Knauß Kontert: Rocken für die Regierung? Nein!

kolumneKnauß Kontert: Rocken für die Regierung? Nein!

Kolumne von Ferdinand Knauß

Rock’n’Roll war mal eine vitale Gegenkraft zur ökonomisierten Marktgesellschaft. Wie systemkonform und spießig die Popwelt geworden ist, zeigt die Empörung über Morrisseys politische Ansichten.

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Seit einigen Tagen ist ein britischer Musiker zum Lieblingsziel einer breiten Front der Empörung geworden -  von der Saarbrücker Zeitung bis zur Huffington Post. Der neue Gottseibeiuns des Feuilletons ist nicht irgendeiner, es ist Morrissey. Von seinen Anhängern wird er seit über 30 Jahren abgöttisch verehrt, unzählige andere Musiker nennen ihn ihr Vorbild, als Liedtexter wurde er schon mit den großen romantischen Dichtern seiner Heimat verglichen.

Doch er hat ein schweres Sakrileg begangen – so sehen es Journalisten. Nicht nur hat er schon vor einem Vierteljahrhundert über „Journalists who lie“ gesungen. Nicht nur fordert er auf seinem aktuellen Album "Low in High School" zur Nachrichten-Abstinenz auf - "Spent the Day in Bed". Nicht nur hat er sich in Interviews als Befürworter des Brexit offenbart. Nicht nur hat er sich in einem Konzert in Berlin lustig gemacht über eine Besucherin, die „Fuck AfD!“ rief. (Nach Ansicht eines Rezensenten verpasste er da die „Chance, sich etwas von seinen kruden politischen Ansichten zu distanzieren, wenn ihnen nicht sogar gleich zu entsagen“).

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Kritik an Merkel Grönemeyer fordert mehr Politik in der Musik

Wie viel Haltung steckt in der Musik? In Hamburg diskutierten Künstler und Vertreter von Hilfsorganisationen über soziales Engagement. Für Herbert Grönemeyer ist Musik bis heute politisch – Kritik übte er an Merkel.

Der Musiker spricht im Rahmen des Reeperbahnfestivals über die Relevanz und Auswirkung von politischem Engagement. Quelle: dpa

Es kam noch viel schlimmer: Morrissey hat im Interview mit dem Spiegel gewagt, die Kanzlerin für ihre Flüchtlingspolitik zu kritisieren. Die Bundeskanzlerin! Er nannte Berlin „wegen der offenen Grenzen“ eine „Vergewaltigungshauptstadt“ und - das Schlimmste!  - wünschte sich, dass Deutschland deutsch (und Frankreich französisch) bleibe. „England for the English“ hatte er übrigens schon 1991 gesungen.

Über diesen Mann und sein neues Album kann man nun kaum mehr einen Text lesen, dessen Autor sich nicht zunächst verbal bekreuzigt. Indem er zum Beispiel (wie in der Saarbrücker Zeitung) darauf hinweist, dass Morrissey „ständig irgendeinen Mist“ verzapfe und dass er gefälligst „seine Anti-EU-Provokationen für sich behalten“ solle. Die Huffington Post schrieb, Morrisseys Interview im Spiegel sei „dumm“ (ausgerechnet die Huffington Post!), für die Süddeutsche ist er ein „alter, ideenloser Verschwörungstheoretiker“.

Andreas Frege, alias Campino, Frontmann der Punk-Band "Die Toten Hosen" wünschte der Bundeskanzlerin nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche "starke Nerven". Quelle: dpa

Andreas Frege, alias Campino, Frontmann der Punk-Band "Die Toten Hosen" wünschte der Bundeskanzlerin nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche "starke Nerven".

Bild: dpa

Rein ökonomisch könnte dem Musiker das durchaus entgegen kommen. Es könnte derselbe Effekt eintreten, der den Historiker Rolf Peter Sieferle nach seinem Freitod zum Bestseller-Autoren machte: Wer von den wohlsituierten Kritikern zum bösen Buben abgestempelt ist, wird für viele Liebhaber des nicht Gewöhnlichen gerade interessant. 

Offensichtlich tut Morrissey genau das, was einst neben der puren Lebensfreude der Sinn des Rock’n’Roll war: gegen die Konventionen verstoßen, dem Establishment die Verlogenheit seiner Moral vorhalten, rebellieren, provozieren, Freiheiten einfordern.

Rock’n’Roll war mal ein großer Angriff auf die Spießigkeit. Zu Elvis Zeiten genügte dafür ein lasziver Hüftschwung, die Beatles taten es mit ihren langen Haaren und später mit einem öffentlichen „Bed-In“ für den Weltfrieden.

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