Lloyd's of London: Eine Institution geht fremd

Lloyd's of London: Eine Institution geht fremd

, aktualisiert 29. März 2017, 16:12 Uhr
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Den britischen Versicherungsgiganten zieht es nach Brüssel.

von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Der britische Versicherungsgigant Lloyd’s setzt sich von London ab – zumindest ein bisschen. Der traditionsreiche Versicherungsmarkt baut als Brexit-Reaktion laut einem Medienbericht Brüssel als neue EU-Basis aus.

FrankfurtDie Ansage war klar und deutlich. „Wenn wir die Passporting-Rechte nicht bewahren können, würden wir sicherlich einen Hub, wahrscheinlich in Form einer Tochtergesellschaft, auf dem Kontinent aufbauen, über die wir dann das Geschäft mit den Kunden in Europa direkt laufen lassen“, kündigte der inzwischen ausgeschiedene Chairman des britischen Versicherungsgiganten Lloyd's, John Nelson, im vergangenen Herbst an. Etwa ein halbes Jahr später schafft der wichtige britische Versicherungsmarkt nun Fakten.
So soll intern eine Festlegung bereits getroffen worden sein. Der Versicherungsriese Lloyd’s baue Brüssel als neuen EU-Standort wegen des Brexits in Kontinentaleuropa aus, wie das Branchenblatt „Insurance Insider“ am Mittwoch berichtet.

Hauptsitz werde weiter London bleiben, doch mehr als 100 Arbeitsplätze könnten von der britischen Hauptstadt verlegt werden, heißt es. Lloyd’s of London selbst wollte die Informationen nicht näher kommentieren. Die Institution bestätigte lediglich, dass es am Mittwoch ein Treffen und am Donnerstag möglicherweise eine Erklärung geben werde.

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Der britische Versicherungsgigant verlagert damit nicht nur nach 328 Jahren Teile des Geschäfts aus London. Das Traditionshaus setzt damit auch ein politisches Zeichen. Denn die Entscheidung erfolgt unmittelbar im Umfeld der Anrufung des Artikel 50 durch die britische Regierung, die damit die EU-Kommission offiziell vom Austrittswunsch Großbritanniens unterrichtet. Die nun beginnenden Verhandlungen sollen nach Willen der Briten maximal zwei Jahre dauern. Viele Finanzinstitute stellt dies jedoch vor ein heikles Problem. Denn mit dem Abschied von der EU geht der Verlust der sogenannten Passporting-Rechte einher.

Damit sind Rechte gemeint, die es Banken und Versicherern erlauben, von London aus Geschäfte auf dem gesamten europäischen Kontinent zu machen – ein Privileg, das viele Firmen nun mit der Verlagerung von Geschäften in die EU-Zone umgehen wollen. Denn weiter Produkte in den übrigen 27 EU-Staaten verkaufen zu können, brauchen die Firmen eine Lizenz in einem anderen EU-Land, beispielsweise in Deutschland. Deren Beantragung dauert nach Einschätzung von Experten mindestens zwölf Monate - viele Finanzinstitute stehen deshalb jetzt unter Zeitdruck.


Fünf Städte in der engeren Wahl

Monatelang hat Lloyd’s die Standorte in den übrigen europäischen Ländern gegeneinander abgewogen. Fünf Städte seien in die engere Wahl gekommen, hieß es. Als Favorit galt bei Beobachtern zwischenzeitlich Luxemburg, das bereits andere Institute wie den US-Versicherer AIG sowie den US-Finanzinvestor Blackstone anlockte. Auch Frankfurt, Malta und Paris buhlten um den traditionsreichen Versicherungsmarkt. Doch am Ende scheint sich nun sich Brüssel als neue EU-Basis durchgesetzt zu haben – und damit die heimliche Hauptstadt der Europäischen Union.

Die Entscheidung für de Metropole ist für Lloyd’s eine wichtige Wahl, denn für den traditionsreichen Versicherungsmarkt steht durchaus viel auf dem Spiel. Rund elf Prozent seines Umsatzes macht Lloyd‘s, dessen Zentrale in einem futuristischen, wie eine Maschine anmutenden Verwaltungsgebäude des Architekten Richard Rogers in der Londoner City sitzt, im übrigen Europa – ein Geschäft, dass der Versicherer mit der Verlagerung nun absichern will.

Die London School of Economics (LSE) schätzt, dass die britischen Versicherer, die für 20 Prozent der Umsätze in der Londoner City stehen, wegen des Brexit um Erlöse in Höhe von bis zu vier Milliarden Pfund bangen müssen. Die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen, zieht damit immer mehr Finanzakteure von der Londoner City auf den Kontinent.

Die Entscheidung von Lloyd’s könnte Signalwirkung für weitere Verlagerungen haben. Lobbyisten und Bankenaufseher erwarten nach diversen Treffen mit amerikanischen, asiatischen und britischen Geldhäusern zeitnah Entscheidungen auch in anderen Finanzinstituten. „Es gibt eine Menge Aktivität hinter den Kulissen“, sagte ein Berater, der namentlich nicht genannt werden wollte. „Das ist bei vielen britischen Banken und Versicherungen inzwischen ein großes Thema.“ Die Aufsichtsbehörden in Deutschland haben Gespräche mit einer hohen zweistelligen Zahl an Interessenten geführt, heißt es.

So hat die führende US-Investmentbank Goldman Sachs als Reaktion auf den geplanten EU-Austritt Großbritanniens bereits mit dem Abzug von Arbeitsplätzen aus der Finanzmetropole London begonnen. Es gehe zunächst um Hunderte Stellen, sagte Europa-Chef Richard Gnodde vor wenigen Tagen dem US-Sender CNBC. Man starte nun die Umsetzung der Pläne für den Ernstfall. Insgesamt beschäftigt das Geldhaus bisher etwa 6000 Mitarbeiter in der britischen Hauptstadt.

Viele internationale Banken mit Sitz in Großbritannien liebäugeln laut Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret wegen des Brexit mit einer Verlagerung von Geschäften nach Frankfurt. „Es haben viele am Standort Frankfurt interessierte Banken bei uns angeklopft und ich habe viele interessante Gespräche geführt“, sagte Dombret am Mittwoch in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Werbung für die Mainmetropole betreibt die Bundesbank aber nicht: „Die britischen Banken entscheiden selbst, wo sie sich ansiedeln.“ Frankfurt Main Finance, das Sprachrohr des Finanzplatzes, hofft durch den Brexit in den nächsten fünf Jahren auf 10.000 zusätzliche Stellen. Der Versicherungsmakler Lloyd’s, so viel scheint festzustehen, wird allerdings keinen dieser neuen Jobs am Main beisteuern.

Quelle:  Handelsblatt Online
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