Kranke Nutztiere: Angriff auf die Fleisch-Industrie

Kranke Nutztiere: Angriff auf die Fleisch-Industrie

, aktualisiert 08. Oktober 2016, 17:54 Uhr
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Bilder und Tatsachenberichte von gequälten Tieren gibt es schließlich genug für alle, die gewillt sind, sie zu ertragen.

von Thorsten GierschQuelle:Handelsblatt Online

Viele der Tiere, die wir essen, werden gequält. Das wissen wir schon lange. Neu ist, dass so viele von ihnen schwer krank sind. Ein Buch entlarvt die Lügen von Handel und Herstellern.

DüsseldorfLiebe Leser, das Gute vorweg: Sie tragen keine Schuld daran, dass die Tiere, die Sie essen, vorher so leiden mussten. Als Konsument können Sie es kaum besser wissen, denn Sie werden systematisch getäuscht. Das schreibt zumindest der Autor Matthias Wolfschmidt in seinem Aufsehen erregenden Buch “Die Schweine-Industrie” (S. Fischer Verlag), mit dem er gerade für mächtig Wirbel sorgt. Viele großen Zeitungen und Zeitschriften berichten darüber.

So stark geriet die Fleisch-Industrie seit 2010 nicht mehr unter Druck, als vor allem das Buch “Tiere essen” von Jonathan Safran Foer für Aufregung sorgte. Über Monate hinweg wurde über die “Produktionsbedingungen” der Nutztiere gesprochen. Hunderttausende Menschen wurden zu Vegetariern oder Veganern.

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Kaum jemand hat derart viele Fakten über das Thema Nutztierhaltung zusammengetragen wie Wolfschmidt. Sein Buch ist gründlich recherchiert, polemikfrei geschrieben und gleichermaßen voll mit Vorschlägen, wie es besser gehen könnte. Der stellvertretende Geschäftsführer von Foodwatch hat verstanden, dass es nicht reicht, “nur” an das Gewissen der Konsumenten zu appellieren, wenn man die Mehrheit von ihnen erreichen will: Bilder und Tatsachenberichte von gequälten Tieren gibt es schließlich genug für alle, die gewillt sind, sie zu ertragen. Wolfschmidt zeigt nicht “nur” das Leid der Nutztiere, er weist vielmehr auf ihre enorm hohe Krankheitsrate hin. Das hat zwar keine beweisbaren direkten Auswirkungen auf den Menschen, der die Tiere isst oder ihre Milch trinkt, aber richtig wohl dürfte kaum einem Konsumenten dabei sein.

Parallel zur Veröffentlichung des Buches hat Foodwatch eine Studie vorgestellt, die Fakten darstellt, wie “krank” unser Essen ist. So kämen vier von zehn Eiern von Hühnern, die schon einmal Knochenbrüche erlitten haben. 25 Prozent der Produkte stamme von einem kranken Nutztier, so Foodwatch. Die Liste der Krankheiten ist seriös dokumentiert und zu lang, um sie hier im Detail zu erörtern. Und dabei hat Wolfschmidt nur Rinder, Schweine und Hühner im Fokus - all die Puten, Gänse, Ziegen, Schafe und so weiter gäbe es ja auch noch.

Zwar habe die EU seit dem Jahr 2000 rund 750 Milliarden Euro an Agrarsubventionen ausgegeben, aber Geld für eine systematische Erfassung der Tiergesundheit sei nicht vorhanden. Doch erst wenn die Branche gezwungen werde, “das Ausmaß an Krankheiten und Quälereien” offenzulegen, werde sich die Situation in den Ställen verbessern. “Die Art und Weise, wie Schweine heute produziert werden, macht sie krank. Und zwar je nach Erkrankung 20, 40, 60, 90 Prozent der Schweine.”


Öko-Produkte bringen kaum etwas

Eine Sau bringt heute 29 Ferkel zur Welt - im Durchschnitt. “Spitzensäue” bis zu 32. Vor zwölf Jahren waren es noch 22 pro Jahr. Die Frischgeborenen würden entsprechend “oft gefährlich wenig Gewicht” mitbringen und seien “anfällig für Krankheiten”. Daten über die Krankheitsraten von Tieren liegen vor - spätestens in den Schlachthöfen Europas fallen sie an. Doch ein national einheitliches Monitoring der Tiergesundheit gebe es nicht, bemängelt der Autor. Dabei wäre es so wichtig, diese Daten auszuwerten. Und das am besten europaweit. Denn nur auf Landesebene ginge gar nichts.

Nun verweisen die Produzenten stets auf den Konsumenten, der ja in Wirklichkeit die Macht habe. Wolfschmidt hält dagegen, dass der Verbraucher durch Medienkampagnen wie die “Initiative Tierwohl” und andere Maßnahmen getäuscht werde: “Sie können nicht wissen, in welch fundamtentalem Ausmaß die Tiere den niedrigen Lebensmittelpreis mit Schmerz und Leiden bezahlen.” Der Glaube an die Wirksamkeit des individuellen Konsumverhaltens werde “leider überschätzt”. Der Trend zum Konsum von Öko-Produkten bringe zum Beispiel kaum etwas: Es gebe wenige Höfe mit guter Tierhaltung und viele mit schlechter, so die Kurzfassung. Eine Korrelation mit öko und nicht-öko sieht der Autor nicht.

Wolfschmidt zeigt nicht nur Missstände auf, er weist auch auf Optionen hin, wie das System zu retten sei. Teurer würden die Nahrungsmittel werden, rund 20 bis 40 Prozent. Und es könne gut und gerne 20 Jahre dauern, bis Tiere kaum noch leiden müssen. Der Autor antizipiert das Argument, dass Lebensmittel für alle bezahlbar bleiben sollen: “Wenn es Menschen gibt, die sich einen maßvollen Konsum tierischer Lebensmittel nicht mehr leisten, die Gesellschaft ihnen dies aber ermöglichen will, muss die Lösung dafür aus der Sozialpolitik kommen, nicht aus der Agrarpolitik.”

Das klingt einfacher als es ist, aber global betrachtet wäre weniger Fleischverzehr moralisch doppelt und dreifach sinnvoll: “Weniger Konsum tierischer Lebensmittel bedeutet, dass mehr Menschen satt werden können.” Ein nicht zuletzt juristisch heikler Punkt ist die Frage, ob die EU - wenn sie denn überhaupt wollte - ein Importverbot für Fleisch aussprechen könnte. Da dürfte dann ja die Welthandelsorganisation WTO ein gewichtiges Wort mitsprechen, denn die hält von solchen Vermarktungsverboten wenig. Der Autor erkennt das Problem an, geht aber davon aus, dass es gerichtlich lösbar ist.

Alles scheint offenbar lösbar, wenn Politik und Industrie nur nicht so sehr kollaborieren würden. In dieser übertriebenen Einfachheit liegt der Makel dieses Buches. Wolfschmidt lässt den Konsumenten, die ja zufällig auch die potenziellen Leser seines Buches sind, zu sehr aus der Verantwortung. Und auch unter den Landwirten gibt es nicht nur Engel. Aber mit dieser Vereinfachung kann man leben, wenn ein Buch wie dieses dazu beiträgt, eine hochnotwendige Diskussion loszutreten.

Wolfschmidt gibt zu, sich auf diese drei wesentlichen Nutztierarten beschränkt zu haben. Er hätte bei Puten, Ziegen, Enten, Gänse, Schafe weitermachen können.

Quelle:  Handelsblatt Online
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