Luftfahrt: Angriff auf das Duopol

Luftfahrt: Angriff auf das Duopol

, aktualisiert 20. Juni 2017, 06:08 Uhr
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Airbus und Boeing teilen den zivilen Flugzeugmarkt größtenteils unter sich auf. Der kanadische Konkurrent Bombardier will das ändern.

von Thomas Hanke und Jens KoenenQuelle:Handelsblatt Online

Im weltweiten Flugzeugmarkt werden die Karten neu gemischt. Es wird zwar dauern, bis neue Wettbewerber neben Boeing und Airbus Fuß gefasst haben, aber sie machen Fortschritte. Eine von ihnen ist Bombardier.

Le BourgetWer wissen will, was im weltweiten Flugzeugmarkt los ist, muss nur über das Vorfeld des Flughafens Le Bourget bei Paris laufen. Stolz steht da die CS300 von Bombardier in den Farben des Kunden Air Baltic. Einige Meter entfernt ist die Embraer E195-E2 zu bewundern. Auch der japanische Hersteller Mitshubishi hat am Samstag seine MRJ 90 zur Paris Air Show geflogen. Und der russische Rivale Sukhoi zeigt seinen Superjet 100.

Das viele Jahrzehnte dominierende Duopol Airbus und Boeing bei Passagierjets ab etwa 130 Sitze bröckelt. Schon länger drängen Bombardier aus Kanada und Embraer aus Brasilien von unten in das Kerngeschäft der beiden Riesen. Zusätzlicher Druck kommt nun aus China, Japan und Russland. Zwar sind Flugzeuge wie der Superjet oder die MRJ 90 mit einer Kapazität von etwa 100 Passagieren kleiner als der kleinste Airbus A319.

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Aber sie sind nur die Vorboten größerer Ambitionen. United Aircraft. Corporation, die Muttergesellschaft von Marken wie Irkut und Sukhoi, testet bereits den größeren MC-21 und will mit dem chinesische Hersteller Comac sogar einen Großraumjet für die Langstrecke entwickeln. Comac selbst hat seine C919 jüngst zum Erstflug abheben lassen.

Die Experten des Beratungsunternehmens Alix Partners schreiben in einer aktuellen Studie zwar, dass es wohl noch eine Flugzeuggeneration dauern werde, bis das Duopol tatsächlich geknackt sei. Gleichzeitig warnen sie aber davor, die neuen Rivalen nicht ernst zu nehmen. „Viele Bestellungen werden mittlerweile für Flugzeuge abgegeben, die noch gar nicht auf dem Markt verfügbar beziehungsweise von den Zulassungsbehörden zertifiziert sind“ Die Neueinsteiger würden inzwischen acht Prozent des weltweiten Auftragsbestands für Narrow-Body-Flugzeuge (Mittelstreckenjets mit einem Gang) auf sich vereinen.

„Die neuen Wettbewerber zeigen, wie attraktiv unser Markt ist“, kommentierte Dennis Muilenberg, Chef von Boeing, die neue Wettbewerbssituation am Montag : „Das zeigt, dass wir niemals stehen bleiben dürfen.“


Boeing sieht in Bombardier schon jetzt eine ernsthafte Gefahr

Tatsächlich rüsten die neuen Rivalen kontinuierlich weiter auf. Bombardier etwa hat festgestellt, dass die C-Serie im regelmäßigen Einsatz bei den ersten Kunden noch effizienter ist als gedacht und versprochen. Nun lässt Fred Cromer, der Sparten-Chef für kommerzielle Flugzeuge, prüfen, wie nachhaltig diese Erfahrungen sind und ob man sie aktiv für eine noch aggressivere Vermarktung verwenden kann.

Bombardier ist zu einem Erfolg des Flugzeugs verdammt. Die Kanadier haben sich mit der Entwicklung der C-Series verhoben. Das Unternehmen, das auch Züge herstellt, geriet auch wegen ausufernder Entwicklungskosten in finanzielle Schwierigkeiten. Mittlerweile ist die C-Serie in ein eigenes Unternehmen ausgelagert, an dem neben Bombardier auch die Provinz Quebec beteiligt ist.

