Kampf der sozialen Stände: Die Gentrifizierung der Trockenwurst

Kampf der sozialen Stände: Die Gentrifizierung der Trockenwurst

, aktualisiert 20. Februar 2017, 19:24 Uhr
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Französische Trockenwurst ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Fettfrei soll sie sein und in den Diätplan passen. Das fordern jedenfalls einige französische Kunden.

Quelle:Handelsblatt Online

In Frankreich tobt der Kampf zwischen Arm und Reich – vor allem bei den Essgewohnheiten. Die Wohlhabenden fordern fettfreie Wurst, die untere Schicht bezahlbares Gemüse. Doch kann die Gentrifizierung gestoppt werden?

ParisWie in vielen anderen Großstädten tobt in Paris ein permanenter Kampf zwischen Wohlhabenden, Mittelschicht und Habenichtsen um einzelne Stadtviertel. Meist geht es um Wohnraum und Arbeitsstätten, aber die Auseinandersetzung findet auch auf anderen Schauplätzen statt. Die Soziologen Michel und Monique Pinçon beschreiben, wie sich die Essgewohnheiten in Vierteln verändern, die von volkstümlichen zu gehobenen wurden, etwa im Marais oder rund um die Place de la Bastille.

In der Rue de Lappe, nicht weit von Bastille entfernt, gibt es die traditionelle Metzgerei „Aux produits d’Auvergne“, wo es Produkte aus dem Zentrum Frankreichs zu kaufen gibt wie eine regionstypische luftgetrocknete Wurst. Die bereitet dem Chef Sorgen: Die neue Kundschaft achtet mehr auf ihre Linie als die früheren Käufer. Sie mag keine fetthaltige Wurst, deshalb muss der Metzger sich oder besser gesagt sein Rezept umstellen: „Ich habe den Fettgehalt verringert, die Wurst enthält jetzt fast nur noch Fleisch.“ Mit einer klassischen Auvergne-Wurst habe das nicht mehr viel zu tun, aber was bleibt ihm anderes übrig.

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Ähnliche Entwicklungen sieht man in anderen Stadtteilen, etwa in einem der ärmsten, La Goutte d’Or im 18. Arrondissement im Norden von Paris. Emile Zola beschrieb es als einen Hort des Elends, dabei finden sich durchaus sehr schmucke Bürgerhäuser. Nach den 60er-Jahren setzte eine massive Zuwanderung ein, aus Nordafrika und afrikanischen Staaten. Auch hier hat die Gentrifizierung begonnen, weil mit Quadratmeterpreisen um 6.500 Euro Wohnraum für Pariser Verhältnisse noch sehr preiswert ist.

Doch die seit Jahrzehnten ansässige ursprünglich zugewanderte Bevölkerung weicht nicht so leicht. In einer der zentralen Straßen der Goutte d’Or, wie der Rue de Suez, fühlt man sich auf einen afrikanischen Markt versetzt. Als Weißer ist man hier noch eine exotische Randfigur. Drei Arten von Geschäften prägen das Bild: Gemüseläden mit allerlei Knollengewächsen wie Maniok, Friseure und Stoffgeschäfte. Wer Wax-Stoffe mit den farbenfrohen afrikanischen Motiven liebt, findet hier das beste und günstigste Angebot in Paris. Die Ware kommt teils aus Holland, teils aus Afrika. Immer mehr finden die Stoffe verarbeitet zu Blusen, Kleiden und Jacken mittlerweile in Mainstream-Modegeschäften auch in anderen Stadtteilen.


Manche Orte von Gentrifizierung verschont

Nach Preis und Design beginnen die Geschäfte in der Goutte d‘Or sich auszudifferenzieren. Neben winzigen Läden, in denen die Ware einfach übereinander gestapelt wird, findet man heute auch schickere, wo die Stoffe sorgfältig herausgestellt werden und es auch Espadrilles oder High Heels aus Wax-Stoffen gibt.

In der Rue Doudeauville hat sich über alle Einwanderungs- und Verbürgerlichungswellen hinweg ein französischer Handwerker gehalten, Cadre Exquis. Seit Generationen fertigt die Familie Bilderrahmen an. Der heutige Inhaber sagt, die Gentrifizierung sei zu spüren, schreite aber nicht sehr schnell voran. Das Viertel hat einen schlechten Ruf, weil am Boulevard Barbès ein Schwerpunkt des Handels mit Drogen und illegalen Zigaretten besteht. „Dabei ist es hier völlig ruhig, die verschiedenen Nationalitäten leben ganz friedlich zusammen,“ sagt der Inhaber. Doch eines fällt ihm auf: „Sie vermischen sich nicht, man bleibt immer unter sich.“

Am Anfang der Straße hat sich ein Bio-Restaurant niedergelassen, es wirkt wie ein Ufo mitten unter den afrikanischen Geschäften. Die Kunden sind tatsächlich rein weiß. Ein gutes Stück weiter, gegenüber der Kirche Saint Bernard, gibt es ein freundliches Café, „La Môme“. Das war der Spitzname von Edith Piaf, die aus dem Arbeiterviertel Belleville stammte. Auch hier im Café sieht man nur Bleichgesichter. Dekoration und Räumlichkeiten wirken wie die eines üblichen Pariser Cafés. Doch so ganz ist es das nicht, die früheren Inhaber kann man noch ausfindig machen: Vor den Toiletten hängt ein reich im marokkanischen Stil verziertes Handwaschbecken an der Wand.

Ein paar Schritte weiter wurde die Gentrifizierungswelle noch gestoppt: Ein algerischer Friseur bietet einen Männerhaarschnitt für acht Euro an. Und gleich nebenan gibt es in einem ganz einfachen Geschäft mit nacktem Betonboden kiloweise frische Minze, Blattpetersilie und Koriander für jeweils ein paar Cent. Der Duft ist so appetitanregend, dass man sich am liebsten bündelweise eindecken würde. Beim Einkauf hoffen wir, dass Maghrebiner und Afrikaner hier noch eine ganze Weile durchhalten werden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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