Kenia: Klimawandel sorgt für Kamel-Boom

Kenia: Klimawandel sorgt für Kamel-Boom

, aktualisiert 17. Juni 2017, 12:10 Uhr
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Mit der Waffe in der Hand bewacht Peter Ekua eine Kamelherde nahe der kenianischen Stadt Isiolo. In der Region kommt es immer wieder zu bewaffneten Überfällen und Viehdiebstählen.

Quelle:Handelsblatt Online

Immer mehr traditionelle Rinderzüchter steigen in Kenia auf die Haltung von Kamelen um. Die Tiere benötigen weniger Wasser, und ihre Milch ist nahrhafter. Nebenbei könnten so Stammeskonflikte abgebaut werden.

IsioloEin bisschen seltsam findet Peter Ekua es schon, dass er jetzt auf einen Haufen blökender Kamele achtgeben soll. Verlegen fuchtelt der 32-Jährige vom Stamm der Samburu mit seinem deutschen G3-Sturmgewehr in der Luft herum. Der Boden hier im Norden Kenias ist staubtrocken, Ekuas Kamelherde von 18 Tieren bleibt als Nahrung oft nur stacheligen Akazien.

Rinder waren in der Region bislang der ganze Stolz und Reichtum einer Familie. Doch der Klimawandel und die damit verbundenen Dürreperioden verdrängen langsam die Kühe – das Geschäft mit den Kamelen hingegen boomt.

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Ekua trägt sein Gewehr immer bei sich, um sich vor Feinden zu schützen. Gewalt ist alltäglich hier im Norden Kenias. Waffen gibt es im ganzen Land zuhauf. Sie kommen aus den Krisengebieten der Nachbarländer, etwa aus dem Südsudan oder aus Somalia. Seit Menschengedenken führen Rinderzüchter aus Kenias unwirtlichem Norden bittere und blutige Fehden um ihre Kühe. Und wenn es wie derzeit eine schlimme Dürre gibt, dann eskaliert die Situation.

Immer wieder kommen bewaffnete Angreifer nach Isiolo rund 200 Kilometer nördlich der Hauptstadt Nairobi, um Rinder zu rauben. „Aber wer stiehlt schon ein Kamel?“ fragt sich Ekua. „Die Kämpfer der Nachbarstämme lachen uns höchstens aus, wenn sie uns sehen.“ Der Konflikt wird von der Welt kaum bemerkt – es sei denn es trifft die überwiegend weißen Farmer, die zum Beispiel im nahen Bezirk Laikipia luxuriöse Touristencamps unterhalten.

Seit in Folge des Klimawandels Wasser und Weideland in Ostafrika knapp werden, ändern manche einheimischen Stämme der Rinder- und Ziegenzüchter langsam ihre Gewohnheiten. Immer häufiger lassen sich im Umland von Isiolo daher jetzt die Holzglocken der Wüstenschiffe vernehmen. Die Tiere brauchen kaum Wasser.

Der Klimawandel wirkt sich in Ostafrika unterschiedlich aus. Experten sind sich jedoch einig, dass vor allem bereits trockene Gebiete und Halbwüsten wahrscheinlich noch trockener werden.

Das ist Wasser auf die Mühlen der Kamel-Propheten: „Die Menschen haben den Nutzen der Kamele erkannt“, sagt Davis Ikiror von der Schweizer Hilfsorganisation Tierärzte ohne Grenzen (VSF): „Immer mehr Stämme steigen um.“ Die Zahlen der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) bestätigen das: Lebten im Jahr 2000 rund 700.000 Kamele in Kenia, waren es im Jahr 2014 schon über 2,9 Millionen. Mittlerweile sind es über drei Millionen.


„Wundermittel“ Kamelmilch

Wegen der anhaltenden Dürre sind dieses Jahr UN-Angaben zufolge rund 2,6 Millionen Menschen von insgesamt etwa 45 Millionen Einwohnern in Kenia auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Etwa jedes fünfte Kind im Bezirk Isiolo gilt als mangelernährt. Kamelmilch aber gilt als besonders nahrhaft, enthält wesentlich mehr Vitamin C als Kuhmilch, dafür kaum Zucker und ist deshalb für Kamelfan Ikiror ein „wahres Wundermittel“. Auch in Nairobis Cafés gibt es verstärkt „Camelchinos“ und andere Kaffeegetränke mit Kamelmilch zu kaufen.

Im Norden Kenias gibt es inzwischen auch für Hunderttausende Menschen nicht mehr genug sauberes Trinkwasser. „Während der letzten Trockenheit sind unzählige Rinder in Kenia verendet, doch die Kamele haben überlebt und gaben immer Milch“, sagt Ikiror.

Davon profitiert auch Anab Kassim. Seit einem Jahr besitzt die 37-jährige Mutter von sechs Kindern gemeinsam mit ihrer Familie vier Kamele. „Drei Liter geben sie am Tag“, sagt die Frau mit dem traditionellen bunten Halsschmuck der Samburu, „selbst in der größten Trockenheit“.

Jeden Tag zieht Kassim nun morgens mit den gelben Milcheimern zur Kooperative im Zentrum Isiolos. Kamele geben weniger Milch als Kühe, aber der Preis ist höher. „Und die Kuhkrieger lassen uns jetzt auch in Ruhe.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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