Künstliche Intelligenz: Erwachender Riese

Künstliche Intelligenz: Erwachender Riese

, aktualisiert 16. April 2017, 13:04 Uhr
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Maschineller Besuch an der britischen Universität von Oxford.

von Andreas SchulteQuelle:Handelsblatt Online

Der Markt für lernende Computersysteme wächst rasant. Künstliche Intelligenz drängt unaufhaltsam in Büros und Fabriken – mit erheblichen Folgen für die Arbeitswelt. Die Produktivität steigt, doch einfache Jobs wackeln.

KölnEin Computer, der allein programmieren kann? Mit Methoden der künstlichen Intelligenz (KI) ist das möglich, wie Microsoft Research und die University of Cambridge kürzlich bewiesen. Deren System „DeepCoder“ testet Programmzeilen aus vorhandenen Anwendungen und kombiniert daraus in Sekunden funktionierende Software. Größere Anwendungen würden aus kleinen Codeschnipseln zusammengesetzt, berichtet der „New Scientist“.

Die schlauen Roboter erobern die Arbeitswelt: Ob bald sogar Programmierer ihren Job einbüßen, bleibt abzuwarten. Doch Unternehmen seien gut beraten, konkrete Anwendungsszenarien abzuwägen, sagt Olaf Rehse, Senior Partner der Boston Consulting Group (BCG). In zehn Jahren könnte jeder zweite Job in Callcentern wegfallen, ergab eine BCG-Studie. „Künstliche Intelligenz kann hier viel schneller als ein Mensch ein Problem lösen, indem es auf die Gesamtheit der Kundenanfragen zugreift. Das System erkennt, ob zuvor bereits eine Lösung gefunden worden ist“, sagt Rehse. Er prophezeit: Bei Dienstleistungen werden in fünf bis zehn Jahren 13 Prozent aller Jobs kippen.

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Mittelfristig seien auch anspruchsvollere Planungs- und Steuerungsaufgaben effizienter von KI zu erledigen, etwa beim Marketing: „Computer können durch eine intelligente Verknüpfung von Markt- und Firmendaten die Gründe für den Erfolg einer Kampagne erkennen und darauf aufbauend ähnliche Maßnahmen entwerfen“, erklärt Rehse. Sein Eindruck: „Viele experimentieren schon jetzt mit KI, aber noch nicht strategisch genug.“

Auf der Cebit wurde das Thema großgeschrieben. Das Partnerland Japan ist eine KI-Hochburg, sehr plastisch begreifbar wurde das, als Hiroshi Ishiguro mit seinem Roboter-Zwilling die Bühne in Hannover betrat. Der Direktor des Intelligent Robotics Laboratory der Universität Osaka stellte seinen Stellvertreter aus Silikon und Silizium in Aktion vor.

Die Kunden der Versicherungskammer Bayern (VKB) werden noch nicht von puppenähnlichen Robotern bedient. Allerdings kommunizieren sie seit Dezember mit Watson, einem KI-System von IBM. Watson versteht den Kontext ganzer Sätze. Weil das System mit jedem Kundenschreiben dazulernt, ordnet es die Anliegen schnell Sachbearbeitern zu. „Watson hilft uns, mit Kunden zielgerichteter zu kommunizieren“, sagt Isabel Martorell-Nassl, VKB-Bereichsleiterin. Stellen seien nicht gestrichen worden, sagt sie. Vier Mitarbeiter würden das Know-how aufbauen, um die Prozesse rund um Watson zu steuern.


Gedankenlesende Roboter

Künstliche Intelligenz drängt in Büros und Fabriken und verändert Jobprofile rasant. Die Berater von Tractica erwarten für 2017 eine Verdopplung des Marktvolumens – von 644 Millionen Dollar im Vorjahr.

Künstliche Intelligenz werde die Menschen an vielen Stellen im Arbeitsalltag unterstützen – und nicht ersetzen. Diese Auffassung vertritt Frank Riemensperger, Deutschland-Chef der Beratung Accenture. Mit dem Einsatz der Technik ließen sich Produktivität und Wirtschaftswachstum enorm steigern – ohne dass dies zwingend negativ auf Beschäftigtenzahlen wirke. So sei es auch bei der Industrialisierung, der Automatisierung und der beginnenden Digitalisierung gewesen: „Wenn durch einen Technologiesprung Jobs weggefallen sind, entstanden neue an anderer Stelle“, sagt Riemensperger. Schrittweise lerne man den intuitiven Umgang mit KI.

Auch beim Massachusetts Institute of Technology (MIT) steht nicht fest, wohin die Reise geht mit dem jüngsten Projekt: einem gedankenlesenden Roboter. „Der könnte in der Industrie oder im selbstfahrenden Auto zum Einsatz kommen“, sagt Daniela Rus, Leiterin des Forschungszentrums für künstliche Intelligenz am MIT. Wer mit dem Roboter kommuniziert, trägt eine Mütze mit Sensoren, die Gehirnströme messen und dem Roboter mitteilen.

In Tests sortiert der Roboter Gegenstände in Boxen. Steuert er auf eine falsche Box zu, kann er in Echtzeit auf seinen menschlichen Partner reagieren, wenn der „Fehler“ denkt. Der Roboter schlägt in dem Moment eine andere Richtung ein.

Der österreichische Automatisierer Knapp hat einen Kommissionier-Roboter entwickelt, der über Sensoren und Bilderkennungssoftware seine Umwelt begreift. So erkennt der Roboter jene Artikel, die er greifen soll – egal ob sie gestapelt sind oder durcheinanderliegen.

Der Roboter berechnet den effizientesten Weg seines Greifarms zur Ware und von dort zum Zielpunkt der Kommissionierung. Fehler erkennt er eigenständig und behebt sie in der Regel. Ist das nicht möglich, ruft er einen Mitarbeiter zu Hilfe. Bis zu 1.800 Zugriffe schafft der Roboter pro Stunde. Er eignet sich besonders für den Einsatz in Regionen mit hohen Lohnkosten, heißt es bei Knapp.

Was im Smartphone Apple mit der Sprachassistentin Siri vorgemacht hat, zieht nun in Büros ein: sprechen statt tippen. Jedes zehnte Unternehmen erwartet, dass Desktop und Notebook im Büroalltag binnen einer Dekade ausgedient haben, ergab eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom.

Das Bonner Unternehmen Scopevisio stellte kürzlich auf der Cebit einen digitalen Sprachassistenten für das Büro vor – noch als Betaversion. Bis Ende 2017 soll der Assistent 1.000 betriebliche Fragen, zum Beispiel nach Angeboten, Aufträgen oder Umsatz, beantworten können, indem er große Mengen Unternehmensdaten durchforstet. Durch seine Rechenleistung deckt er anders als ein Mensch in Windeseile Muster auf, erkennt Zusammenhänge und zieht logische Schlüsse. „KI wird die manuelle Buchhaltung langfristig weitgehend abschaffen“, sagt Scopevisio-Geschäftsführer Jörg Haas.

Quelle:  Handelsblatt Online
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