
HannoverEs ist dunkel, die Musik dröhnt. Hunderte Jugendliche sitzen in langen Stuhlreihen und starren gebannt auf die Leinwand vor ihnen. Hin und wieder wird geklatscht und gejubelt. Doch die meiste Zeit sind alle Beteiligten konzentriert. Es ist die Konzentration auf die weltbesten Computerspieler, die in den nächsten Tagen auf den drei Bühnen in Halle 23 der Cebit die Weltmeisterschaft im sogenannten eSport austragen.
Die Welt der Gamer ist eine Welt für sich. In weiten Teilen des Messegeländes in Hannover beherrschen Männer in Anzügen und Frauen im Kostüm das Bild. Doch seit einigen Jahren schon versuchen die Ausstellungsmacher, auch Privatkunden wieder anzuziehen.
Dass hat seinen Grund, denn beide Welten verschwimmen in Zeiten, in denen Mitarbeiter immer öfter ihre eigenen Smartphones und Tablets ins Unternehmen mitbringen. Ein Trend, den auch Microsoft aufgreift. Der Computerkonzern stellt auf der Cebit ein neues kachelartiges Designkonzept für alle seine Geräte mit berührungsempfindlichem Bildschirm vor – sei es Smartphone, Tablet oder die Spielkonsole XBox.
Oliver Kaltner von Microsoft Deutschland sagt: „Wir unterscheiden heute kaum mehr zwischen Geschäfts- und Privatkunden. Mit unserem neuen Metrodesign hat der Nutzer die gleiche optische Darstellung, egal welches Gerät er gerade nutzt.“ Kaltner will Businessanwender und Gamer zusammenbringen. Wenn es nach ihm geht, dann machen die Manager in jedem Fall einen Schlenker in die Gaming-Halle. „Hier sind die Dinge zu sehen, die künftig ihr Berufsleben beeinflussen werden.“
Nur ein paar Meter entfernt sieht die Welt schon ganz anders aus. Hier schnellt das Durchschnittsalter auf 50 plus. Auf dem ganz in grau gehaltenen Messestand von IBM in Halle 2 können sich IT-Leiter und Geschäftsführer an weit über 100 einzelnen Stationen über Datenanalyse informieren, bekommen Lösungen für ihr Warenwirtschaftssystem präsentiert oder lassen sich die neueste Servergeneration erklären. So groß ist der Auftritt des Traditionsunternehmens aus den USA, dass ein Mercedes-Laster inmitten der Menschenmassen nicht weiter auffällt.
Eines der ganz großen Themen von IBM ist die Cloud, jene IT-Wolke, in der die Firmen künftig ihre Daten lagern und bearbeiten sollen. „Vergangenes Jahr war das noch Zukunft, jetzt ist die Sache in der Realität angekommen“, sagt Frank Strecker, der das Cloud-Geschäft in Deutschland vorantreiben soll. Bis Samstag wird sein Team jeden Tag mehr als 1000 Gespräche führen, um den Firmen das Konzept nahezubringen.
Computerspielen entwickelt sich zum Massensport
Bei IBM sind ganze Hundertschaften von Mitarbeitern in Hannover im Einsatz. Nicht so bei Kaspersky. Roter Pullover, Jeans, gebräuntes Gesicht. Eugene Kaspersky hebt sich nicht nur äußerlich von den vielen Managern ab. Auch seine Erfolgsstory ist außergewöhnlich: Der Gründer und Chef des Antivirenspezialisten Kaspersky Lab hat in den vergangenen 15 Jahren aus einer Moskauer Garagenfirma ein weltweit tätiges Unternehmen mit mehr als 600 Millionen Dollar Umsatz gemacht.
Die Cebit ist für den bulligen Unternehmer der ideale Platz, um sein Geschäft voranzubringen. Denn hier trifft Kaspersky viele Konsumenten, von denen seine Firma bislang hauptsächlich lebt. Gleichzeitig hat er in Hannover aber auch die Möglichkeit, mit großen Konzernen in Kontakt zu kommen. Denen will er künftig ebenfalls seine Sicherheitspakete schnüren. „Wir drängen aggressiv ins Geschäftskundensegment vor“, sagt Kasperskys Europachefin Iljana Vavan. Der Chef steht daneben, lächelt und nickt.
So mancher IT-Leiter würde wohl lieber in Halle 23 spielen, ist Heinrich Zetlmayer, Geschäftsführer von Turtle Entertainment, dem europäischen Marktführer im Bereich eSport, überzeugt. „Online-Gaming entwickelt sich zu einem breiten Sport für die Masse. Bei uns registrieren sich Spieler zwischen 16 und 50 Jahren“, sagt der Manager. Über 3,5 Millionen registrierte Nutzer hat das Unternehmen auf seinen Plattformen schon.
Manch ein Aussteller allerdings hat die Nase voll von dem Gemischtwarenladen in Hannover, von dem Mix aus Konsumenten und Hardcore-IT. „Lebe wohl Cebit“, hat der Mittelständler Ismet Koyun an diesem Dienstagmorgen in sein Notizbuch geschrieben, gleich nachdem er angekommen war. Seit einem Vierteljahrhundert stellt der Gründer und Eigentümer der IT-Sicherheitsfirma Kobil in Hannover aus. Doch nun ist Schluss. „Die Hälfte der Halle, in der wir ausstellen, ist leer“, klagt der Unternehmer aus Worms. „Außerdem ist die Messe lang nicht mehr so international, wie sie einmal war.“
Eine Viertelmillion Euro steckt der türkischstämmige IT-Spezialist dieses Jahr in seinen Auftritt auf der Cebit. 310 Quadratmeter hat er für seinen Stand gemietet, 20 seiner 120 Beschäftigten sind vor Ort: ein großer Aufwand für ein Unternehmen mit 50 Millionen Umsatz. Geld, das sich besser einsetzen lässt, meint Koyun. Künftig will er sich lieber auf Kundenveranstaltungen und Spezialmessen konzentrieren.





