Leuchten für E-Autos aus Lippstadt: Wie der Zulieferer Hella von der Autorevolution profitiert

Leuchten für E-Autos aus Lippstadt: Wie der Zulieferer Hella von der Autorevolution profitiert

, aktualisiert 10. August 2017, 14:54 Uhr
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Scheinwerfer werden künftig intelligent.

von Katrin TerpitzQuelle:Handelsblatt Online

Der Licht- und Sensorspezialist steuert in eine leuchtende Zukunft. Denn die innovativen Produkte der Lippstädter werden in selbstfahrenden Elektroautos gebraucht. Inzwischen hat sich auch die Profitabilität verbessert.

DüsseldorfAutofahrer kennen und fürchten das: Sie sind geblendet vom Fernlicht, weil der entgegenkommende Fahrer vergessen hat, abzublenden. Dieses Sicherheitsrisiko will Lichtspezialist Hella ausschalten. Zusammen mit Merck und Forschungsinstituten hat der Autozulieferer aus Lippstadt einen intelligenten LCD-Scheinwerfer entwickelt. Der wurde schon mit Porsche getestet. Das Geheimnis des Scheinwerfers: Zwischen den LED-Leuchten und der Linse liegt ein Display aus Flüssigkristall mit 50.000 Bildpunkten. Damit lassen sich gezielt Segmente aus dem Lichtkegel nehmen – etwa die Windschutzscheibe des entgegenkommenden Fahrzeugs oder die Köpfe von Fußgängern.

Der innovative Scheinwerfer kann noch mehr: einen Gehweg ausleuchten oder Navigationspfeile und andere Infos gestochen scharf auf die Fahrbahn beamen. „Steht etwa ein Kind im Dunkeln am Straßenrand, projiziert der Scheinwerfer einen Zebrastreifen auf Straße – als Zeichen, dass es überqueren darf“, erzählt Rolf Breidenbach, Vorsitzender der Hella-Geschäftsführung. Kombiniert mit Kamerasensoren von Hella kann das Auto künftig erkennen, ob Hindernisse auf der Fahrbahn sind. Das Fahrzeug lenkt automatisch aus der Gefahrenzone.

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Schöne neue Autowelt – an der baut Hella kräftig mit. Das börsennotierte Familienunternehmen zählt zu den 40 größten Autozulieferern weltweit. Während Zulieferer rund um Verbrennungsmotor und Getriebe durch den Trend zum selbstfahrenden Elektro-Auto mittelfristig um ihre Existenz bangen, ist Hella klarer Nutznießer der automobilen Revolution. „Wir profitieren vom Trend zum autonomen Fahren“, konstatiert Breidenbach. Die Lippstädter sind einer der Weltmarktführer für Licht und Elektronik im Automobil, insbesondere für Radarsensoren und Kamerasoftware für selbstfahrende Autos. Hellas intelligente Batteriesteuerungen sparen zudem Energie und werden auch im Elektroauto unverzichtbar sein.

Entsprechend positiv entwickeln sich die Geschäfte. Der Konzernumsatz ist im Geschäftsjahr 2016/17 (Ende Mai) um 3,7 Prozent auf rund 6,6 Milliarden Euro gestiegen. Damit hat sich das Wachstum von 8,9 Prozent im Vorjahr allerdings leicht abgeschwächt. „Unser Wachstum ist gut, aber nicht herausragend“, sagte Breidenbach bei der Vorstellung der Jahreszahlen in Düsseldorf. Doch nach einem schwachen ersten Halbjahr habe sich der Umsatz der zweiten Hälfte durch zahlreiche neue Produktionsanläufe stark beschleunigt. Ähnliches Wachstum erwartet er im laufenden Jahr.

Sehr zufrieden ist der Hella-Chef mit der Profitabilität. Das bereinigte operative Ergebnis (bereinigtes Ebit) stieg zum Vorjahr um zwölf Prozent auf 534 Millionen Euro, die bereinigte Ebit-Marge stieg und 0,9 Prozentpunkte auf 8,1 Prozent. Joachim Pieper, Senior Advisor Automobil vom Bankhaus Metzler, ist positiv überrascht: „Die Erträge von Hella haben meine Erwartungen noch deutlich übertroffen.“ Hella wachse seit Jahren stetig und sei mit seinen Innovationen Vorreiter in der Branche. „Was bisher fehlte, war eine attraktive Rentabilität. Nun scheinen die Lippstädter die Kosten besser im Griff zu haben“, so Pieper. Der Branchenexperte geht davon aus, dass sich dieser positive Trend in den nächsten Jahren fortsetzen wird.


Luftsensoren und energiesparende Scheinwerfer

Hella hat drei verschiedene Standbeine. Das größte Segment Automotive (Lichttechnik und Elektronik) wuchs um 3,8 Prozent auf fünf Milliarden Euro. „In Zeiten des großen Umbruchs in der Autobranche ist kaum ein Zulieferer so konsequent auf die Zukunftstechnologien ausgerichtet wie Hella“, meint Analyst Pieper. Bei Licht seien die Innovationen wie mit LED- und LCD-Scheinwerfern eventuell in einigen Jahren ausgereizt. Noch mehr Potenzial verspricht sich Pieper von der Sensor- und Radartechnik, die Voraussetzung für autonomes, vernetztes Fahren ist. Hier sieht der Branchenexperte Hella weit vorne mit Conti. Auch die Nachfrage nach Batteriesteuerungen werde mit der Umstellung auf Elektroantrieb deutlich zulegen, so Pieper.
Das zweite Standbein Aftermarket wuchs um 3,7 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro. Hella ist einer der größten Händler für Kfz-Teile, Diagnose und Service in Europa. Das operative Ergebnis sank allerdings um fünf Prozent auf 73 Millionen Euro. Als Grund nannte Finanzchef Bernard Schäferbarthold Investitionen in E-Commerce und Großhandel.

