Klimawandel in Megacitys: Wenn das Wasser steigt

Klimawandel in Megacitys: Wenn das Wasser steigt

, aktualisiert 22. November 2016, 16:10 Uhr
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Überschwemmungen gibt es in der Region um den drittgrößten See der Philippinen häufig.

von Mathias PeerQuelle:Handelsblatt Online

Mit milliardenschweren Investitionen bereiten sich Megacitys auf den Klimawandel und die Folgen vor. Doch die Projekte sind bei der lokalen Bevölkerung umstritten – und für beteiligte Firmen ein Reputationsrisiko.

ManilaEine Viertelstunde starker Regen reicht aus, um das philippinische Dorf Malaban am Rand der Metropolregion Manila unter Wasser zu setzen. Der Fischer Jasse Carlos stapft in Gummistiefeln durch die überfluteten Gassen. Mit Hochwasser hat der Ort an der Küste von Südostasiens drittgrößtem Binnensee Laguna de Bay regelmäßig zu kämpfen. Dennoch wehrt sich Carlos gegen ein Infrastrukturprojekt, das seine Heimat eigentlich vor den Wassermassen schützen soll: „Wenn der Deich kommt, verliere nicht nur ich meinen Job“, sagt der 57-Jährige. „Es wäre für den ganzen Ort eine wirtschaftliche Katastrophe.“

Der Deich, vor dem sich Carlos fürchtet, ist eines von vielen Großprojekten, mit denen sich die Megacitys Südostasiens vor Überflutungen durch Unwetter und einen steigenden Meeresspiegel schützen möchten. Allein in der philippinischen Hauptstadt will die Regierung in den kommenden Jahren mehr als sieben Milliarden Dollar ausgeben, damit die 13 Millionen Einwohner der Region gegen die Folgen des Klimawandels gewappnet sind. Das bietet auch deutschen Technologieanbietern neue Absatzchancen. Doch die milliardenschweren Projekte sind bei der lokalen Bevölkerung oft umstritten. Für ausländische Investoren bringt das Risiken mit sich.

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Um zu zeigen, weshalb er die Pläne zum Deichbau so vehement ablehnt, marschiert Carlos auf einen Hügel, von dem das Seeufer gut zu sehen ist. „Seit ich die Grundschule abgeschlossen habe, fahre ich da raus, um zu fischen“, sagt er. 20 Pesos pro Kilo, umgerechnet rund 40 Cent, verdient er damit. „Die Fische im See sind in den vergangenen Jahren zwar immer weniger geworden“, sagt Carlos. „Aber als Einnahmequelle sind sie für uns immer noch unverzichtbar.“ Carlos ist Dorfvorsteher in Malaban, „Chief“ steht in großen Buchstaben auf seinem Hemd. Er vertritt Dutzende Männer in dem Dorf, die das Bauprojekt bekämpfen: „Wenn der Deich kommt, wird es hier keinen einzigen Fisch mehr geben.“

Geht es nach den philippinischen Behörden, soll das 47 Kilometer lange Bauwerk 500 Meter vom Ufer entfernt entstehen und so die umliegenden Gebiete vor Wassermassen abschirmen. Auf der Deichkrone ist eine Mautstraße geplant. Die Bewohner von Malaban klagen: Wie sich das auf ihr Leben auswirken würde, interessiere die Behörden nicht. Den Einwohnern geht es nicht nur um den Fischfang, sondern auch um ihr Zuhause. Rund 2500 Familien müssten für das Vorhaben umgesiedelt werden, um Platz für Zufahrtsstraßen und Pumpstationen zu machen.

Aus Sicht von Almuth Schauber vom Hilfswerk Misereor ist der Fall beispielhaft für ein Problem, das in vielen Schwellenländern zunehmend zutage tritt: Um sich auf den Klimawandel vorzubereiten, sind Großinvestitionen in Umwelttechnik und gigantische Infrastrukturprojekte nötig. „Dabei entstehen jedoch soziale Probleme, die vor allem die Ärmsten treffen“, sagt Schauber, die beim katholischen Hilfswerk Misereor den Fachbereich für städtische Armut leitet.

Sie sieht die Wirtschaft in der Verantwortung, etwas gegen die Schattenseiten zu unternehmen. „Ich unterstelle, dass kein deutscher Mittelständler an Projekten beteiligt sein möchte, die Menschen ihre Lebensgrundlage nehmen“, sagt Schauber. „Aber vielen Firmen ist gar nicht bewusst, wie sehr sie in Sozialsysteme eingreifen.“


Aufregung in Jakarta

An den umstrittenen Vorhaben mitzuwirken ist für Unternehmen nicht nur ein Reputationsrisiko. Die Proteste der lokalen Bevölkerung können sie auch juristisch über Jahre beschäftigen. Gegen leitende Angestellte des hessischen Ingenieurdienstleisters Lahmeyer ging 2010 eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt ein.

