Tauchsieder: So gelingt das gute Leben

Tauchsieder: So gelingt das gute Leben

von Dieter Schnaas

Zeit zur Besinnung: Man muss sich sein Dasein wie einen Atemzug vorstellen. Nur wer bis 35 ganz tief Luft holt, bleibt für den Rest der Strecke bei Puste. Alle anderen jagen japsend dem Verpassten hinterher.

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Zeit zur Besinnung: So gelingt das gute Leben.

Der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal hat sich für sein Leben gern mit der Frage beschäftigt, warum der Mensch sich seines Daseins nicht erfreuen kann. Pascals Überlegungen sind auch heute noch unbedingt lesenswert, auch wenn sich seine Antwort denkbar knapp zusammenfassen lässt: vita brevis - das Leben ist kurz. Weil es dem Mensch in der Kürze seines Lebens aber vor allem darum gehen muss, seinen Seelenfrieden zu finden, so Pascal weiter, sei er paradoxerweise von einer „beständigen Unruhe“ ergriffen: Wer suchet, der findet alles Mögliche - aber keine Ruhe. 

Rührt also „das ganze Unglück der Menschen allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“? Es ist traurig, dass Pascals elegante „Gedanken über die Religion und andere Themen“ heutzutage fast nur noch in einer einzigen retweetfähigen Kalenderspruchformel kursieren. Denn tatsächlich ging es dem Universalgelehrten um die Unversöhnlichkeit zweier anthropologischer Grundtriebe, die jedem Menschen im stillen Wissen um das kurze Leben eingeschrieben sind: einerseits der Trieb des Menschen, sich mit Dingen zu beschäftigen, die ihn daran hindern, an die verrinnende Lebenszeit zu denken - seine Leidenschaft für Äußerlichkeiten, für „Belustigung“ und „Zeitvertreib“, um sich gleichsam „selbst zu vergessen“. Und andererseits der „geheime Trieb“ des Menschen, „der von der Größe seiner ersten Natur übrig ist, der ihnen zu erkennen gibt: das Glück sei in Wahrheit nur die Ruhe“. Im Widerspruch dieser zwei Grundtriebe liegt für Pascal der Elementargrund des menschlichen Unglücks - die Ur-Ursache für den „verworrenen Lebensplan“, unseren Seelenfrieden durch „unruhige Geschäftigkeit“ zu finden.

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Nun hatte Pascal im 17. Jahrhundert gut reden: Die Lebenschancen der Meisten waren spärlich, viel Zeit zum müßigen Nachdenken blieb Bauern, Handwerkern, Kaufleuten nicht - und die Möglichkeiten zur Ablenkung vor allem der Landbevölkerung beschränkten sich sehr weitgehend auf Wirtshausbesuche, Kirchenfeste und das Ehebett. Im Vergleich dazu besitzt der moderne Mensch unendlich mehr Optionen - aber eben auch unendlich mehr Möglichkeiten, einen „verworrenen Lebensplan“ zu entwerfen: sein Leben zu verpatzen. Es fällt ihm angesichts der schieren Überfülle von Angeboten der Zeitverbringung zunehmend schwer, den Maßstab für ein gelingendes Leben in sich selbst zu finden.

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Tipp 6:  SelbstbeobachtungAchten Sie auf sich und Ihre Art zu arbeiten. Denn jeder Mensch ist anders. Während der eine ein Morgenmensch ist, der schon nach dem Frühstück viel erledigen kann, dann stehen sie früh auf und reservieren Sie sich eine störungsfreie Zeit, in der Sie in Ruhe arbeiten. Sind Sie ein Morgenmuffel und erst ab mittags so richtig warmgelaufen, dann starten Sie lieber gemütlich in den Tag. Teilen Sie sich Ihren Tag ein, so wie es Ihnen am effektivsten erscheint. Quelle: dpa/dpaweb

Statt dessen ist der moderne Mensch ein außengeleiteter, sensorisch begabter Charakter, stark geprägt von den Biografien, Erfolgen und Ansprüchen seiner Mitmenschen, ständig um Einpassung und vergleichende, allgemein akzeptierte Singularität bemüht. Und damit dem Pascalschen Unglück gleichsam im Quadrat preisgegeben. Oder anders gesagt: Das ganze Unglück des modernen Menschen rührt nicht mehr nur in seiner Geschäftigkeit, sondern vor allem darin, dass er dieses geschäftige Leben auch noch im Konjunktiv führt - mit Blick auf das, was er jederzeit auch tun und „sein“ könnte, aber gerade nicht tut und „ist“. Selbst der erfolgreichste, bestverdienende Manager, der selbstbstimmteste Gründer und glücklichste Erbe ist in der modernen Welt das größte denkbare Mängelwesen: kein Bergsteiger, keine Tauchlehrerin, kein Weltreisender, kein Goethekenner, kein Familienmensch, kein Gourmetkoch, kein Kunstliebhaber  - so wie viele andere Menschen, die man verdächtigt, ein ungleich erfüllteres Leben zu führen.

Ich würde daher Pascals Formel ein wenig zeitgemäßer fassen und schlage vor: Das ganze Unglück der Menschen rührt daher, dass sie bis 35 nicht tief genug Luft holen - und anschließend permanent unter Schnappatmung leiden. Und schlage daher außerdem vor, 14-jährige Teenager in der Schule nicht mit Pythagoras und Bunsenbrennern, sondern mit der Existenzphilosophie vertraut zu machen. Ein Deutschlehrer etwa könnte seinen lesefaulen Schülern einen einzigen Aphorismus von Emile Cioran vorlegen, er lautet: „30.000 Tage, erstaunlich - so wenig“. Und wenn er ihnen anschließend auch noch sagt, dass 5000 dieser Lebenstage bereits verstrichen sind, so dürfte er damit jedem Neuntklässler einen schönen, heilsamen Schrecken eingejagt haben: Verdammt, was stelle ich bloß mit dem Rest der Zeit an? Ein guter Deutschlehrer würde seine Schüler dann vor allem auf eine Antwort hinlenken. Sie lautet: Jenseits des Nützlichen fängt das Wertvolle an.

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