Labour-Chef Corbyn: Ohne Kompass, ohne Haltung

Labour-Chef Corbyn: Ohne Kompass, ohne Haltung

, aktualisiert 24. Juni 2016, 11:33 Uhr
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Labour-Chef Jeremy Corbyn verpasste es, in der Brexit-Frage klares Profil zu zeigen. Kritiker meinen, er habe den Brexit-Befürwortern damit geholfen.

von Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

In der Brexit-Frage zeigte sich Jeremy Corbyn unentschlossen. Kritiker schieben dem Labour-Chef und seiner ambivalenten Haltung zu Europa eine Mitschuld am Ausgang des Referendums zu – und legen ihm einen Rücktritt nahe.

LondonJa! Nein! Vielleicht! Vielleicht auch nicht! Bei Jeremy Corbyn, dem Chef der Labour-Partei, wussten selbst einige seiner treusten Anhänger nicht so ganz, wofür er in der Europa-Frage steht. Vergleichsweise spät und zaghaft hat er sich zunächst gegen einen Brexit ausgesprochen. Einige Wochen später klang es so, als habe er die Lager gewechselt, bevor er am Ende doch wieder weniger europaskeptische Töne anschlug.

Kein Wunder, wenn Parteimitglieder und auch andere britische Brexit-Gegner ihm am Freitagmorgen vorwerfen: Corbyn trage Mitschuld daran, dass eine Mehrheit der Briten sich für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union ausgesprochen hat. Denn er habe es schlicht nicht geschafft, genug Labour-Wähler zu Brexit-Gegnern zu machen und habe damit den Befürwortern des Austritts einen guten Dienst erwiesen.

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„Ich habe das Gefühl, dass die Labour-Partei sich derzeit ohne Orientierung, ohne einen Kompass und ohne eine starke Stimme treiben lässt“, sagte Peter Mandelson, ehemaliger EU-Kommissar und einstiger Minister in einem Labour-Kabinett, dem Fernsehsender Sky am Freitagmorgen. Die Menschen hätten angesichts der gemischten Signale, die Corbyn ausgesendet habe, nicht gewusst, welche Position Labour in der Europa-Frage vertrete. Er habe in der Brexit-Debatte mit angezogener Handbremse agiert, fügte Mandelson hinzu.

Einige der Corbyn-Kritiker gehen noch weiter und fordern seinen Rücktritt. Medienberichten zufolge wollen mindestens 55 Labour-Abgeordnete einen Brief unterschreiben, in dem Corbyn dieser Schritt näher gelegt werden soll.Dass Corbyn es überhaupt an die Parteispitze geschafft hat, hat viele überrascht. Der 67-Jährige vertritt sehr linke Positionen. Er will die Infrastruktur verstaatlichen, Studiengebühren abschaffen und gegen die europäische Sparpolitik kämpfen.

Das hat ihm zwar hohe Popularitätswerte bei einem Teil der Labour-Basis verschafft, doch etliche Labour-Parlamentarier und politische Kommentatoren auf der Insel halten Corbyn für einen realitätsfernen und radikalen Politiker, der es nicht schaffen dürfte, der Partei eine Regierungsmehrheit zu verschaffen. Zu seinen schärfsten Kritikern zählt etwa der einstige Premier Tony Blair. Er bezeichnete Corbyn als Gefahr für Labour, weil er moderate Wähler in die Arme der konservativen Tory-Partei treibe.

Im Zuge der Brexit-Debatte haben Labour-Mitglieder ihrem Parteichef Sabotage vorgeworfen. Corbyn hat sich zwar gegen einen Brexit ausgesprochen. Aber zwischenzeitlich bezeichnete er Warnungen der Brexit-Gegner über negative wirtschaftliche Folgen, die ein Austritt haben würde, als Panikmache. Angesichts dieser ambivalenten Haltung ergaben Umfragen unter Labour-Anhängern, dass diese nicht die geringste Ahnung hätten, wie ihre Partei über die EU-Zugehörigkeit des Landes denken.

Corbyn selbst weist jede Mitschuld an dem Ausgang des EU-Referendums von sich. Man müsse das Ergebnis akzeptieren, sagte er am Freitag. Man müsse jetzt weitermachen und er werde nicht zurücktreten.

Der Labour-Parteichef gilt eigentlich schon lange als Europa-Kritiker. Bei der ersten Abstimmung der Briten über ihre EU-Zugehörigkeit im Jahr 1975 votierte Corbyn auch dagegen, wie er im vergangenen Jahr einräumte. Damals war er allerdings in der Minderheit. Nur 33 Prozent der Wähler stimmten dagegen gegen den Status quo. Gut vier Jahrzehnte später sieht die Lage ganz anders aus: Mit seiner Europa-Skepsis spricht Corbyn der Mehrheit der Briten aus der Seele.

Quelle:  Handelsblatt Online
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