Forschung Schlafmangel ist ein Leistungskiller

Der Schlafmediziner Charles Czeisler im Interview mit der WirtschaftsWoche über Schlafmangel als Leistungskiller, die fehlende Selbsterkenntnis von Managern und Richtlinien als Wettbewerbsvorteil für Unternehmen.

WirtschaftsWoche: Professor Czeisler, haben Sie vergangene Nacht gut geschlafen? Czeisler: Ja, danke. Ich versuche, sieben bis acht Stunden Schlaf pro Nacht zu bekommen. Das ist mir auch vergangene Nacht gelungen. Und wenn Sie einmal weniger schlafen? Kein Problem. Eine Nacht mit wenig Schlaf ist unproblematisch. Aber auf Dauer merke ich, dass ich dann nicht mehr so leistungsfähig bin. Welche Folgen hat schlechter Schlaf? Ganz einfach: Die Leistung sinkt. Und zwar rapide. Wer etwa länger als 18 Stunden wach ist, büßt massiv Reaktionszeit ein. Er kann sich schlechter konzentrieren, weniger merken und räumlich nicht so gut orientieren. Gleichzeitig verschlechtern sich die mentale Verarbeitungskapazität und die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Dauerhafter Schlafmangel verstärkt diese Effekte noch mehr und lässt sie früher wirken. Was beeinflusst die geistige Leistungsfähigkeit genau? Erstens: Menschen spüren einen Schlafdruck, je länger sie wach sind. Irgendwann übernimmt der Schlaf das Bewusstsein — der bekannte Sekundenschlaf. Zweitens: Das Gehirn ist abhängig von der Summe an Schlaf. Wer fünf Tage lang nur vier Stunden schläft, erreicht ein geistiges Niveau, als wäre er 24 Stunden lang wach. Drittens: Jeder Mensch hat einen Biorhythmus, der dem Schlafdruck entgegenarbeitet. Früh morgens sorgt eine Art zyklischer Schrittmacher dafür, dass wir nicht zu früh aufwachen, weshalb Frühaufsteher häufig noch etwas schläfrig bleiben, abends — ein bis drei Stunden bevor wir ins Bett gehen — macht er uns wiederum wach. Da ab Nachmittag der Schlafdruck ansteigt, der zyklische Schrittmacher aber noch nicht wirkt, werden die meisten müde. Viertens: Nach dem Aufwachen braucht das Gehirn etwa 20 Minuten, bis es funktioniert. Das ist wie bei einem Motor, der erst warmlaufen muss. Ist das für junge wie ältere Managerinnen und Manager gleich? Nein. Älteren fällt das Schlafen schwerer. Ihr Schlaf wird unruhiger. Ältere wachen durch Lärm oder leichte Schmerzen schneller auf. Es steigt die Gefahr von Schlafstörungen wie Apnoe, also Atemaussetzern. Das zyklische Zeitfenster, in dem sie festen Schlaf bekommen, wird enger. Deshalb strengen sie Überseereisen mehr an. 20-Jährigen fällt es dagegen leicht, auch mal zur biologischen Tageszeit zu schlafen. Im Alter ist das kaum möglich. Gleiches gilt fürs Ausschlafen oder Schlaf nachtanken am Wochenende. Und Schlafdefizite führen zu Fehlentscheidungen? Absolut. Es gibt Katastrophen, die sicher auf Schlafmangel zurückzuführen sind, wie der Challenger-Absturz. Studien-Probanden mit Schlafmangel verloren mehrere IQ-Punkte. Wir wissen, dass das Risiko falscher Diagnosen bei jungen, übermüdeten Ärzten um 454 Prozent steigt. Und das wird in der Arbeitswelt nicht ernst genommen? Anscheinend nicht. Wir leben in einer Gesellschaft auf Schlafentzug. Die Wirtschaft fordert von ihren Angestellten hohe Leistungsbereitschaft. Ich kenne Manager, die die Kerze von beiden Seiten anzünden: Morgens um sieben Uhr beginnen sie den Bürotag mit einem Arbeitsfrühstück. Abends sind sie noch zum Geschäftsessen eingeladen. Die bekommen im Schnitt vielleicht vier Stunden Nachtruhe. Wenn sie das zehn Tage lang machen und nur ein Bier trinken, wirkt das wie ein Sixpack im Ruhezustand! Und das fällt nicht auf? Ganz klar: nein. Die meisten Entscheidungsträger erkennen nicht einmal, dass Schlafmangel ihre Leistungsfähigkeit reduziert. Weil ihre Produktivität dadurch sinkt, arbeiten sie noch länger und bekommen so wiederum weniger Schlaf. Das ist ein gefährlicher Teufelskreis und die Antithese zu intelligentem Management. Was empfehlen Sie dagegen? Unternehmen brauchen Richtlinien. Es gibt ja auch Richtlinien zum Nichtraucherschutz oder zur Sicherheit am Arbeitsplatz. Geschäftsreisende erwarten auch von Piloten, dass sie keinen Alkohol trinken, bevor sie in den Flieger steigen. Angemessene Schlafrichtlinien sind eine geschickte Geschäftsstrategie. Unternehmen, die dem Thema Aufmerksamkeit schenken, sind nachweislich kreativer und produktiver. Wie sollten diese Richtlinien aussehen? Arbeitnehmer sollten nicht mehr als zwölf Stunden hintereinander arbeiten und nur in Ausnahmen bis 16 Stunden. Das gilt auch für Führungskräfte. Mehr als 15 Stunden Arbeit macht keinen Sinn. Vielreisende sollten Nachtflüge vermeiden. Wenn es nicht anders geht, sollte ihnen zumindest ein Tag Erholungspause gegönnt werden, bevor sie in ein wichtiges Meeting gehen oder sich ans Steuer eines Mietautos setzen. Die Mitarbeiter müssen lernen, Schlaf als ernste Angelegenheit zu betrachten.

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