Karriere und Management: Warum sich Chefs falsch einschätzen

Karriere und Management: Warum sich Chefs falsch einschätzen

, aktualisiert 14. Juni 2016, 15:44 Uhr
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Die Mitarbeiter trauen sich oft nicht, offen Kritik auszuüben. So kann der Chef leicht der Illusion erliegen, dass doch alles prima läuft.

von Carina KontioQuelle:Handelsblatt Online

Wenn man als Chef nur noch Gutes von seinen Leuten hört, gibt es zwei Erklärungen: Entweder hat man seinen Leuten die Kritik ausgetrieben – oder man merkt nichts mehr. Über das riskante Phänomen der Selbstüberschätzung.

KölnAls Bodo Janssens Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, lag plötzlich die strategische Ausrichtung und das gesamte operative Geschäft in den Händen des Juniors – ein zahlenfixierter Lebemann, süchtig nach Anerkennung und Bestätigung. Es lief wirtschaftlich gut, Janssen saß irgendwann relativ selbstzufrieden in seinem Büro und hielt sich für einen tollen Manager. Doch seine Mitarbeiter sahen das anders. Sie wurden krank, kündigten, Bewerbungen blieben aus. Der Ruf als Arbeitgeber: miserabel. Eine darauffolgende Mitarbeiterbefragung: niederschmetternd.

Kontrollwahn, Zahlenhörigkeit und Angsthierarchien: Der inzwischen geläuterte aber einst sozialallergische Unternehmer aus Ostfriesland ist kein Einzelfall. Steve Jobs, Jack Welch, Ferdinand Piëch: das sind alles zwar große CEOs, aber nicht gerade Synonyme für empathisches Führen. „Ich bin”, „Ich kann”, „Ich will”, vor allem bei Führungskräften klaffen Selbst- und Fremdbild häufig auseinander. Ein altes Phänomen, das schon der Schriftsteller Ödön von Horváth mit den Worten: „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu” beschrieb.

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Einer Forsa-Umfrage zufolge sind 95 Prozent der Manager davon überzeugt, dass sie eine gute und beliebte Führungskraft sind. Auf der anderen Seite beschreibt das Meinungsforschungsinstitut Gallup, dass 85 Prozent der Beschäftigten im Job unzufrieden sind. Der Hauptgrund? Sie gebrauchen ihren Kopf überwiegend nur noch zu dem Zweck, ihn über den Chef zu schütteln. Warum aber schätzen sich so viele viele Führungskräfte so falsch ein? Chefs, die eigentlich genügend Seminare besuchen und ein Buch nach dem anderen zum Thema Führung lesen?

„Manager, die sich jeden Abend in den Schlaf weinen, gelingt der Aufstieg nicht“, weiß Rüdiger Hossiep, Wirtschaftspsychologe an der Universität Bochum. Daher sei es für eine erfolgreiche Karriere zunächst wichtig, über die entsprechende psychische Konstitution, also ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein zu verfügen. „Menschen, die sich stark überschätzen, kommen dadurch leichter in Führungspositionen“, erklärt auch der Wirtschaftspsychologe Uwe Kanning von der Hochschule Osnabrück das klassische Stereotyp des „Alpha-Männchens“.

Allerdings hat die Sache einen Haken: So entfaltet sich in Unternehmen geradezu organisch ein System, das dafür sorgt, dass diejenigen, die an der Hierarchiespitze stehen, nur konstante, selbstwertdienliche Informationen erhalten. Hossiep: „Also nach dem Motto: Mensch Chef, bist du gut!“ Es läuft super, man hat die Dinge im Griff et cetera. „Die Mitarbeiter wissen genau, was sie risikolos nach oben kommunizieren können. Falls doch mal Kritisches hoch kommt, wird es von den Zwischenebenen weggefiltert“, so der Bochumer Wirtschaftspsychologe.


„Irgendwann glaubt man, man ist unfehlbar“

Selbstkritik und Reflexion? Fehlanzeige. Die Mitarbeiter trauen sich nicht, offen Kritik auszuüben. Wenn keine anonyme Mitarbeiterbefragung gemacht wird, kann der Chef leicht der Illusion erliegen, dass doch alles prima läuft. „Treten Probleme auf, bleiben dann eigentlich nur noch andere, denen man die Verantwortung zuschieben kann“, erklärt Kanning. „Irgendwann glaubt man, man ist unfehlbar – eine Art mentale Zentralverriegelung für negatives Feedback, die sich nach zwei bis drei Jahren an der Spitze fast zwangsläufig einstellt“, weiß auch Hossiep.

Um erfolgreich gegensteuern zu können, so Kanning, ist die Fähigkeit zur Selbstreflexion eine der wichtigsten Kompetenzen, die ein Manager mitbringen muss. Ebenso gehört es dazu, Konflikte unter den Mitarbeitern auch in Bezug auf das eigene Führungsverhalten zu reflektieren. Nur wer sich selbst hinterfragt, kann auch aus seinen Fehlern lernen – und dadurch zu einem besseren Chef werden. Auch dürfe, so Hossiep, kritisches Feedback von Mitarbeitern keinesfalls negativ sanktioniert werden. „Vielmehr gilt es, die Kritiker besonders zu pflegen“, rät er. „Wenn man nur noch Gutes hört, gibt es nur zwei Erklärungen: Entweder hat man seinen Leuten die Kritik ausgetrieben oder man merkt nichts mehr.“

Bodo Janssen, dessen Hotelkette Upstalsboom heute mehrfach als einer der beliebtesten Arbeitgeber ausgezeichnet wurde, ist so eine radikale Kehrtwende gelungen. Geholfen hat dem Mittelständler vor allem die Beschäftigung mit sich selbst, eineinhalb Jahre lang ging er parallel zum operativen Geschäft ins Kloster, um von Persönlichkeiten wie Pater Anselm Grün zu lernen und über das Thema Führung zu meditieren. Vom selbstgefälligen Saulus, der seine Mitarbeiter nur als Mittel zum Zweck betrachtet, zum empathischen Paulus, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, seine Mitarbeiter glücklich zu machen.

Doch wie realistisch ist es, dass man seinen Führungsstil so radikal ändern kann? Uwe Kanning hält das zumindest nicht für unmöglich. „Prinzipiell ist der Führungsstil veränderbar, aber sicher nicht beliebig“, sagt der Wirtschaftspsychologe. „Der Einzelne müsste zudem eine sehr hohe Veränderungsbereitschaft mitbringen, was aber eher ungewöhnlich wäre, da er mit seinem alten Stil ja subjektiv erfolgreich war.“
Nicht selten sind gravierende Änderungen des Führungsstils daher das Ergebnis langer, harter Arbeit an sich selbst, fasst Rüdiger Hossiep zusammen. „Plötzlich kann das nur durch kritische Lebensereignisse passieren. Eine Mitarbeiterbefragung gehört in der Regel nicht dazu – kann jedoch der Auslöser für einen längeren Prozess sein - oder aber der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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