Das dritte Standbein Special Applications wuchs leicht um 0,3 Prozent auf 315 Millionen Euro. Hella produziert Licht und Elektronik für Boots- und Baumaschinenhersteller sowie Kommunen und Energieversorger. Während der Agrarsektor schwächelte, gab es größere Nachfrage beim Zubehör für Caravans.

Der Aktienkurs von Hella blieb nach den erwartet guten Zahlen stabil bei 44,55 Euro je Aktie. Das Familienunternehmen ist seit 2014 im MDax notiert. Die Familie hält 60 Prozent der Anteile in einem Pool. Die Kursentwicklung von Hella sieht Analyst Pieper sehr positiv. Für die nächsten zwölf Monate liegt sein Kursziel bei 53 Euro/Aktie. Vor einem Jahr lag der Preis noch bei rund 33 Euro. „Die Hella-Aktie ist nicht teuer und nach meiner Einschätzung noch nicht angemessen bewertet“, so der Experte von Metzler.
Die Unternehmensleitung schlägt der Hauptversammlung Ende September eine Dividende von 92 Cent je Aktie vor. Im Vorjahr waren es 77 Cent gewesen. Damit sollen diesmal 102 Millionen Euro ausgeschüttet werden, im Vorjahr waren es 86 Millionen Euro.

Innovation wird bei Hella groß geschrieben. Fast jeder Fünfte der 38.000 Beschäftigten in 35 Länder arbeitet in der Forschung und Entwicklung. Innovative Produkte erwirtschaften derzeit rund 15 Prozent vom Umsatz, Tendenz steigend. Zukunftsträchtige neue Produkte sind etwa energiesparenden LED-Scheinwerfer auch für 48 Volt-Elektro-Fahrzeuge. „Zudem entwickeln wir Sensoren für die Luftqualität, die ihre Daten ins Internet senden“, sagt Breidenbach. „In Zeiten der Luftverschmutzung in vielen Ländern erhoffen wir uns einen guten Markt.“ Daneben wird die Innenbeleuchtung immer wichtiger, wenn der Fahrer nicht mehr lenken muss.


Zusammenarbeit mit Tesla

Auch an neuen Geschäftsmodellen tüfteln die Lippstädter. Das abblendbare intelligente Fernlicht zum Beispiel lässt sich als Software hinzubuchen. „Erstmals haben wir auch Kamerasoftware mit Lizenzgebühr an einen deutschen Premiumhersteller verkauft“, sagt Breidenbach. Mehr verrät er nicht - auch nicht über die Zusammenarbeit mit den US-Elektroautopionier Tesla.
Getüftelt wird bei Hella nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern immer stärker mit anderen Unternehmen – längst nicht nur beim LCD-Scheinwerfer. Unter anderem werden komplette Klimasysteme oder Bordnetze entwickelt. 1,4 Milliarden Euro erwirtschaftete Hella bereits mit solchen Joint Ventures. Künftig wollen die Lippstädter verstärkt offene Kooperationen eingehen. „Das ist deutlich schneller und flexibler“, betont Breidenbach.

Ein Beispiel ist die im Juni verkündete strategische Partnerschaft mit ZF Friedrichshafen, Deutschlands drittgrößtem Autozulieferer. Beide Firmen kooperieren bei Kamerasystemen, Bilderkennung und Radarsensoren für automatisiertes Fahren und wollen zu einem Komplettanbieter werden. 2020 soll ein erstes Projekt marktreif sein. Damit bieten Hella und ZF dem Konkurrenten Bosch die Stirn. Dieser hatte selbst Kameratechnik zugekauft und kürzlich eine Zusammenarbeit mit Sony bei Bildsensoren verkündet.

„Die strategische Zusammenarbeit mit Hella bei der Sensortechnologie verbessert unsere Position als Komplettanbieter für moderne Assistenzsysteme wie auch für das autonome Fahren“, sagt Stefan Sommer, Vorstandsvorsitzender von ZF Friedrichshafen. Hella steuert die Bilderkennungssoftware und Applikationsentwicklung bei, ZF Hardware und System-Know-how. Hella und ZF kooperieren beim autonomen Fahren auch mit dem US-Chiphersteller und Spezialisten für künstliche Intelligenz Nvidia. Der will das „Gehirn“ für selbstfahrende Autos bauen.
Hella-Geschäftsführer Breidenbach macht selbst des Öfteren Testfahrten mit seinen futuristischen Prototypen, seien es Scheinwerfer oder Kameras. „So merke ich, ob unsere neuen Features nur Spielereien sind oder wirklichen Nutzen für die Kunden bringen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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