Lebensversicherung: Rendite auf Talfahrt

Lebensversicherung: Rendite auf Talfahrt

, aktualisiert 28. Januar 2016, 15:19 Uhr
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Die Zinsen sind im Keller. Lohnt Sparen noch?

von Kerstin LeitelQuelle:Handelsblatt Online

Kunden von Lebensversicherungen bekommen immer weniger Geld. Die Versicherer ächzen unter den niedrigen Zinsen und gesetzlichen Sicherheitsanforderungen. Neue Produkte sollen helfen.

Schlechte Nachrichten für Lebensversicherungskunden – mal wieder: Die Versicherer teilen ihren Kunden für das laufende Jahr im Schnitt eine Verzinsung von gerade einmal 2,86 Prozent zu, ein „historischer Tiefstand“ und deutlich weniger als im Vorjahr wie die Ratingagentur Assekurata am Dienstag mitteilte.

Zum vierzehnten Mal in Folge haben die auf Versicherungen spezialisierten Experten aus Köln die Angaben von 62 deutschen Lebensversicherern ausgewertet. Das Ergebnis dieser Studie dürfte Lebensversicherungskunden, die in der Vergangenheit mit der Aussicht auf hohe Renditen geködert wurden, nicht gefallen: Die Rendite sinkt immer weiter. Und Besserung ist nicht in Sicht.

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Die Rendite einer klassischen Lebensversicherung setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen: Dem Garantiezins sowie – wenn man nicht kündigt – eben die laufende Verzinsung, Anteile an den Bewertungsreserven und Schlussgewinne. Allerdings ziehen die Versicherer gleichzeitig auch Geld für ihre Kosten und die Provision ab.

Im Schnitt liegt die Rendite einer Lebensversicherung – ganz gleich, wann sie abgeschlossen wurde und egal ob eine Kapitallebensversicherung, eine Riester-Rente oder eine Basis-Rente – aktuell bei 3,11 Prozent. Im Vorjahr lag dieser Durchschnitt noch bei 3,32 Prozent, wie Assekurata ausgerechnet hat.

Die höchste laufende Verzinsung für 2016 bekommen die Kunden von Ideal Leben gutgeschrieben mit 3,7 Prozent, die der myLife mit 3,35 Prozent und die der Neue Bayerische Beamten mit 3,30 Prozent. Am wenigsten erhalten die Kunden der HDI Leben mit 2,20 Prozent, der Swiss Life mit 2,25 Prozent und der Öffentlichen Leben Berlin-Brandenburg mit 2,40 Prozent.

Allerdings ist die laufende Verzinsung nur eine Momentaufnahme, warnt Assekurata vor übereilten Reaktionen auf diese Zahlen. Manch eine Gesellschaft, die im vergangenen Jahr noch die Ausschüttungen stabil hielt, musste nun umso deutlicher absenken. 55 Versicherer schreiben ihren Kunden weniger als im Vorjahr gut, nur vier Unternehmen hielten die Ausschüttungen stabil. Kein einziger Anbieter zahlte mehr aus.


Die Reserven schmelzen dahin


Diese Nachricht dürfte gleichwohl ein Rückschlag für die zahlreichen Besitzer einer Lebensversicherung sein. Rund 90 Millionen Lebensversicherungen liegen in deutschen Versicherungsordnern. Überraschend sind diese Zahlen aber nicht. Denn die Versicherer bekommen immer stärkeren Gegenwind.

In erster Linie macht den Unternehmen der Kapitalmarkt zu schaffen. Die Versicherer investieren das Geld ihrer Kunden größtenteils in festverzinsliche Wertpapiere, und deren Verzinsung ist in den vergangenen Jahren drastisch gesunken. Mit der Ankündigung der Europäischen Zentralbank (EZB) im Januar 2015 ein großes Anleihekaufprogramm in Höhe von 1,15 Billionen Euro aufzulegen, nahm der Druck weiter zu.

Mittlerweile liegen die Renditen von Bundesanleihen mit Laufzeiten von bis zu sechs Jahren im negativen Bereich. Dennoch gibt es seitens der EZB „kaum Signale, dass sie von ihrem Kurs abrücken wird“, wie der Chefvolkswirt des Branchenverbands GDV, Klaus Wiener meint.

