Klimagipfel in Marokko: Besuch beim Musterschüler

Klimagipfel in Marokko: Besuch beim Musterschüler

, aktualisiert 18. November 2016, 12:46 Uhr
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Die Gegend ist wie geschaffen für ein Solarkraftwerk, und der Kraftwerks-Komplex Noor wird eines der größten der Welt.

von Silke KerstingQuelle:Handelsblatt Online

In der kargen Gegend rund um das Städtchen Ouarzazate baut Marokko an seiner Zukunft. Das Königreich hat sich hohe Ziele bei der Energiewende gesteckt – und könnte zum Vorbild für den ganzen Kontinent werden.

OuarzazateGeröll, wohin man blickt. Freiwillig wächst hier nichts, jedes kleinste Fleckchen Grün muss bewässert werden. In der Ferne das Atlas-Gebirge, Schnee auf den Gipfeln. Doch so karg es hier ist, so sehr eignet sich das Gebiet rund um das marokkanische Städtchen Ourzazate als Standort für die Erzeugung von Solarstrom.

An durchschnittlich 320 Tagen im Jahr Sonne, viel Licht und vor allem eine hochintensive Sonneneinstrahlung – diese Kombination macht sich Marokko gerade zu Nutzen. Das nordafrikanische Land baut hier, 130 Kilometer südlich von Marrakesch, auf einem Hochplateau zwischen den Gebirgsketten des Hohen und des Kleinen Atlas am Rande der Sahara, das größte solarthermische Kraftwerk der Welt, Noor genannt, arabisch für Licht.

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Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) sieht in dem 2,2 Milliarden Euro-Komplex einen „Wegweiser für die ganze Region“. Es sei „beeindruckend, was hier technologisch geschaffen wird“, sagte die Ministerin bei ihrem Besuch am Donnerstag in Ourzazate. Die Gesamtanlage, mit viel Geld aus Deutschland mitfinanziert, besteht aus den Solarthermiekraftwerken Noor I bis Noor III und einer Photovoltaikanlage Noor IV. Noor I ist seit Januar in Betrieb, Noor II und III sind in Bau, bei Noor IV wurden gerade die Verträge zur Finanzierung unterzeichnet. Deutschland ist das Engagement einiges wert: Noor I wird mit 115 Millionen Euro unterstützt; 100 Millionen davon flossen als zinsverbilligtes Darlehen durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), der Rest als Zuschuss im Rahmen der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI). Bei Noor II bis IV ist Deutschland mit weiteren zinsverbilligten Darlehen in Höhe von 714 Millionen Euro dabei.

Ein Mammutprojekt, dessen gewaltige Dimensionen schon beim Anflug auf den Flughafen Ourzazate sichtbar werden. Noor I umfasst rund 10.000 in Reihen platzierte Parabolspiegel, jeder von ihnen acht Meter lang und zwei Meter breit. Jetzt, um die Mittagszeit, sind sie geöffnet wie Blumen, doch je nach Sonnenstand verändern sie vollautomatisch ihren Stand zur Sonne.

Die Spiegel konzentrieren die gleißenden Sonnenstrahlen auf ein in der Mitte verlaufendes Rohr, in der ein synthetisches Öl erhitzt wird, das wiederum Wasserdampf erzeugt, mit dem eine Turbine zur Stromerzeugung angetrieben wird. Der Clou des solarthermischen Kraftwerks: parallel wird die tagsüber produzierte Wärme auch in einer speziellen Salzlauge gespeichert. Damit kann in den Abendstunden, wenn der Energieverbrauch in Marokko besonders hoch ist, bis zu drei Stunden Strom produziert werden.


Marokko prescht an europäischen Ländern vorbei

Während Noor II dieselbe Technologie aufweist, nur mit größeren Spiegeln auf einer größeren Fläche versehen werden soll und damit mehr Energie verspricht, ist Noor III ein anderes Konstrukt, ein Solarturm. Hier sollen in den kommenden Monaten mehr als 7000 rechteckige Solarspiegel aufgebaut werden, die jeder für sich 180 Quadratmeter groß sind. Diese reflektieren die Sonnenstrahlen auf die Spitze eines 243 Meter hohen Turms, in dem Spezialsalz zirkulieren wird, das bis auf 600 Grad erhitzt werden kann. Eine Dampfturbine produziert dann nach Sonnenuntergang noch sieben Stunden lang Strom; Noor I kann das nur drei Stunden lang.

Insgesamt, erzählen die Techniker auf dem Gelände, sei Noor I so groß wie die gut 500.000 Einwohner zählende marokkanische Hauptstadt Rabat. Der Gesamtkomplex wird, wenn er 2018 abgeschlossen sein wird, so groß sein wie Barcelona.

Derzeit tummeln sich die Bauarbeiter auf dem Gelände, 4000 Menschen für den Bau von Noor II und III – für den Betrieb einer Anlage reichen dann rund 70. Viele Chinesen, Spanier, aber auch Marokkaner, die in dieser unwirtlichen Gegend vorher nicht allzu viele Jobs fanden, sind hier beschäftigt.

Doch Marokko, Veranstalter der heute zu Ende gehenden internationalen Klimakonferenz, hat die Energiewende eingeleitet. Das Königreich, das seinen Energiebedarf bisher überwiegend aus importierten fossilen Energien deckte, orientiert sich um. Bis 2030 soll der Anteil der installierten Stromerzeugungskapazität auf Basis regenerativer Energien bei 52 Prozent liegen. Dabei hilft Noor, aber auch andere Solarkraftwerke, die entstehen sollen. Auch auf Windkraft setzt das auf weiten Strecken wenig besiedelte Land, ebenso auf Wasserkraft.

Mit so viel Ehrgeiz prescht das nordafrikanische Land locker an vielen europäischen Ländern vorbei, das Ausbauziel für erneuerbare Energien in der EU ist nur auf 27 Prozent festgelegt. Die Bundesregierung plant mit einem Ausbau auf 40 bis 45 Prozent Ökostrom für das Jahr 2025.

Auch in anderen afrikanischen Ländern geht es voran. Noch vor zwei Jahren, erzählt KfW-Experte Markus Faschina, hätten viele Länder das Thema Erneuerbare Energien als zu teuer angesehen. Das habe sich mittlerweile gründlich geändert.

Inzwischen gelte es, auch dank Marokko, als eine Technologie, die verlässlich Strom liefern könne und von den Importen fossiler Energien unabhängig mache. Ourzazates Technik findet man übrigens in Deutschland nicht, die Sonneneinstrahlung ist zu gering.

Quelle:  Handelsblatt Online
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