Die Experten von Alix Partners sehen deshalb noch einige Hürden für einen Durchbruch der Kanadier. „Dafür ist es notwendig, das Bombardier seine derzeitigen Finanzprobleme überwinden und seine Auftragsbücher langfristig füllen kann.“

Spannend ist zudem, ob sich die kürzlich aufgetauchten Spekulationen bewahrheiten werden, die chinesische Comac verhandele über einen Einstieg bei Bombardier. Branchenkenner finden jedenfalls Gefallen an einem solchen Szenario. „Ein gemeinsames Auftreten von Bombardier mit einem chinesischenWettbewerber könnte eine ernsthafte Herausforderung für das derzeitige Airbus-Boeing-Duopol im Markt für Narrow-Body-Flugzeuge sein“, heißt es in der Studie von Alix Partners.

Die Boeing-Manager scheinen in Bombardier schon heute eine ernsthafte Gefahr zu sehen. Der US-Gigant zerrte den kanadischen Rivalen jüngst wegen angeblichen Preisdumpings vor Gericht. Die US-Behörde ITC hat vor wenigen Tagen weitergehend Untersuchungen des Vorwurfs angeordnet.

Im Mittelpunkt des juristischen Streits steht ein Auftrag der US-Airline Delta über 75 CS100 und die Option auf 50 weitere Maschinen diesen Typs. Boeing behauptet, dass Bombardier die CS100 zu einem Stückpreis von 19,6 Millionen US-Dollar verkauft, bei einem Listenpreis von 76,5 Millionen US-Dollar. Bei diesem Preis könnten die Kanadier noch nicht einmal ihre Produktionskosten decken. Bombardier weist diese Vorwürfe zurück.

Die Tatsache, dass die CS100 mit ihrer geringen Größe gar nicht mit Flugzeugmodellen von Boeing konkurriert und deshalb Delta eine Lieferung durch Boeing auch gar nicht erwogen hat, zeigt, wie blank die Nerven bei den Herausgeforderten liegen. Für Muilenberg geht es aber um das Prinzip. „Wir sind für Wettbewerb, wenn er fair ist. Bei Bombardier haben wir klare Zeichen von Dumping festgestellt“, verteidigte der Boing-Chef das Vorgehen.


Boeing plant eine neue Maschine

Eine weitaus wichtigere Antwort auf die neue Konkurrenz als Klagen sind für Muilenberg allerdings Investitionen in die Zukunft. Der Boeing-CEO bestätigte am Montag, an einem völlig neuen Flugzeug zu arbeiten. Es geht um eine Maschine, die zwischen dem Mittelstreckenjet 737 und dem Großraumflugzeug Dreamliner (787) angesiedelt ist.

Junge Airlines wie Norwegian suchen schnell zu füllende Flugzeuge für Langstrecken-Billigflüge zu dezentraleren Flughäfen und touristischen Zielen. Airbus versucht diesen Markt, „Middle of the market“ (MOM) genannt, mit einer mit zusätzlichen Tanks versehenen A321 neo zu adressieren. Boeing hat hier bislang nichts vorzuweisen und will das ändern. „Wir haben mit vielen Airlines über ein solches Flugzeug gesprochen und sind derzeit dabei, die genauen Bedürfnisse zu eruieren “, sagte Muilenberg.

Muilenberg nannte erste Details eines möglichen neuen Modells, in Branchenkreisen 797 genannt: eine Reichweite von 5000 nautischen Meilen und eine Kapazität von 220 bis 280 Sitzen. Dazu, so machte der Boeing-Chef deutlich, reiche es nicht, ein bestehendes Flugzeug mit einem Gang wie etwa die 737 weiter zu stretchen.

„Es muss ein Flugzeug mit dem Komfort eines Großraumjets aber der Produktivität eines Mittelstrecken-Jets sein. Wir suchen den richtigen Kompromiss“, so Muilenberg. Boeing sehe ein großes Interesse an einem solchen Flugzug, habe aber keine Eile. 2024/2025 könne der neue Jet marktreif sein.

Bei Airbus bleibt man ungeachtet dieser Ankündigung betont gelassen. „Wir haben mit der A321 rund 80 Prozent Marktanteil, die hat bis 240 Sitze, von oben kommt die A330 neo mit 257 Sitzen – da haben wir überhaupt keinen Handlungsdruck und sehen uns ganz ruhig an, womit Boeing eventuell kommt“, sagte ein Sprecher von Airbus.

Quelle:  Handelsblatt Online
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