Luxus-Bahnen in Japan: Fußbad im Schnellzug

Luxus-Bahnen in Japan: Fußbad im Schnellzug

, aktualisiert 23. Januar 2016, 08:24 Uhr
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Die Reisen sind kostspielig, die Nachfrage riesig.

von Martin KöllingQuelle:Handelsblatt Online

Von Hello Kitty bis Fußbad: Mit immer neuen Sonderzügen und viel Luxus wollen Japans Bahnen dem Niedergang ländlicher Landstriche stoppen – mit Erfolg. Selbst der teuerste Hotelzug der Welt ist ständig überbucht.

TokioDie schnellste Kunstgalerie der Welt, eines der teuersten Luxushotels auf Schienen – Japans Bahnen reagieren mit kreativen Ideen auf ein Problem, das auch die Deutsche Bahn immer stärker trifft: Demografie. Mit immer neuen Sonder- und Themenzügen versuchen die ostasiatischen Bahnen den Verkehr auf defizitären Strecken zu beleben, die in Regionen mit sinkender Einwohnerschaft liegen.

Das jüngste Beispiel ist besonders ambitioniert. Anfang des Jahres präsentierte die Bahngesellschaft JR East nahe Tokio ihren „Genbi Shinkansen“, auf Deutsch den „Superschnellzug für gegenwärtige Kunst“. Wie der Name sagt, handelt es sich dabei um eine rasante Galerie. Und so sieht der Zug auch aus.

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Außen schmückten Bilder des berühmten Feuerwerks in Nagaoka der Fotografin Mika Ninagawa den tiefblau gehaltenen Zugkörper. Innen wurde in fünf der sechs Wagen die Fenster verschlossen, um Platz für die Exponate von sieben japanischen Künstlern und dem amerikanischen Maler und Trickfilmer Brian Alfred zu machen.

Ab diesem Frühjahr wird er an Wochenenden in der 200 Kilometer nördlich von Tokio gelegenen Präfektur Niigata die gleichnamige Regionalmetropole und den Shinkansen-Stop Echigo-Yuzawa verbinden. „Wir hoffen, damit den Tourismus in der Region Niigata wiederzubeleben”, erklärte der JR-East-Manager Takahiro Kikuchi das Kalkül der Bahngesellschaft bei der Vorstellung des Zugs.

Die Initiatoren haben sich dabei eine ganz besonders kaufkräftige wie auch reiselustige Zielgruppe im Auge: Frauen von Ende 20 bis Ende 40. Auf den 105 Plätzen pro Fahrt kommen daher neben dem Augen- auch der Gaumenschmaus nicht zu kurz. So sollen lokale Spezialitäten feilgeboten werden, darunter Kaffee einer bekannten lokalen Rösterei, Top-Reis aus der berühmten Anbauregion Uonuma und Butter der Insel Sado.


„Sieben Sterne“ – eine teurer Traum für Bahnfans

Ob die Rechnung aufgeht, ist ungewiss. Aber immerhin gibt es ein sehr erfolgreiches Vorbild für diesen Sonderzugtourismus: das teuerste Luxushotel auf Schienen. Nanatsuboshi („Seven Star in Kyushu“) heißt der Zug, mit dem reiche Bahnfans aus aller Welt sich seit 2013 zwei bis vier Tage auf der südjapanischen Insel Kyushu herumfahren lassen können – wenn sie denn in der Lotterie einen Platz erhalten.

Die Reisen inzwischen April und September sind um das über Dreißigfache überbucht, wenn man aus Japan bucht, und immerhin noch um das Vierfache für Bewerber aus dem Ausland. Dabei beginnt die billigste Reise, ein zweitägiger Trip in einem zehn Quadratmeter großen Doppelzimmer, bei rund 2000 Euro – pro Person.

Eine viertägige Reise zu Sehenswürdigkeiten der Insel in der „Deluxe Suite A“ (21 Quadratmeter im Heck des Zuges mit großem Panoramafenster) kostet bei einer Zweierbelegung fast 7000 Euro pro Person. Dennoch – oder gerade deswegen – wächst das Interesse aus Übersee.

