Kopfhörer Bragi The Dash im Test: Strippenlos mit der Welt verbunden

Kopfhörer Bragi The Dash im Test: Strippenlos mit der Welt verbunden

, aktualisiert 23. März 2016, 08:59 Uhr
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Eine Geste genügt: Die Kopfhörer werden mit einfachen Bewegungen gesteuert.

von Christof KerkmannQuelle:Handelsblatt Online

Hallo Außenwelt: Die Kopfhörer The Dash können faszinierende Dinge tun, etwa Umgebungsgeräusche in die Musik einfließen lassen und den Herzschlag messen – alles ohne Kabel. Dabei stoßen die Minicomputer aber an Grenzen.

Mit Kopfhörern im Ohr bekommt man von der Außenwelt wenig mit – zumindest bis die Autofahrer an der Kreuzung wütend hupen. Derartige (Fast-) Unfälle könnten nun der Vergangenheit angehören: Das Münchner Unternehmen Bragi hat ein Gerät entwickelt, das Umgebungsgeräusche direkt ins Gehör spielen kann. Auch dann, wenn gerade Kraftklub lautstark besingt, wie die Welt ein bisschen weniger scheiße werden kann.

Es ist eine so praktische wie faszinierende Funktion. Und es ist bei weitem nicht die einzige Besonderheit, die The Dash – so der Name des Gerätes – mit sich bringt. So misst es über Sensoren den Herzschlag und die Schrittfrequenz. Dank eines internen Speichers dient es als eigenständiger Musikplayer. Die Bedienung erfolgt über Gesten auf den berührungsempfindlichen Oberflächen. Und all das funktioniert ganz ohne Kabel: Die beiden Hörer sind weder miteinander noch mit dem Smartphone verbunden.

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Als Bragi dieses Konzept im Februar 2014 vorstellte, war die erste Reaktion enthusiastisch. Fast 3,4 Millionen Dollar sammelte das Start-up auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter ein, 15.000 Menschen beteiligten sich an der Finanzierung. Mit Verspätung ist das Gerät nun in Serie gegangen und in Deutschland etwa über Vodafone verfügbar (in den Filialen können Interessierte sie auch ausprobieren). Im Test zeigen die wohl ambitioniertesten Kopfhörer der Welt einige beeindruckende Funktionen, offenbaren aber auch noch eklatante Schwächen.

Kabellose Kopfhörer gibt es zuhauf, doch ganz auf Strippen verzichtet derzeit kein Hersteller: Zumindest zwischen den beiden Ohren ist eine Verbindung nötig. Die Bragi-Entwickler haben jedoch eine Möglichkeit gefunden, die beiden Lautsprecher über einen Induktionssender zu verbinden – das ist eine Technik, die bislang vor allem in Hörgeräten zum Einsatz kommt. Das funktioniert auch meistens, wobei es gelegentlich zu Aussetzern kommt und links nichts zu hören ist.

Gerade für Sportler ist wichtig, dass die Kopfhörer gut sitzen – um immer Musik auf den Ohren zu haben, aber auch, um immer den Puls messen zu können. Die Bragi-Geräte sind zwar relativ groß, wackeln aber selbst beim Joggen kaum. Einige leichte Anpassungen unterwegs reichen. Dazu tragen auch die Silikonüberzüge bei, an denen zwar Fusseln festkleben, aber eben auch die Haut.

Ein Motivationsloch mangels Lautstärke dürfen Sportler nicht beklagen. Die Minilautsprecher lassen sich ordentlich aufdrehen und geben Musik akkurat und ausgewogen wieder, auch wenn etwas mehr Bass nett wäre. Auch Telefonate klingen gut, wobei Gesprächspartner einen etwas metallischen Klang beklagt haben.

Eine Besonderheit ist der sogenannte Transparenzmodus: Mithilfe von Mikrofonen an der Außenseite spielen die Geräte die Umweltgeräusche mit ins Gehör. Das mag in der U-Bahn nicht gewünscht sein, kann aber beim Radfahren in der Stadt vor gefährlichen Situationen schützen. Eine beeindruckende Funktion.


