Libor-Skandal: Britische Notenbank soll Banken gedrängt haben

Libor-Skandal: Britische Notenbank soll Banken gedrängt haben

, aktualisiert 10. April 2017, 12:13 Uhr
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Die Notenbank soll in den Libor-Skandal verwickelt sein.

von Michael MaischQuelle:Handelsblatt Online

Jahrelang wurde der Referenzzins Libor manipuliert. Laut BBC sind aber nicht nur Privatbanken in den Skandal verwickelt – sondern auch die britische Notenbank. Das könnte Ex-Barclays-Chef Diamond in Bedrängnis bringen.

FrankfurtEs ist einer der größten Skandale der Finanzgeschichte. Über Jahre hinweg haben Händler diverser Großbanken den globalen Referenzzins Libor so manipuliert, dass er ihren eigenen Geschäften nutzte. Jetzt sind die Journalisten der BBC an bislang unbekannte Tonbandaufnahmen gekommen, die den Vorwurf zu nähren scheinen, dass die britische Zentralbank auf dem Höhepunkt der Finanzkrise private Banken gedrängt hat, künstlich niedrige Liborsätze zu melden, um eine Panik am Markt zu verhindern.

Der Libor ist ein täglich errechneter Zins, an dem sich Geldhäuser rund um den Globus orientieren und an dem Finanzprodukte im Wert von hunderten von Billionen Dollar hängen. Der Libor misst, zu welchem Zins die Banken sich gegenseitig Geld leihen. Der daraus errechnete Satz war vor allem während der Finanzkrise eines der entscheidenden Panikbarometer. Je höher die Sätze, die ein Institut meldete, desto größer das Misstrauen gegenüber dieser Bank.

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In den jetzt von der BBC entdeckten Aufnahmen fordert ein damaliger hochrangiger Manager von Barclays einen Händler auf, seine Schätzung für den Libor-Satz nach unten zu nehmen. „Das wird Ihnen absolut nicht gefallen… aber wir stehen unter erheblichem Druck der Regierung und der Bank of England unsere Libors zu drücken“. Nach Meinung der BBC wecken die Aufnahmen neue Zweifel an den Aussagen des damaligen Barclays-Chefs Bob Diamond und des damaligen stellvertretenden Gouverneurs der Notenbank Paul Tucker vor einem Untersuchungsausschuss des Parlaments.

Im Sommer 2012 musste Barclays als erstes Geldhaus einräumen, dass Händler des Instituts den Libor systematisch manipuliert hatten. Schon damals ging es auch um den Vorwurf, dass die Bank im Herbst 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, zu niedrige Liborsätze gemeldet haben soll, um eine Panik zu verhindern. Die Enthüllungen kosteten Diamond innerhalb weniger Wochen den Job.

Nur wenige Stunden nach dem Rücktritt des Vorstandschefs veröffentlichte Barclays das Protokoll eines Gesprächs zwischen Diamond und Tucker aus dem Herbst 2008, das darauf hinzudeuten scheint, dass der Notenbanker Diamond aufforderte, niedrigere Libor-Sätze zu melden, um Zweifel an der Überlebensfähigkeit von Barclays zu zerstreuen. Tucker sei sich „sicher, dass wir keine Ratschläge brauchen, aber dass unsere Libor-Sätze nicht immer so hoch erscheinen müssen wie zuletzt“, heißt es in einer Aktennotiz zu dem Telefonat. Laut der BBC stammen die jetzt ans Licht gekommenen Tonaufzeichnungen vom gleichen Tag wie das Telefongespräch zwischen Diamond und Tucker.


Barclays musste 450 Millionen Dollar zahlen

In einer Anhörung vor dem Finanzausschuss des britischen Parlamentsausschuss versicherte der Banker 2012, dass er Tuckers Aussagen nicht als Aufforderung zur Manipulation des Referenzzinses verstanden habe. Der damalige Chef-Investmentbanker von Barclays, Jerry del Missier, widersprach dem allerdings. Er habe von Diamond einen klaren Auftrag bekommen, tiefere Libor-Sätze zu melden, und sei sich sicher gewesen, dass hinter dieser Anweisung die Notenbank stecke.

Der Abgeordnete Chris Philps, ein aktuelles Mitglied des Finanzausschusses, sagte der BBC: „Es klingt so als hätten die damaligen Zeugen, insbesondere Bob Diamond und Paul Tucker das Parlament in die Irre geführt. Der ehemalige Barcalys-Chef widerspricht: „Ich habe niemals das Parlament getäuscht.... und stehe zu allem was ich früher gesagt habe“, betont Barclays gegenüber dem TV-Sender.

Seit der Skandal aufflog wurden vier ehemalige Barclays-Händler wegen Betrugs zu Haftstrafen von bis zu fünfeinhalb Jahren verurteilt. Zwei weitere Ex-Mitarbeiter der Bank wurden zuletzt allerdings in der Liboraffäre freigesprochen. Die Bank selbst musste mehr als 450 Millionen Dollar an Strafen für die Zinsaffäre bezahlen.

Der ehemalige Vize-Chef der Notenbank Tucker ist heute im Ruhestand. Als es 2013 darum ging, einen Nachfolger für den Bank-of-England Gouverneur Mervyn King zu finden, entschied sich die Regierung für den Kanadier Mark Carney. Damals machten Gerüchte die Runde, dass auch die Libor-Affäre und Emails, die ein enges Verhältnis zwischen Tucker und Diamond suggerierten, bei der Personalentscheidung eine Rolle spielten. Die Mails waren damals ebenfalls im Finanzausschuss des Parlaments ans Licht gekommen. Diamond hatte Tucker Ende 2008 zur Ernennung zum Vizechef der Bank of England gratuliert: „Gut gemacht, ich bin stolz auf Dich, wir sprechen uns bald“, schrieb der damalige Barclays-Chef. Tucker antwortete: „Vielen Dank, Bob, auf Dich konnte ich in dieser Angelegenheit bauen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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