Krisen-Airline: Air Berlin kämpft verzweifelt um Vertrauen

Krisen-Airline: Air Berlin kämpft verzweifelt um Vertrauen

, aktualisiert 22. Juni 2017, 14:17 Uhr
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Gerade zur wichtigen Sommerreisezeit muss Air Berlin um das Vertrauen der Kunden kämpfen.

von Jens KoenenQuelle:Handelsblatt Online

Mit großen Anzeigen und Rabattaktionen versucht Air Berlin zu retten, was noch zu retten ist. Der Druck, das schwer ramponierte Image schnell zu polieren, ist gewaltig. Denn die Kunden sind durch das Chaos verunsichert.

FrankfurtWenigstens die Fähigkeit zur Selbstironie hat man in der Zentrale von Air Berlin nicht verloren. „Erwarten Sie ab sofort ruhig mehr von uns (und nein, wir meinen nicht mehr Wartezeit;)“ heißt es in ganzseitigen Anzeigen der schwer angeschlagenen Airline. Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft kämpft um das, was eine Airline zwingend braucht: Kunden und deren Vertrauen.

Der Druck, das schwer ramponierte Image schnell zu polieren, ist gewaltig. Seit Beginn des Sommerflugplans Ende März läuft es bei der Airline nicht mehr rund. Probleme bei der Bodenabfertigung in Berlin sorgten wochenlang für Verspätungen, auch weit über Berlin hinaus.

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Dann platzte das geplante Gemeinschaftsunternehmen mit Tuifly im Tourismusgeschäft – eine der wesentlichen Säulen der Sanierung von Air Berlin. Und schließlich sickerte auch noch durch, dass Air Berlin eine zu Wochenbeginn dann wieder zurückgezogene Voranfrage für Staatsbürgschaften gestellt hat.

Schon das alleine reicht eigentlich. Doch das Chaos kommt auch noch zu einer Zeit, die für Fluggesellschaften die wichtigste überhaupt ist: die Hauptreisezeit. Im Sommer und im beginnenden Herbst verdienen Airlines ihr Geld, in den nachfrageärmeren Wintermonaten verbrennen sie dagegen dann wieder einiges davon. Ausgerechnet in dieser Zeit das Vertrauen der Kunden zu verlieren, ist fatal. Das weiß man natürlich in der Air-Berlin-Zentrale und versucht, gegenzusteuern.

So wirbt man damit, neues Personal eingestellt zu haben, um Engpässe zu beseitigen. 850 Mitarbeiter an der Zahl sollen es sein, nach Aussage eines Unternehmenssprechers vor allem Flugbegleiter und Servicekräfte. Sie sind relativ schnell anzulernen. Für Air Berlin ist das ein notwendiger aber gleichwohl schmerzhafter Schritt, denn die Airline muss angesichts hoher operativer Verluste – minus 667 Millionen Euro betrug das Betriebsergebnis vor Zinsen und Steuern im vergangenen Jahr – sowie eines Schuldenbergs von über einer Milliarde Euro eigentlich sparen, wo immer es geht.

Stefan Pichler, bis Januar Air Berlin-Chef und der Vorgänger von Thomas Winkelmann, hatte deshalb ein umfassendes Personalabbauprogramm gestartet. Wer gehen wollte und dafür die Zustimmung seines Chefs erhielt, durfte mit Abfindung gehen.


Massive Verunsicherung bei den Kunden

Das Problem: Wie zu hören ist, kündigten daraufhin viele sogar ohne die Zustimmung ihres Vorgesetzen und damit unter Verzicht der Abfindung – Ausdruck des Frusts, der sich über viele Krisenjahre aufgebaut hatte. Ende vergangenen Jahres arbeiteten laut Geschäftsbericht 8481 Mitarbeiter für die Airline, immerhin 4,4 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Das verschärfte die personellen Engpässe.

Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) fordert die angeschlagene Fluggesellschaft nach dem zurückgezogenen Antrag auf Staatsbürgschaft zur Sanierung auf. „Das Unternehmen muss seinen strukturellen Umbau nun konsequent vorantreiben“, sagte Zypries am Mittwoch. „Das ist die Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit von Air Berlin.“

Winkelmann hatte den Rückzieher mit Fortschritten beim Umbau der Airline begründet. Durch die Neuverhandlungen von Leasing-Verträgen etwa sollten 50 Millionen Euro gespart werden. Air Berlin hatte vor zwei Wochen die Möglichkeit ausgelotet, von zwei Bundesländern Bürgschaften zu erhalten. Mit solchen Zusagen können Bund und Länder die Rückzahlung von Krediten an ein Unternehmen garantieren, die sonst keine Darlehen mehr bekommen könnten.

Das Chaos sorgte bei den Kunden für eine massive Verunsicherung. In Passagierforen wird heftig diskutiert, ob man denn noch Air Berlin buchen könne. In der Konzernzentrale betont man, dass die Flugzeuge voll sind. Doch auffällig ist, dass die Airline gerade jetzt wieder mit sehr aggressiven Rabattaktionen unterwegs ist.

Teilnehmer des Vielfliegerprogramms Topbonus etwa erhielten diese Woche Werbung für „Aktionstickets in die USA und die Karibik für 399 Euro“ – für Hin- und Rückflug wohlgemerkt. Zudem bekommt, wer bis zum 5. Juli Flüge bucht, bis zu 1000 Meilen in der Economy und bis zu 2500 Meilen in der Business-Klasse zusätzlich gutgeschrieben. Wie heißt es treffend in der Anzeige der Airline: „Mit ganzer Kraft arbeiten wir täglich weiter daran, Ihr volles Vertrauen zurückzugewinnen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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