Lebenslauf frisieren wie SPD-Politikerin Hinz: Immer öfter alles nur gelogen

Lebenslauf frisieren wie SPD-Politikerin Hinz: Immer öfter alles nur gelogen

, aktualisiert 21. Juli 2016, 16:19 Uhr
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Die SPD-Politikerin legte ihr Amt nieder, nachdem ihr gefälschter Lebenslauf aufflog.

von Claudia ObmannQuelle:Handelsblatt Online

Die Essener SPD-Politikerin Petra Hinz hat ihre Vita frei erfunden. Auch Unternehmen werden immer öfter mit frisierten Bewerbungen konfrontiert. Eine Altersgruppe schummelt besonders oft beim Lebenslauf.

DüsseldorfIhr Lebenslauf schien wie aus dem Lehrbuch: Abitur, Jura-Studium, abgeschlossen mit erstem und zweitem Staatsexamen. Diese Vita brachte Petra Hinz 2005 in den Deutschen Bundestag, seit 2003 war sie als stellvertretende Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Essen tätig. Bis Mittwoch war das alles auf der Webseite der 54-jährigen SPD-Politikerin zu lesen. Heute ist diese Seite blank. Denn wie jetzt herauskam, ist Hinzes angeblich akademischer Werdegang von vorn bis hinten erlogen. 33 Jahre fiel ihr Betrug niemand auf.

Doch wie kam es dazu, dass Hinz 1983 ihre Fachhochschulreife, die sie am heutigen Erich-Brost-Berufskolleg der Stadt Essen erwarb, zum Abitur schönte und später noch eine Akademiker-Karriere erfand? Und glaubte sie nach so vielen Jahren  am Ende vielleicht selbst schon an ihre Märchen? Die Betrügerin selbst ist nicht zu sprechen, um diese Fragen zu beantworten. Aber Experten, die sich beruflich mit Karrieren und Lebensläufen beschäftigen, wissen, warum es  immer häufiger zu Tricksereien kommt

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Stellenbewerber, die einen Arbeitgeber im Lebenslauf verschweigen, bei dem sie nur kurz angestellt waren oder Kandidaten, die versuchen, eine Arbeitslosigkeit  im beruflichen Werdegang zu kaschieren, gehören zu den vergleichsweise harmloseren Fällen, wenn es darum geht,  Chancen auf ein persönliches Vorstellungsgespräch zu verbessern. „Die Fälschungen in Bewerbungsunterlagen häufen sich“, konstatiert Personalberaterin Renate Schuh-Eder aus Baldham. Sogar an offiziellen Dokumenten wie Arbeits- und Hochschulzeugnissen mache sich mancher Bewerber nachträglich zu schaffen.

Sie selbst kennt auch Fälle von Job-Kandidaten, die ihr letztes Arbeitszeugnis mal eben mit Photoshop um eine ganze Seite Eigenlob ergänzt haben. Aber das für die auf die Vermittlung von Ingenieuren spezialisierte Personalberaterin beunruhigendste an ihren Beobachtungen: Sie betreut eine Berufsgruppe, die sowohl als gewissenhaft als auch als sehr gefragt am Arbeitsmarkt gilt, und somit Schummeln gar nicht nötig hätte. Genau dieser Aspekt verwundert natürlich auch im aktuellen Fall der aufgeflogenen Politikerin Hinz: Um gewählt zu werden und so im Politik-Betrieb voran zu kommen, zählt der offizielle Bildungsnachweis im Vergleich zum persönlichen Auftritt,  der Überzeugungskraft und  dem Netzwerk an Kontakten deutlich weniger.

