"Thermomix ist der Küchenporsche des Amateurs"

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InterviewHype um Küchenmaschine: "Thermomix ist der Küchenporsche des Amateurs"

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Tilman Allert ist Soziologe und emeritierter Professor für Soziologie und Sozialpsychologie an der Goethe-Universität Frankfurt

von Thorsten Firlus

Endlose Liebe oder tiefe Ablehnung – wie kein anderes Küchengerät schafft es der Thermomix, die Menschen zu Fans oder Gegnern zu machen. Warum das so ist, erklärt Soziologe Tilman Allert.

WirtschaftsWoche: Herr Allert, der Thermomix...
Tilman Allert: Für Ihre Anfrage bin ich Ihnen sehr dankbar, inspiriert sie doch einen Soziologen, am Beispiel dieses trivialen Haushaltsgerätes kulturgeschichtlich bemerkenswerten Dimensionen seiner offenkundigen Verbreitung nachzugehen. Der Thermomix verdient eine Analyse weit über dieses Interview hinaus.

Freut uns zu hören, aber was ist denn nun das Besondere am Thermomix, dass Sie so angefixt sind und das Gerät als Eisbrecher für jeden Smalltalk taugt?
Die Maschine überbrückt durch technologische Raffinesse drei große Wert-Antinomien, die die Lebensführung in der modernen Gesellschaft bestimmen. Darin liegt ihr Geheimnis.

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Eine Küchenmaschine löst Widersprüche von Wertorientierungen, mit denen wir alle konfrontiert sind?
Ja. Die erste die zwischen Laie und Experte. Der moderne Mensch ist Expertisen aller Art ausgesetzt. Er ist Partner oder Abhängiger von Professionalität, wo immer man hinschaut. Das erzeugt eine Asymmetrie – der Laie muss sich abhängig machen vom Urteil des Professionellen. Was verspricht nun der Thermomix? Er professionalisiert den Laien, in diesem Fall den Kochlaien. Das klingt paradox und ist es auch. Der kulinarische Laie expertisiert sich und wird mittels der Technik des Gerätes zum Profi und durchbricht somit die Magie des Professionellen.

Tilman Allert

  • Zur Person

    Allert ist Soziologe und emeritierter Professor für Soziologie und Sozialpsychologie an der Goethe-Universität Frankfurt. Neben dieser Tätigkeit pflegt er ein intensives Interesse an Themen der Kulinarik. Zuletzt ist von ihm 2015 das Buch "Latte Macchiato. Soziologie der kleinen Dinge" erschienen.

Ist es dafür nötig, dass auch zahlreiche Sterneköche das Gerät verwenden?
Dass die das auch einsetzen, widerspricht dem nicht. Jetzt geht es weiter, die zweite Antinomie.

Wir lauschen.
Das ist die zwischen Berufstätigkeit und Hausfrauentätigkeit – das ist banal, muss aber festgehalten werden. Beidem gerecht zu werden schafft kaum jemand, jedenfalls nicht ohne schlechtes Gewissen. Der Thermomix suggeriert nun, dass ich mit seiner Hilfe das Kochen erheblich rationalisiere. Zeitaufwand, das Nachdenken über die Subtilität des Würzen – das nimmt die Maschine einem alles ab. Somit wird Zeit freigesetzt für Mutterschaft, respektive Elternschaft. Es folgt die dritte Antinomie.

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Thermomix: Wie die Erfindung eines Wuppertaler Mittelständlers einen Hype entfacht. Quelle: Frank Schemmann für WirtschaftsWoche

Wir sind gespannt.
Gesund essen und kulinarisch raffiniert, das hinzubekommen, bereitet auch Kopfzerbrechen. Wer kulinarisch raffiniert essen will, etwas geschmackvoll zubereiten, der muss Zeit dafür opfern. Demgegenüber geht gesund essen in der Regel nicht mit kulinarisch raffiniert einher. Diese Gesundesser seien langweilig, so das übliche Urteil, weil da kulinarisch nichts entsteht und demgegenüber scheren sich die kulinarisch Motivierten nicht darum, ob das auch gesund sei. Der Thermomix verspricht die Vereinbarkeit dieses Widerspruchs. Mit seiner Hilfe, so die Botschaft, ginge beides. Den Widerspruch hebt die Maschine auf und das macht sie so attraktiv.

Das allein erklärt den Erfolg?
Nein, hinzu kommt noch die Art der kommunikativen Verbreitung. Sie nennen das ja „Direktvertrieb“. Und der folgt der Logik der Gerüchtebildung. Gar nicht im negativen Sinne, sondern, als gelte es, ein Geheimnis, eine Sensation weiterzutragen. Das macht die Kultur der Repräsentantinnen aus. Das sind Menschen, die wie bei Flüsterpropaganda „Hör mal, da gibt es was, das ist sensationell, das musst du dir anschauen.“, vorgehen.



Wenn das alles so ist – warum gibt es eine große Zahl von Menschen, die das Gerät nicht nur nicht haben wollen, sondern es entschieden ablehnen und die Nutzer mit Spott und Häme bedenken?
Es heißt nicht umsonst KochKUNST. Sie heißt nicht zufällig so, es ist eine hohe Kunst, was die Sterne-Köche fabrizieren, selbst wenn seinerseits darum ein Kult gemacht wird. Das ändert nichts an dem Umstand, dass allem Professionellen, also auch der Kochkunst das immanente Merkmal des Magischen innewohnt. Die Menschen, die den Thermomix heftigst ablehnen, wollen sich die Magie der Speisenzubereitung und den Stolz auf die Individualität ihrer eigenen Zubereitung nicht zerstören lassen. Da streiten sich Experten und Laien, siehe der Anfang unseres Gesprächs. Die Experten – wohlgemerkt Hobbyköche, nicht Kochprofis – lassen sich ihre Kundigkeit nicht von einer Technologie aus der Hand nehmen und empören sich darüber, dass der Laie kommt und behauptet, er könne die Magie durch Knopfdruck oder Touchscreen außer Kraft setzen oder sie kopieren.

Diese Art von Liebe und Ablehnung findet man sonst kaum, dem jeweils neuesten iPhone vielleicht noch. Gibt es Parallelen?
Nein, das scheint mir einzigartig. Weil es hier um die Gestaltung einer Lebensführung geht, die mit dieser Maschine auf eine neue Stufe gehoben wird. Ob das faktisch geschieht oder suggeriert wird, spielt für den Verkaufserfolg keine Rolle. Dergleichen Phantasien bilden sich auch beim iPhone, aber der Thermomix hat Tiefendimensionen, die das Smartphone vermutlich nicht erreicht.

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Auch wenn die Maschine nach einer Weile in der Ecke steht?
Ob der Thermomix tatsächlich so genutzt wird, wie ich es skizziert habe, interessiert nicht. Entscheidend scheint mir, dass eine Subkultur von Menschen in vergleichbaren alltäglich spürbaren Wertwidersprüchen angesprochen wird. Es ist auch nicht wichtig, ob die Menschen bei Vorwerk sich das so ausgedacht haben.

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