Mit einem Nicken Gespräche annehmen

Musik, Hörbücher oder Telefongespräche spielen die Geräte übers Smartphone ab. Zumindest, wenn die Bluetooth-Verbindung steht: Wenn man das Smartphone in einem anderen Raum liegen lässt, kann es schon Probleme geben. Auch draußen reißt das Signal manchmal ab, wenn das Telefon in der Tasche steckt – Bluetooth-Geräte funktionieren drinnen grundsätzlich besser. Was dabei besonders nervt: Jedes Mal muss man die Kopfhörer wieder über die App mit dem Smartphone koppeln. Es geht allerdings auch ohne Smartphone. The Dash enthält vier Gigabyte internen Speicher, in die rund 1000 Songs passen. Eine Funktion für Sportler, die ohne Ablenkungen laufen oder Gewichte stemmen wollen.

Auch bei der Bedienung wollten die Bragi-Entwickler ganz vorne sein. Nutzer geben über die Touch-Oberflächen Befehle: Einmal rechts tippen, um die Musik zu starten und zu stoppen, zweimal, um einen Song zu überspringen. Nach links und rechts wischen, um die Lautstärke zu regeln. Und lange drücken, um die Kopfhörer mit dem Smartphone zu koppeln. Nach einiger Gewöhnung gehen die Gesten Hand. Allerdings ist es im Test immer wieder zu Fehlinterpretationen gekommen, so fasst das Gerät einen langen Druck als Streichbewegung auf. An schwitzigen Fingern könne das nicht liegen, betont das Unternehmen auf Anfrage: Die Oberfläche arbeite mit optischen Sensoren und funktioniere daher sogar unter Wasser.

Dank einiger Sensoren lassen sich die Stecker auch mit Kopfbewegungen steuern. Wer die entsprechende Funktion in der App einschaltet, kann beispielsweise Telefonanrufe mit einem Nicken annehmen oder mit einem Kopfschütteln abweisen. Wer befürchtet, dabei wie ein Depp auszusehen: Relativ dezente Gesten reichen dafür schon aus.

Bei der Steuerung spielt die App indes kaum eine Rolle. Die Kopfhörer lassen sich darüber konfigurieren, viel mehr ist aber nicht möglich. Zudem ist die App bisher nur in englischer Sprache verfügbar. Wenn der Akku fast leer ist, bekommt der Nutzer daher eine Nachricht mit amerikanischer Aussprache in die Ohren gespielt: „My battery is low. Please charge me soon.“

Fitness-Trainer mit Schwächen

Bragi vermarktet The Dash als Fitness-Gerät. Die Sensoren messen im Inneren des Ohrs den Puls (wie es auch andere Kopfhörer tun), weitere Fühler sollen GPS-Position, Schrittfrequenz und Geschwindigkeit überwachen können, und zwar auch ohne Smartphone. Hier hat Bragi allerdings noch einige Arbeit vor sich. Bisher zeigt die App – Stand: März – nur Herzfrequenz, Schrittzahl und Trainingsdauer an, zudem lassen sich die Ergebnisse eines Laufs weder in der App speichern noch an andere Fitnessprogramme übergeben. Wer nur halbwegs ernsthaft Sport macht, kann damit nicht viel anfangen.

Für Marathonläufer ergibt sich ein weiteres Manko: die Akkukapazität. Die Bragi-Stecker halten rund drei Stunden durch. Das reicht für viele Nutzungsszenarien aus, dürfte für einen langen Lauf allerdings zu wenig sein: Bei Kilometer 25 oder 30 werden die LEDs bedrohlich rot aufleuchten. Immerhin lassen sich die Geräte unterwegs problemlos laden. Die Ladeschale enthält einen eigenen Akku, der die Stromspeicher bis zu fünf Mal wieder füllt.

Fazit: Neuheit mit Kinderkrankheiten

Die Bragi-Entwickler haben viele gute Ideen in die kleinen Kopfhörer gepackt – vielleicht auch zu viele. Denn die erste Version hat noch einige Schwächen, von der wackligen Bluetooth-Verbindung über die Erkennungsschwierigkeiten bei der Gestenbedienung bis zu den rudimentären Sportfunktionen. Käufer müssen also damit leben, dass sie Testobjekte für die neue Gerätekategorie der „Hearables“ sind. „Wir sind im konstanten Austausch mit Entwicklern und Kunden und arbeiten permanent daran, The Dash zu verbessern“, lässt das Unternehmen wissen.

Quellle:  Handelsblatt Online
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