Der Vorwurf: Sie sollen für die Überflutung von Dörfern und die Vertreibung von Menschen im Zusammenhang mit einem Staudammbau zum Hochwasserschutz im Sudan verantwortlich gewesen sein. Die Projektbeteiligten weisen die Vorwürfe zurück. Im April 2016 wurden die Ermittlungen eingestellt. Die Anzeigenerstatter haben dagegen jedoch Beschwerde eingelegt. Weil das Verfahren immer noch läuft, will sich Lahmeyer nicht detailliert über den Fall äußern.

Auch in Jakarta sorgt ein Großprojekt für Aufregung. Die indonesische Hauptstadt arbeitet an einer mehr als 30 Kilometer langen Mauer im Meer, die vor Überschwemmungen schützen soll. Investitionen von bis zu 40 Milliarden Dollar sind für den Kampf gegen Überflutungen vorgesehen. Anwohner protestieren jedoch. „Kritik ist durchaus berechtigt“, sagt Victor Coenen, Projektleiter bei dem niederländischen Ingenieurdienstleister Witteveen+Bos, der die Bauplanung verantwortet. „Fischgründe werden verloren gehen.“ Auch an nötigen Umsiedlungen gebe es Kritik. Das Unternehmen sieht sich vor einem Dilemma: Einerseits geht es um den Schutz von Millionen Einwohnern, andererseits leidet auch ein erheblicher Teil der Bevölkerung an den Maßnahmen. „Es sind ernste und komplexe Herausforderungen ohne einfache Auswege“, sagt Coenen. „Wir sehen uns aber in der moralischen Verantwortung, Lösungen zu finden.“

Carmelita Arlos ist eine der Betroffenen von eilig umgesetzten Umsiedlungsprogrammen. Sie wohnt in einem Retortendorf am Rand von Manila, in das vor sieben Jahren 1000 Familien umziehen mussten. Sie lebten früher in Slums an einem Flussufer. Um die umliegenden Gebiete vor Überschwemmung zu schützen, mussten sie gehen.

Die einstöckigen Hütten mit Wellblechdach sind kaum größer als 20 Quadratmeter. Von vielen Wänden bröckelt der Putz ab. Arlos lebt hier mit ihrem Mann und fünf Kindern. „Vor Unwettern müssen wir uns jetzt nicht mehr fürchten“, sagt Arlos. Dennoch wünscht sie sich ihr altes Leben zurück: „Wir sind hier viel zu weit entfernt von der Stadt“, sagt sie. „Es gibt hier keine Jobs. Niemand kann hier arbeiten.“ Ihren Mann sieht sie deshalb öfter auf dem Hochzeitsbild, das sie an die feuchte Mauer gelehnt hat, als im echten Leben: Drei Stunden muss er mit öffentlichen Verkehrsmitteln jeden Tag zu seiner Arbeitsstelle pendeln – der Weg zurück dauert ebenso lange. Weil die Perspektive auf ein besseres Leben fehlt, steht in der Siedlung bereits mehr als jedes zweite Haus leer. Die Familien sind in die Slums von Manila zurückgezogen.


Der ehrbare Kaufmann

Umsiedlungen werden die philippinischen Behörden auch in Zukunft beschäftigen: Die Weltbank geht davon aus, dass allein für den Bau von Pumpstationen zum Hochwasserschutz mehr als 10.000 informelle Siedler in Manila ihr Zuhause verlassen müssen. Insgesamt leben rund drei Millionen Einwohner der Hauptstadtregion in Slums, oft in hochwassergefährdeten Gebieten.

Misereor-Expertin Schauber verlangt von beteiligten Firmen, Druck auf die Behörden auszuüben: Sie sollen dafür sorgen, dass Umsiedlungen sozial verträglich vonstatten gehen und die Betroffenen weiterhin die Möglichkeit haben, Jobs zu finden. „Ich weiß, dass es für Unternehmen nicht einfach ist“, sagt Schauber. „Aber es ist ihre Pflicht, sich das anzugucken.“

Peter Kompalla sieht es als seine Aufgabe, Unternehmen dabei zu helfen. Er leitet die Auslandshandelskammer in Manila. Auf dem Konferenztisch vor ihm liegt eine Broschüre mit dem Titel „Der ehrbare Kaufmann“. Diesen November organisiert er eine Markterschließungsreise für deutsche Firmen, die sich an der Modernisierung der philippinischen Wasserinfrastruktur beteiligen wollen. Niemand wolle mit seinem Engagement am Ende der lokalen Bevölkerung schaden. „Für kleine Technologieanbieter ist es aber schwierig, die Umsetzung des gesamten Projekts zu überblicken“, sagt Kompalla. „Als Kammer tun wir unser Möglichstes, über die aktuelle Situation zu informieren.“

Am See Laguna de Bay hofft Fischer Carlos, dass auch sein Dorf bei den Unternehmern Gehör finden wird. „Es kann nicht sein, dass die Konzerne hier ein gutes Geschäft machen, während uns die Möglichkeit genommen wird, unseren Lebensunterhalt zu verdienen.“ Er habe keine Ausbildung, habe nur die Grundschule besucht. Einen anderen Job zu finden sei für ihn deshalb kaum möglich. „Fischen ist mein Leben.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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