jahren haben 55 Prozent für den EU-Verbleib gestimmt, wie der „Daily Telegraph“ und die „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf eine Umfrage von You Gov berichten.

Von den 18- bis 24-Jährigen wollten 75 Prozent in der EU bleiben. Doch die ältere Generation hat sie überstimmt. Jenseits der 50 votierten die Briten mehrheitlich für den Brexit. Bei den über 65-Jährigen haben 61 Prozent „Leave“ auf dem Wahlzettel angekreuzt. Der Blick auf die Alterspyramide zeigt, warum die Jungen bei dem Votum keine Chance hatten: In Großbritannien leben sieben Millionen Menschen, die unter 25 Jahre alt sind – sie mussten es mit 14 Millionen Briten, die über 60 sind, aufnehmen.

Die jungen Briten müssen nun auslöffeln, was die Alten ihnen eingebrockt haben. Bei einer Lebenserwartung von 90 Jahren müssen die Briten, die heute 18 bis 24 Jahre alt sind, im Durchschnitt 69 Jahre mit der Entscheidung der Alten leben. Nach dem Brexit-Votum haben sich daher junge Menschen spontan zu privaten „Trauer-Veranstaltungen“ zusammengefunden. „Das nicht mehr das Land meiner Generation“, sagt die 21-jährige Catherine Johnson aus Liverpool.

Quelle:  Handelsblatt Online
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