„Wir machen auch Charterreisen“, erklärt Metcalfe. Bisher buchen Gruppen reicher Asiaten den ganzen Zug. Aber dieses Jahr gibt es auch die erste US-Gruppe. Und in der Zukunft soll der für Ausländer reservierte Teil von derzeit zwei bis drei Zimmern pro Reise deutlich erhöht werden.

Dass ausgerechnet JR Kyushu mit diesem Superzug aufwartet, ist beileibe kein Zufall, sondern ein Resultat der Privatisierung. Als vierte Regionalgesellschaft der einstigen Staatsbahn plant sie erst dieses Jahr den Börsengang.

Der Grund: Wie andere Regionalgesellschaften in der Peripherie musste sie seit dem Beginn der Privatisierung 1987 gestützt werden. Nur JR East mit dem Hauptsitz in Tokio, JR Central und JR West waren dank des Verkehrs in und zwischen Japans Megastädten Tokio, Nagoya und Osaka hochprofitabel und damit früh börsenfähig.

JR Kyushu konnte sich jetzt den Börsengang nur leisten, weil sie mit Gewinnen aus seinem Immobiliengeschäft Verluste im Schienenverkehr ausgleichen konnte. Gleichzeitig versuchen die Südjapaner gezielt, durch Sonderzüge Tourismus und vor allem Gewinne in ihrem Kerngeschäft zu generieren.


Sonderzüge – ein Beispiel macht Schule

Das Luxushotel ist dabei nur ein Mittel zum Zweck, wenn auch ein zuerst waghalsiges. Mit dem Bau der rollenden Herberge erfüllte sich der Vorstandsvorsitzende der Bahngesellschaft Koji Karaike einen lange gehegten Traum. Er heuerte den Star unter Japans Zugdesignern, den Industriedesigner Eiji Mitooka, an und steckte drei Milliarden Yen (rund 22 Millionen Euro) in den Umbau von Waggons in Suiten und Restaurants.

Darüber hinaus lockt JR Kyushu mit einem eigenen Shinkansen Eisenbahnfans an. Oder auch mit dem Retrozug, der den ersten Eisenbahnen aus dem 19. Jahrhundert nachempfunden wurde. Interessenten müssen für eine zweistündige Zugfahrt auf dem „JR Kyushu Sweet Train“ inklusiver einer leichten Mahlzeit rund 150 Euro berappen.

Auch andere Eisenbahngesellschaften setzen angesichts immer knapperer Kassen derzeit massiv auf Sondereditionen. Im Unterschied zu den vielen, zum Wohle der Eisenbahnfans einmalig gestalteten Loks, stehen dieses Mal Spaß und Luxus auf dem Programm.

JR East setzt in einer Region einen Shinkansen mit einem traditionellen japanischen Fußbad ein. Die private Seibu-Linie wird seine Züge in die Bergregion Chichibu bis März mit Hello-Kitty-Ausstattung schmücken, um mehr Kunden anzuziehen. Und die private Nagaragawa Railways am Nationalberg Fuji bringt am 7. Februar einen neuen, luxuriösen und ebenfalls von Designer Mitooka entworfenen Zug auf die Gleise.

„In einer Zeit, in der die lokale Bevölkerung stetig schrumpft, sind unsere Möglichkeiten begrenzt, reguläre lokale Fahrgäste zu sichern“, rechtfertigte Toshiaki Hioki, seines Zeichens Bürgermeister der Ortschaft Gujo und Chef der Bahngesellschaft, in der Zeitung Asahi diese Investition in den „Nagara“. „Wir hoffen, dass das Projekt mehr Touristen in unser Gebiet bringen und unsere Geschäftsbasis verbessern wird.“

Dies sind nur einige Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit, wie Japan den demografischen Übergang meistern will. Das Rezept funktioniert deshalb besonders gut, da es sehr viele Eisenbahnfans gibt. Aber vielleicht würde es auch in Deutschland ziehen. Denn Senioren sind auch in Deutschland noch immer eine zahlungskräftige Kundschaft.

Quellle:  Handelsblatt Online
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