Im Gegenteil: Nachdem sie auf ihrer Sitzung Anfang Dezember bereits beschlossen hatte, das Anleihekaufprogramm noch einmal zu verlängern, „weisen jüngste Äußerungen von EZB-Chef Mario Draghi darauf hin, dass der Lockerungskurs in naher Zukunft sogar noch einmal erhöht wird“, sagt Wiener. Es sei davon auszugehen, dass die Kapitalmarktzinsen im Euro-Raum noch auf Jahre hinaus sehr niedrig bleiben werden.

Für die Versicherer keine guten Aussichten. Zwar haben viele Gesellschaften noch alte Anleihen mit einer höheren Verzinsung als bei neuen Papieren im Bestand, so dass bislang kein Versicherer seine Versprechen brechen musste. Doch solange die Niedrigzinsphase anhält, schmelzen diese Reserven dahin.

Und die neuen Kunden zahlen für die alten Versprechen: Mehr als die Hälfte der Verträge in ihrem Bestand müssen mit mehr als 3,00 Prozent verzinst werden, hat Assekurata ausgerechnet. Die Versicherer sparen daher an allen Stellschrauben, um ihre Garantiezusagen zu erfüllen – etwa der Überschussbeteiligung, die ja nicht garantiert wurde.

Als immer schwerere Bürde erweist sich für die Branche auch der Sicherheitspuffer, den sich wegen gesetzlicher Vorschriften anlegen müssen. Vor einigen Jahren hatte der Gesetzgeber beschlossen, dass Versicherungen für ihre alten Garantieverträge besondere Rücklagen bilden müssen, die sogenannte Zinszusatzreserve.


„Es findet ein Paradigmenwechsel statt“

Seit der Einführung im Jahr 2011 bis 2015 musste die Branche mehr als 30 Milliarden Euro zur Seite legen, allein im vergangenen Jahr etwa zehn Milliarden. Und es wird nicht besser: Für 2016 dürften nach Schätzung von Assekurata zwölf Milliarden veranschlagt werden. Geld, das nicht an die Kunden ausgeschüttet werden kann.

In der Versicherungsbranche regt sich daher Widerstand gegen diesen Sicherheitspuffer, viele Unternehmen fordern Änderungen. Es könne schließlich nicht sein, dass gerade in schlechten Zeiten so viel Geld zurückgelegt werden müsse. In Berlin wird auch über Änderungen diskutiert. Aber noch ist keine Hilfe in Sicht, berichtet Versicherungsexperte Lars Heermann von Assekurata. Generell sei die Zinszusatzreserve aber auch durchaus sinnvoll, betont er. Doch wenn eine Medizin zu stark sei, sollte man eben doch die Dosierung überprüfen.

Abhilfe erhoffen sich die Versicherer auch durch neue Lebensversicherungen, die nicht auf dem Garantiezins beruhen. Dabei versprechen die Anbieter häufig, dass sie das eingezahlte Geld zu Beginn der Auszahlungsphase wieder auszahlen – und locken damit, dass sie bis dahin bestimmt mehr Rendite mit dem Geld ihrer Kunden erwirtschaftet haben als der klassische Garantiezins gebracht hätte.

Diese Produkte haben derzeit Hochkonjunktur. Immer mehr Versicherer bieten neue Lebensversicherungen ohne Garantiezins mit der Aussicht auf höhere Rendite an, unter anderem Marktführer Allianz sowie auch Generali, Talanx, Zurich und Ergo. Andere Versicherer wie die genossenschaftliche R+V und die Alte Leipziger hingegen halten am Modell mit Garantiezins fest.

Den neuen Produkten ist jedoch eines gemein: Sie sind nicht vergleichbar und schwer zu durchschauen. Dennoch glaubt man bei Assekurata, dass die klassische Lebensversicherung ihre besten Zeiten hinter sich hat: „Wir werden sicherlich keine Rückkehr zur Klassik erleben. Es findet ein Paradigmenwechsel statt“, sagt Assekurata-Chef Reiner Will.

Quelle:  Handelsblatt Online
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