Lohngleichheit: „Gehaltstransparenz ist kein Zwangs-FKK“

Lohngleichheit: „Gehaltstransparenz ist kein Zwangs-FKK“

, aktualisiert 14. März 2017, 15:12 Uhr
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Noch immer verdienen Frauen schlechter als gleichqualifizierte Männer. Ein neues Gesetz für mehr Gehältertransparenz soll das ändern.

von Claudia ObmannQuelle:Handelsblatt Online

Die Gehaltslücke zwischen Männer und Frauen schließt sich nur langsam. Mehr Transparenz soll Abhilfe schaffen. Effizienter wären allerdings eine andere Maßnahme: Frauen auf Spitzenpositionen. Eine Analyse.

DüsseldorfDie Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen in Deutschland schließt sich nur langsam. Im vergangenen Jahr lag der durchschnittliche Bruttostundenlohn der Frauen mit 16,26 Euro noch um 21 Prozent niedriger als der von Männern mit 20,71 Euro. Vor einem Jahr hatte der Unterschied laut Statistischem Bundesamt 22 Prozent betragen.

Rund drei Viertel der Gehaltslücke lassen sich auf strukturelle Gründe zurückführen. So werden in frauentypischen Berufen durchweg geringere Gehälter gezahlt, Frauen arbeiten öfters in Teilzeit und vor allem sehr viel seltener auf hochdotierten Führungspositionen als Männer. Bereinigt man die Berechnung um solche Faktoren, bleibt noch immer eine Gehaltslücke von derzeit sechs Prozent. Das ist die Größenordnung, die Frauen bei vergleichbarer Qualifikation und Tätigkeit weniger verdienen als Männer. Auch diese Zahl ist rückläufig, wird aber nur alle vier Jahre genauer erhoben, zuletzt 2014.

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Mit dem neuen „Gesetz zur Förderung von Transparenz von Entgeltstrukturen“ (EntgeltTG) will die Bundesregierung nun den Einkommensabstand zwischen Männern und Frauen verringern. Arbeitgeber sollen die Vergütung ihrer Beschäftigten auf Anfrage offen legen müssen. Dafür bekommen etwa 14 Millionen Beschäftigte in Unternehmen mit über 200 Mitarbeitern ein Auskunftsrecht dazu, was eine vergleichbare Gruppe des anderen Geschlechts verdient. Unternehmen mit über 500 Beschäftigten sollen außerdem künftig regelmäßig über ihren Stand in punkto Entgeltgleichheit berichten. Private Unternehmen dieser Größenordnung werden zudem aufgefordert, ihre Lohnstrukturen auf die Entgeltgleichheit zu überprüfen.

Die Arbeitgeber halten dieses Gesetz für überflüssig. Lufthansa-Personalvorständin Bettina Volkens sagt zum Beispiel: „Grundsätzlich setzen wir uns für Entgeltgerechtigkeit und gleiche Karrierechancen für Männer und Frauen ein. Gehältertransparenz im Sinne des EntgeltTG hinterfragen wir. Wir sind tariflich gebunden oder haben systematische Arbeitsbewertungsverfahren zur Entgeltfindung und gehen davon aus, dass diese bei Anwendung geschlechtsneutral sind.“ Manche Chefs gehen mit ihrer Kritik noch weiter. Sie beschwören das Ende leistungsgerechter Entlohnung und warnen vor dem Trend zum sozialistischen Einheitsgehalt.

Gewerkschaften und der Linkspartei geht der Gesetzentwurf dagegen nicht weit genug. Sie fürchten, dass sich die gesetzliche Regelung als Papiertiger erweist, da es an Sanktionsmöglichkeiten gegenüber unwilligen Arbeitgebern fehle.

Nach über einem Jahr Streit passierte der Gesetzentwurf das Kabinett. Seine Initiatorin, Frauenministerin Manuela Schwesig, setzt auf eine Verabschiedung im Bundestag noch vor der Wahl im Herbst. Ihr geht es auch darum, mit einem Tabu zu brechen: „Über Geld redet man nicht.“

„Das ist überfällig“, findet zum Beispiel Henrike von Platen, Vergütungsexpertin des weltweit größten Netzwerkes berufstätiger Frauen (BPW). „Es wäre toll, wenn sich ein Dax-Konzern mal entschlossen ein Beispiel an amerikanischen oder kanadischen Firmen nehmen würde, wo der offene Umgang mit Gehältern sehr viel selbstverständlicher ist.“ Sie ist überzeugt, Gehaltstransparenz sei kein „Zwangs-FKK“, sondern eine „kluge Methode, Arbeit sexy zu machen“. „Offen gelebtes Fairpay ist ein Wettbewerbsvorteil, um motivierte Fachkräfte zu finden und für eine moderne Unternehmenskultur zu begeistern – und zwar Männer wie Frauen!“

Ob allerdings von dem demnächst gesetzlich verbrieften Auskunftsrecht rege Gebrauch gemacht wird, wagen Experten zu bezweifeln. Von gerade mal einem Prozent der berufstätigen Frauen geht das Ministerium aus.

Und einen Hauptfaktor für die herrschende Gehaltslücke kann das geplante Gesetz ohnehin nicht beheben, da sind sich alle Fachleute einig: Dass qualifizierte Frauen bislang nur selten einen Chefsessel besetzen. „Dafür ist nach wie vor die Personalpolitik der Unternehmen verantwortlich. Da muss schnellstens ein Umdenken stattfinden“, sagt Ulrich Goldschmidt, Vorstandsvorsitzender vom Führungskräfte-Verband.

Quelle:  Handelsblatt Online
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