Auch Manfred Lotze beschäftigt sich beruflich mit dem Thema frisierte Bewerbungsunterlagen. Der Chef der Detektei Kocks in Düsseldorf ist auf den Check von Stellenbewerbern im Auftrag von Arbeitgebern spezialisiert. Er untermauert die Beobachtung der bayerischen Personalberaterin mit Zahlen: Nach Überprüfung von rund 5.000 Bewerbungen auf Wahrheitsgehalt und Vollständigkeit kam er schon vor Jahren zu dem Ergebnis, dass durchschnittlich ein Drittel der Bewerbungen zu beanstanden ist. Die Vorwürfe reichen von Schönfärberei bis Urkundenfälschung und der Anmaßung von Titeln. „Dieser Anteil dürfte im Zeitalter von Internet und Photoshop noch gestiegen sein, vermutet er.“

Zumal im Internet  jede Menge Tipps kursieren, wie sich Lebensläufe tunen und sich so unangenehme Nachfragen von Personalchefs vermeiden lassen. „Vermeintliche Experten suggerieren, dieser Schwindel sei üblich, ja sogar notwendig, um sich im Haifischbecken der Bewerber zu behaupten“, sagt Personalberaterin Renate Schuh-Eder.


Viele Mogler im Alter zwischen 25 und 34

Getrickst wird offenbar auf jeder Hierarchie-Ebene und in jeder Branche, egal, ob es um eine neue Stelle bei einem Konzern oder bei einem mittelständischen Unternehmen geht. Allerdings fliegen mehr Männer als Frauen auf, und es gibt offenbar zwei Schummel-Schwerpunkte im Berufsleben.

Lotzes Auswertungen zeigen: Besonders viele Leute mogeln im Alter zwischen 25 bis 34, die zweite auffällige Gruppe sind Angestellte Mitte vierzig. Der Detektiv interpretiert das so: „Berufseinsteiger wollen besonders schnell aufsteigen, und bei den Mittvierzigern soll sich gehaltlich und beruflich auch noch mal ein deutlicher Sprung ergeben. Die Älteren werden häufig beim Titelbetrug erwischt.“ Nach Lotzes Einschätzung sind Eitelkeit und Geltungssucht der Grund dafür.

Und so stößt der Düsseldorfer Detektiv bei seinen Überprüfungen immer wieder auf Titel ausländischer Bildungsstätten, deren Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt sind oder auf Adressen im In- und Ausland, die für ihren Handel mit Doktor- und Professorentiteln berüchtigt sind. Besonders dreist allerdings war ein Jobbewerber, der sich schlicht mit dem Doktortitel eines Namensvetters schmückte und darauf setzte, dass dieser Schwindel keinem auffällt - im Zeitalter von Google regelrecht naiv.

Auch Marcus Lentz von der gleichnamigen Wirtschaftsdetektei weiß aus seinem Ermittlungsalltag, wie breit das Spektrum der Schwindeleien ist: „Uns sind schon sehr dreiste Lügen untergekommen. In einem Fall hat ein Bewerber zum Geschäftsführer eine mehrmonatige Projektleitung in New York angegeben. Tatsächlich hatte er diese Zeit wegen Betrugs in einer Strafvollzugsanstalt verbracht.“

Es gibt Schönfärberei, die sofort ins Auge springt. So hatte Renate Schuh-Eder den Fall, dass ein Kandidat sein Arbeitszeugnis nachträglich aufgewertet, aber dummerweise für die neuen Passagen eine zweite Schriftart verwendet hat. Und Detektiv Lotze wurde gleich argwöhnisch, als ein international erfahrener Manager sämtliche Zeugnisse seiner angeblichen unterschiedlichen, in- und ausländischen Ex-Arbeitgeber auf Papier mit dem gleichen Wasserzeichen vorlegte.

Andere Kandidaten gehen vorsichtiger vor. Sie lassen bestimmte Daten im Lebenslauf einfach weg oder verlängern Zeiträume um ein paar Monate, um zu glätten. „Solche kleinen Falschaussagen sind schwerer zu erkennen und zeigen sich meist erst durch Widersprüche im persönlichen Gespräch oder in Verbindung mit offiziellen Zeugnissen“, sagt Schuh-Eder.

