Kampf im Büro: Wer hat Angst vor der Frauenquote?

Kampf im Büro: Wer hat Angst vor der Frauenquote?

, aktualisiert 17. Juni 2013, 13:32 Uhr
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40 Prozent Frauen in Vorständen?

von Dana HeideQuelle:Handelsblatt Online

Wenig spaltet die Nation so wie das Thema Frauenquote. Die CDU verschiebt das Thema in die Zukunft, die SPD ist dafür. Die Wahl im September wird auch eine Weichenstellung für die Zukunft der Vorstandsetagen.

Düsseldorf „Unrealistisch“, sagt Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth. „Unzulässiger Eingriff in das Eigentumsrecht der Aktionäre und Unternehmen“, wettert Fresenius-Chef Ulf Schneider. „Falsch“, findet DIHK-Chef Eric Schweitzer. Und Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen schmunzelt, wenn auf der Hauptversammlung nur wenige klatschen, wenn er das Ziel erwähnt, mehr Frauen in Führungsposten zu bringen.

Wenn es um die Frauenquote geht, hat jeder eine Meinung, wenn auch nicht so eindeutig wie die vier Herren. Die Wirtschaft ist mehrheitlich gegen die Quote und versucht sich mit Selbstverpflichtungen vor ihr zu schützen. Mit mäßigem Erfolg, auch weil das Thema die Parteien innerlich zerreißt.

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In der CDU etwa sind die einen pro, die anderen contra die Quote. Geeinigt haben sich die die Christdemokraten bislang auf eine Einführung einer 30-Prozent-Quote in Aufsichtsräten ab dem Jahr 2020. Frühestens 2014 soll zunächst die „Flexiquote“ von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder gesetzlich verankert werden – eine Selbstverpflichtung der Unternehmen zu einem individuell gesetzten Frauenanteil in Führungspositionen. Der Koalitionspartner FDP lehnt jede Quote ab.

Die SPD ist für eine wesentlich weitreichendere Quote als die CDU. Aber auch hier zeigt sich Zerrissenheit – mitunter sogar innerhalb einer Person. So war SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück vor einigen Jahren noch strikt gegen die Quote – heute fordert er sie, damit endlich mehr Frauen in die Vorstände einziehen. „Vor einigen Jahren habe ich es für möglich gehalten, dass die Wirtschaft dies freiwillig bewerkstelligt. Inzwischen stelle ich fest: Sie tut es nicht“, begründete er in einem Interview mit der Tageszeitung „taz“ seinen Sinneswandel. Steinbrück setzt sich für eine gesetzliche Mindestquote von 40 Prozent ein: „in Vorständen und Aufsichtsräten.“ Auch die Grünen sind dafür.

Aktuelle Zahlen belegen die Einschätzung von Steinbrück. Laut einer Studie der Managerinnen-Initiative „Frauen in die Aufsichtsräte“ (Fidar) sind auch im Jahr 2013 noch fast 90 Prozent aller Vorstands- und Aufsichtsratsposten bei allen börsennotierten Unternehmen in Deutschland mit Männern besetzt. Der Anteil der Frauen liegt bei 11,1 Prozent. Auch die vergangenen Donnerstag veröffentlichten Zahlen der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers sind ernüchternd. In den Aufsichtsräten der 30 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands, die im Deutschen Aktienindex Dax gelistet sind, sind nur 21,7 Prozent der Mitglieder weiblich – eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr von gerade einmal 3,7 Prozentpunkten. Und die meisten weiblichen Mitglieder entsenden die Arbeitnehmer.

Einen Grund für die geringe Quote hat etwa Hans-Joachim Körber, Aufsichtsratschef von Air Berlin und Ex-Chef des Handelskonzerns Metro, ausgemacht. Es gebe nicht genügend qualifizierte Kandidatinnen: „Ich würde mir auch ein größeres Reservoir von Top-Frauen wünschen.“


„Soll ich Männer zwangsweise in Rente schicken?“

Wenig überraschend: Vor allem Männer lehnen die Quote für Management-Jobs ab. In einer aktuellen Umfrage der privaten Fachhochschule für Ökonomie und Management (FOM) sagten 93 Prozent der männlichen Nachwuchsführungskräfte, dass sie eine Frauenquote ablehnen.  Bei den Frauen waren es 47 Prozent. Insgesamt wurden 760 Teilnehmer um ihre Meinung zu dem Thema gebeten. Selbst gestandene Bosse wie Daimler-Chef Dieter Zetsche jammern: „Soll ich Männer zwangsweise in Rente schicken?“

Doch Männer haben nicht nur Angst vor einer gesetzlichen Quote, sondern auch vor speziellen Förderprogrammen. Laut einer Umfrage des VAA, ein Zusammenschluss von Führungskräften der Chemiebranche, empfinden 50 Prozent der männlichen Teilnehmer Maßnahmen, mit denen Frauen der Aufstieg erleichtert werden soll, als „negativ“ für ihre eigene Karriere. 

Eine kürzlich veröffentlichte Studie des schwedischen Ökonoms Torsten Persson, Professor für Wirtschaft an der Universität Stockholm und an der London School of Economics, gab den Befürchtungen der Männer nun Recht – die Frauenquote kann Nachteile auf ihre Karriere haben – sofern sie selbst nicht ausreichend qualifiziert sind. Persson und seine Kollegen Timothy Besley, Olle Folke und Johanna Rickne untersuchten, wie sich die Frauenquote auf die Qualität der Mitarbeiter in der schwedischen Kommunalpolitik auswirkte. Das Ergebnis: Quoten, die die Geschlechtergerechtigkeit fördern, heben die gesamte Qualität der Belegschaft – denn mittelmäßige Männer haben dann geringere Chancen.

Wie rasch eine Quote in Deutschland kommt und welchen Umfang sie haben wird – den Ausschlag geben wird die Bundestagswahl im September. Es sind noch 97 Tage.

Quelle:  Handelsblatt Online
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