Kelp-Bestand geht zurück: Warme Meere lassen Unterwasser-Wälder schrumpfen

Kelp-Bestand geht zurück: Warme Meere lassen Unterwasser-Wälder schrumpfen

, aktualisiert 23. August 2017, 11:42 Uhr
Quelle:Handelsblatt Online

Kelp-Wälder bieten nicht nur einen überwältigenden Anblick für Taucher, sie sind auch wichtige Meeresökosysteme und haben große wirtschaftliche Bedeutung. Doch der Klimawandel setzt ihnen weltweit zu.

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In Japan und anderen Teilen der Welt schrumpfen die Tang-Wälder dramatisch.

Appledore IslandDamit hatte Jennifer Dijkstra nicht gerechnet. Als die Meeresbiologin vor ein paar Jahren im Golf von Maine tauchen ging, erwartete sie einen Ausflug durch einen wogenden Kelp-Wald – eine massive Ansammlung von Dutzenden Metern hohen Seetang-Strängen, die mit ihren dichten blattähnlichen Wedeln Lebensraum und Nahrung für zahlreiche Fischarten und andere Kreaturen bieten. Aber Dijkstra sah nur einen gefleckten Meeresboden.

Ein großer Teil des Zuckertanges war verschwunden, ersetzt durch invasiven strauchartigen Seetang, der wie ein riesiger Zottelteppich aussah. „Ich erinnere mich daran, wie ehrlich schockiert ich darüber war, nur so wenige Kelp-Stränge zu sehen“, schildert die Biologin der University of Maine.

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Und sie steht nicht alleine da. Der Golf von Maine, der sich von Cape Cod im US-Staat Massachusetts bis zum kanadischen Neuschottland erstreckt, ist nur ein Beispiel für den alarmierenden Verlust von Kelp in vielen Teilen der Welt – sei es im Mittelmeer, vor den südlichen Küsten Japans und Australiens oder im Pazifik vor Kalifornien.

Kelp-Wälder, die zu den vielfältigsten Meeresökosystemen zählen, gibt es vor allen kontinentalen Küsten außer der Antarktis. Sie sind nicht nur Ausgangspunkt ganzer Nahrungsketten, sondern haben auch große wirtschaftliche Bedeutung für die Küstenregionen. Sie bescheren der Tourismus- und Fischereiindustrie Milliarden an Einnahmen und sind wegen ihres Reichtums an Mineralstoffen und Spurenelement auch in der Naturheilkunde beliebt.

Schuld an den zunehmenden Kelp-Verlusten ist laut mehreren wissenschaftlichen Studien wahrscheinlich die Meereserwärmung, die durch den Klimawandel erzeugt wird – gepaart mit der Ankunft invasiver Spezies: In Maine sind die „Eindringlinge“ andere Seetangarten, in Australien, dem Mittelmeer und Japan tropische Fische, die das Kelp fressen.

„Die Veränderungen zusammen sind Teil eines wachsenden globalen Trends, der die Kelpwälder auf der Welt vernichtet“, sagt Thomas Wernberg von der University of Western Australia. Er ist Mitverfasser einer 2016 veröffentlichten Studie, nach der in den vergangenen 50 Jahren 38 Prozent der Kelp-Wälder in den Regionen, in denen Daten zur Verfügung standen, verschwunden sind.


Weniger Seewölfe und Seelachs

Vor der Südküste Australiens bedroht der Verlust an Tang-Wäldern eine umgerechnet 8,5 Milliarden Euro schwere Tourismus- und Fischereiindustrie. Im Mittelmeer hat das Absterben zu einer Verringerung der Artenvielfalt um 60 Prozent beigetragen, und in Japan wurde es vielfach für den Zusammenbruch der Abalone-Fischerei verantwortlich gemacht.

Kelp ist zwar generell äußerst widerstandsfähig, kann sich auch von Stürmen und Hitzewellen erholen. Aber in Maine etwa hat eine Explosion an gefräßigen Seeigeln in den 1980ern den Bestand stark dezimiert. Das, was übrig geblieben oder nachgewachsen ist, muss jetzt in Gewässern überleben, die sich stärker erwärmen als die meisten Ozeane der Welt – was sehr wahrscheinlich das Kelp zwingt, gen Norden oder in tieferes Wasser zu wandern.

„Was die Zukunft hält, ist komplizierter“, sagt Jarrett Byrnes von der University of Massachusetts in Boston. „Wenn sich der Golf von Maine genügend erwärmt, dann wird das Kelp es schwer haben zu überdauern.“

Meeresbiologin Dijkstra und Larry Harris, ein Kollege, haben die dramatischen Veränderungen vor Maine nicht nur bei ihren Tauchgängen um Appeldore Island mit eigenen Augen gesehen. Sie haben außerdem Unterwasserfotos und andere Unterlagen, die teils 30 Jahre zurückreichen, untersucht und die Ergebnisse in einer im April im „Journal of Ecology“ veröffentlichten Studie vorgestellt.

Demnach fanden sie heraus, dass zugewanderte Seetang-Spezies – manche davon aus Asien – im Golf von Maine um bis zu 90 Prozent zugenommen haben und dort zwischen 50 und 90 Prozent des Meeresbodens bedecken. Es gibt weitaus weniger aalartige Seewölfe und Seelachs, die sich einst in Kelp-Wäldern nur so tummelten.

Aber entdeckt wurde auch, dass die verschiedenen kleineren invasiven Seetang-Arten, die das Kelp ersetzen, bis zu drei Mal mehr kleine Krabben, Schnecken und andere wirbellose Lebewesen beherbergen. „Wir sind bisher nicht wirklich sicher, wie sich diese neue Meereslandschaft auf höhere Spezies im Nahrungsnetz auswirkt, besonders auf kommerziell wichtige wie Fische, Krebse und Hummer“, sagt Dijkstra. Sie glaube aber, dass die Fische diese Meereslandschaften jetzt anders nutzten als die früheren mit Kelp-Wäldern.

Quelle:  Handelsblatt Online
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