Kostbare Körner: Auf Sand gebaut

Kostbare Körner: Auf Sand gebaut

, aktualisiert 05. September 2017, 10:01 Uhr
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Auch Wüstenstaaten müssen für Bauprojekte Sand importieren.

Quelle:Handelsblatt Online

Für die Bauindustrie ist Sand ein wichtiger Rohstoff. Aber Sand ist nicht gleich Sand: Weil es auf die Qualität der Körner ankommt, müssen sogar Wüstenstaaten Sand importieren. Doch die Vorräte sind begrenzt.

BerlinEs sind nur Millimeter große Körnchen, doch sie gelten nach Wasser als wichtigster Rohstoff überhaupt. Rund 239 Millionen Tonnen Kies und Sand werden allein in Deutschland pro Jahr verbaut. Kein Rohstoff wird weltweit mehr genutzt, wie aus einem Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) hervorgeht.

„Es gibt weltweit einen riesigen Bedarf an Sand, man rechnet mit etwa 14 Milliarden Tonnen pro Jahr, mehr als die Hälfte wird in Asien verbraucht“, sagt Kay-Christian Emeis, Institutsleiter am Helmholtz-Zentrum für Material- und Küstenforschung in Geesthacht bei Hamburg.

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Auch in Deutschland hält der Bauboom an: Jedes Jahr steigt die Zahl neuer Wohnungen. 2016 sind Daten des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden zufolge über 270.000 Wohnungen neu oder durch Umbau entstanden. In diesem Jahr sollen mehr als 300.000 Wohnungen fertiggestellt werden, wie ein Sprecher des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie schätzt.

Der Verband spricht von einem Rekordhoch: Für das erste Halbjahr 2017 meldet er ein Umsatzplus von 10 Prozent und ein Auftragsplus von 5,5 Prozent.

Australische Sand für die Wüstenstaaten

Um immer neue Gebäude entstehen zu lassen, braucht es vor allem Sand. Der französische Filmemacher Denis Delestrac hat 2013 in seiner ARTE Dokumentation „Sand – Die neue Umweltzeitbombe“ auf den globalen Sandhunger aufmerksam gemacht. Im indischen Bundesstaat Maharashtra rund um Großstädte wie Mumbai wird Sand illegal abgebaut. Die NGO Awaaz Foundation berichtet über Kinder, die mit ihren bloßen Händen und Eimern unter Lebensgefahr nach Sand tauchen.

Auf die Folgen für die Umwelt weist die indische Aktivistin und Gründerin von Awaaz, Sumaira Abdulali, seit Jahren hin: Zerstörung von Fluss- und Meeresökosystemen, Landerosion und dadurch Schäden an Brücken und anderer Infrastruktur, Gefahren für die Wasserversorgung und den Hochwasserschutz.

„Zum Bauen braucht es Sand, wir alle wissen das. Aber wir bleiben nicht stehen und überlegen, woher der Sand kommt, wie er gefördert wird und wie das Menschen betrifft“, kritisiert Abdulali bei einem Vortrag am St. Xavier's Institute of Engineering in Mumbai.

Selbst Wüstenstaaten wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate sind für den Bau ihrer Hochhäuser auf Sandimporte etwa aus Australien angewiesen. Der Grund: Wüstensand entspricht nicht den hohen Qualitätsanforderungen, wie Mineralzusammensetzung und Korngrößenverteilung, die zum Bauen notwendig sind, erklärt Harald Elsner, Geologe bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover.


Der Rohstoff Sand ist endlich

In Europa kann Elsner zufolge von Sandmangel jedoch keine Rede sein. „Es gibt keine seriösen Schätzungen zur Menge an verfügbaren Sanden“, sagt der Geologe, „Das liegt daran, dass von Berlin bis Hannover alles von Eiszeiten überlagert wurde. Die Mächtigkeit der Sande in Norddeutschland übersteigt teilweise mehrere hundert Meter. Die sind auch grundsätzlich alle nutzbar, aber weil Sand so günstig ist, gewinnt ihn natürlich keiner aus dieser Tiefe.“

Sand und Kies kommen in Deutschland aus rund 2000 Sand- und Kieswerken von örtlichen Unternehmen. Der Preis liegt bei zwei bis drei Euro pro Tonne. „Die Preise sind nur im Cent Bereich gestiegen und insgesamt sehr stabil“, sagt Elsner. Exportiert werden dem Bundesverband Mineralische Rohstoffe zufolge rund fünf Prozent der Produktion.

„Der Bedarf ist da“, sagt Thomas Müller, Vertriebsleiter eines baden-württembergischen Bauunternehmens. „Dabei geht es bisher aber eher um Spezialsande für die Wasserfiltration, Abwasserbehandlung oder für die Gießereiindustrie.“ Das Unternehmen habe Quarzsande zum Beispiel nach Dubai und 2500 Tonnen Filtersande nach Jordanien für die Wasseraufbereitung für Brunnen geliefert.

Recycling-Sand aus Bauschutt

Nur ein geringer Anteil des in Deutschland gewonnenen Sandes kommt aus dem Meer. „In Deutschland wird der Sand aus dem Meer fast ausschließlich zum Vor- oder Aufspülen von Küsten genutzt, zum Beispiel um zu verhindern, dass das Kliff in Sylt weiter abbricht oder um Strände zu nähren“, sagt Geologe Emeis.

Auch wenn es in Deutschland keinen Mangel an Sand gibt, zeigt sich auf globaler Ebene das Los vieler natürlicher Rohstoffe: Sie sind endlich. „Das Problem bei natürlichen Ressourcen ist, dass es lange dauert, bis sie sich aufbauen“, sagt Emeis. „Seit der letzten Eiszeit, aus der unser Sand stammt, sind nur 10.000 Jahre vergangen und der Prozess der natürlichen Sandansammlung an den heutigen Küsten ist immer noch nicht abgeschlossen.“

Um den Rohstoff zu schonen arbeiten Wissenschaftler daran, Bauschutt zu recyceln. Doch Dietmar Stephan macht sich keine großen Hoffnungen auf schnelle Erfolge: „Die Entwicklungen in diesem Bereich sind relativ langsam“, sagt der Experte für Baustoffe an der Technischen Universität Berlin. Es gebe keine finanziellen Anreize dafür.

Das Recyclingmaterial wird hauptsächlich im Tief- und Straßenbau verwendet, denn der wiederaufbereitete Sand aus Bauschutt erreicht nicht die gleiche ideale Körnung, die der Ursprungssand hat. Sand bleibt damit zum Bauen noch unverzichtbar.

Quelle:  Handelsblatt Online
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