Und manchmal ist es schlicht Zufall, wenn Falschaussagen ans Tageslicht kommen. Doch in jeder Branche gibt es einen Mikrokosmos, in dem man sich kennt und übereinander spricht. Hier begeben sich Kandidaten mit frisierten Unterlagen auf dünnes Eis. Karsten Turck, der viele Jahre als Personalleiter großer amerikanischer Unternehmen in Deutschland tätig war, kennt die Reaktion auf einen fragwürdigen Stellenwechsel: „Was, den habt ihr als Direktor eingestellt, der war bei uns doch nur ein ganz kleines Licht.“


Wer korrupt ist, hat oft schon beim Lebenslauf geschummelt

Wer trickst, riskiert nicht nur auf-, sondern auch nachträglich beim Arbeitgeber rauszufliegen. Und wer Zeugnisse manipuliert, macht sich sogar strafbar wegen Urkundenfälschung, was mit bis zu fünf Jahren oder Geldstrafen geahndet werden kann. Schon der Versuch ist eine Straftat.

Personalchefs sollten auf gar keinen Fall ein Auge zudrücken, wenn ein Bewerber oder sogar ein Mitarbeiter nachträglich beim Bewerbungsunterlagen-Tuning erwischt wird. Karsten Turck weiß aus eigener Erfahrung, „es verursacht einen massiven Vertrauensverlust - der Arbeitgeber wird den Verdacht nicht los, dass es der Betreffende auch auf anderen Gebieten nicht genau nimmt“.

Personalmanager und Firmenchefs, die bei der Einstellung zu lax vorgehen, können weitaus größere Sorgen bekommen. Das zeigen ebenfalls die Analysen der Detektei Kocks. Denn rund 70 Prozent derjenigen Führungskräfte, die korrupt sind oder Geschäftsgeheimnisse verraten, haben schon bei ihrer Bewerbung geschummelt.

Das ergab die nachträgliche Analyse der Bewerbungsunterlagen von denjenigen, die später zum Beispiel als Top-Einkäufer von Lieferanten hohe Vermittlungsprämien kassiert haben oder Preislisten oder Konstruktionspläne beim Wechsel zur Konkurrenz mitgenommen haben.

Tatort Arbeitsplatz. Experte Lotze: „Alle Alarmsignale sind an, aber sie werden häufig ignoriert.“ Nicht selten liegt das daran, weil Personalmanager angesichts der Bewerberflut, die heute nicht mehr nur auf Papier, sondern eben auch über die unterschiedlichsten digitalen Kanäle bei ihnen anlandet, deutlich überlastet sind.

Doch Fehlbesetzungen sind teuer. Sie kosten nicht nur Geld, sondern auch Reputation. In den USA geht man deshalb weiter. Da wird auch das familiäre Umfeld eines Kandidaten von Spezialisten unter die Lupe genommen. Lotze: „Eine Finanzexpertin, die zum Beispiel einen Ehemann mit großen Schulden hat, bekommt in Amerika noch nicht mal einen Job als Buchhalterin.“ Auch ein kriminelles Familienmitglied kann so zum Ausschlusskriterium bei der Einstellung werden.

Das ist in Deutschland anders. Hier setzen Datenschutz-Bestimmungen Grenzen. So muss ein Stellenbewerber schriftlich in den Check seines Umfelds einwilligen. Detektiv Lotze weiß: Zwischen fünf und sieben Prozent ziehen dann ihre Bewerbung gleich wieder zurück.

Die Bundestagsabgeordnete Petra Hinz dagegen ist jahrzehntelang mit ihrer Geschichte durchgekommen – obwohl etliche Menschen wie Eltern und Lehrer die Wahrheit gewusst haben.  Das Wort Lebenslüge drängt sich auf. Und da stellt sich automatisch die Frage: Wer im Familien- und Bekanntenkreis hielt eigentlich alles dicht?

Quelle:  Handelsblatt Online
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