Kritik an der Firmenführung 4.0 : Irre Abenteuer aus der Start-up-Welt

Kritik an der Firmenführung 4.0 : Irre Abenteuer aus der Start-up-Welt

, aktualisiert 23. November 2016, 08:44 Uhr
von Thorsten GierschQuelle:Handelsblatt Online

Ein Journalist verliert seinen Job und heuert bei einem Start-up an. Was er dort erlebt, macht ihn fassungslos. In einem Buch geht er mit den Praktiken hart ins Gericht. Man sollte daraus lernen.

DüsseldorfBetroffenheitsjournalismus ist eine schwierige Sache. Noch komplizierter ist Betroffenheitspublizistik: Einem Autor wird aus seiner Sicht übel mitgespielt und daraus entsteht ein Buch. Rachegefühle sorgen dann schnell für eine Subjektivität, die dem Anspruch eines Sachbuchschreibers nicht gerecht wird. Manchmal sind diese Bücher aber dennoch lesenswert.

Bei Dan Lyons ist das der Fall. Sein Buch „Von Nerds, Einhörnern und Disruption“ ist grundsätzlich eine Abrechnung mit einem Start-up. Das wäre grundsätzlich okay, schließlich darf man dem Autor eine scharfe Beobachtungsgabe und Präzision zutrauren. Allerdings verallgemeinert Lyons sehr stark und wirft leicht übertrieben gesagt alle Start-ups in einen Topf. Rund 25 Jahre als IT-Journalist geben ihm scheinbar Hintergrundinformationen en masse.

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Aber weil das so gefährlich ist, sollte das Buch – um es mit Nietzsche zu sagen – mit spitzen Fingern gelesen werden. Des Öfteren schießt der Autor über das Ziel hinaus mit seinen Verallgemeinerungen und der Boshaftigkeit, mit der die Vorgänge in der Firma kritisiert, in der er gearbeitet hat. Aber – und darin liegt der Wert seines Buches – es ist ein hervorragender Gegenentwurf zu den Mythen und Klischees der Silicon-Valley-Welt. Die Wahrheit liegt bekanntlich in der Mitte.

Dan Lyons war viele Jahre lang Journalist. Als er mit 52 beim Newsweek-Magazin dem Sparzwang zum Opfer fiel, musste er bei einem Start-up anheuern – der Software-Schmiede HubSpot. Was er hier erlebte, spottet jeder Beschreibung aus Sicht eines kritischen IT-Journalisten, der mit den Vorstellungen der “alten” Unternehmenswelt ausgestattet ist. Dem Leser amüsiert und schaudert es auf jeder Seite, wenn es zum Beispiel heißt: “Ein Großteil dieser Gründergeneration besteht aus ziemlich unangenehmen Typen”.


Wie tolerant sind Start-ups wirklich?

Zumindest bei HubSpot sind die Gründer sind selten da. Und wenn sie mal etwas entscheiden, sind sie so im Stress, dass sie sich später nicht mehr daran erinnern können. Folglich werden die Projekte nicht umgesetzt, wenn sie wem anders irgendwo in den Hierarchie-Ebenen nicht schmecken. Die Firmenparty seien einfach nur peinlich. Und vor allem würden ältere Mitarbeiter diskriminiert. Schwarze seien ebenfalls nicht anzutreffen und irgendwie “sehen alle gleich aus und kleiden sich gleich”.

Der Generationenkonflikt quillt dem Leser auf praktisch jeder Seite entgegen und all die Konzerne, die sich derzeit um pfiffige Start-ups bemühen, sollte Lyons Denkweise zumindest zur Kenntnis nehmen. Alle ließen sich von den Gründern der Start-ups leicht beeinflussen: Die Mitarbeiter, frisch von der Uni gekommen, sowieso. Aber auch die Investoren und Anleger, die bei Börsengängen zuschlagen und Firmen ohne funktionierende Produkte für ungemein werthaltig halten würden.

Lyons weiß, dass man heutzutage in der Regel nicht mehr sein ganzes Arbeitsleben lang bei einem Unternehmen tätig sein kann. Aber er fragt zurecht: Muss man deshalb denn gleich in 40 Jahren 20, 25 Jobs durchtesten? Sein Buch ist eine spannende Feldstudie über das Arbeiten in jungen Firmen, die scheinbar die disruptiven Kräfte freisetzen, aber ihr Scheitern schon im Kern haben.

Jedoch sollte der Leser nie vergessen, dass eine Seite von Lyons Fernrohr beschlagen ist: Er überzieht all die Fälle, in denen Milliardenbewertungen von Start-ups zurecht entstanden sind. Er will nicht anerkennen, dass Google nicht ohne Grund einer der beliebtesten Arbeitgeber der Welt ist; dass nicht alle zu den “Idioten” gehören, “die nicht erkennen, dass sie Idioten sind”.

Bibliografie:
Dan Lyons
Von Nerds, Einhörnern und Disruption. Meine irren Abenteuer in der Start-up-Welt.
Redline Verlag, München 2016, 304 Seiten

Quelle:  Handelsblatt Online
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