Macron gegen die Rechtspopulisten: Eine gewaltige Aufgabe für Frankreich

Macron gegen die Rechtspopulisten: Eine gewaltige Aufgabe für Frankreich

, aktualisiert 24. April 2017, 08:24 Uhr
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Emmanuel Macron hat gute Chancen, Frankreichs neuer Präsident zu werden.

von Thomas HankeQuelle:Handelsblatt Online

Emmanuel Macron setzt sich in der ersten Wahlrunde in Frankreich durch. Der Sieg gegen Le Pen in der Stichwahl ist noch unsicher. Macron muss das Land gegen Rechts vereinen – und nicht alle Gegner sind gute Verlierer.

ParisEs war, als hätten die Macron-Anhänger in der großen Messehalle an der Porte de Versailles von Paris etwas geahnt: Schon eine Viertelstunde vor der Schließung der Wahllokale und der Bekanntgabe der ersten Hochrechnung befanden sie sich in ausgelassener Feierstimmung. Tausende Europa- und Frankreichfahnen wurden geschwenkt, immer wieder wurden Sprachchöre laut – „on a gagné“ („Wir haben gewonnen“) oder „Macron président“. Dann kam um 20 Uhr die erste Hochrechnung: Sie zeigte Macron mit klarem Abstand vor der rechtsextremen Marine Le Pen auf dem ersten Platz.

Der Saal tobte. Darauf hatten sie gehofft, doch die Unsicherheit über die Umfragen war bis zuletzt so groß gewesen, dass wohl die wenigsten wirklich damit gerechnet hatten. Die Anhänger des 39-jährigen Überraschungssiegers mussten sich aber noch gut zwei Stunden gedulden, bis Macron endlich zu einer kurzen Ansprache in den Saal kam.

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Zwischenzeitlich erlebte man ein neues Beispiel der Desinformationskampagne, die diesen Wahlkampf begleitet hat. Etwa anderthalb Stunden nach Schließung der Wahllokale machten Meldungen die Runde, in Wirklichkeit liege Marine Le Pen vorne und die FN-Chefin habe bereits den Sieg für sich in Anspruch genommen. Dabei sahen alle Hochrechnungen der unterschiedlichen Institute Macron in Führung und Le Pen selber deutete in ihrer Rede mit keinem Wort an, dass sie am besten abgeschnitten habe.

Macron jedenfalls wollte absolut sichergehen, dass seine Führungsposition stabil war und wartete wohl auch deshalb so lange mit seiner Rede. Die begann er mit einem Dank an alle anderen Kandidaten. Besonders hob er François Fillon hervor, der schon kurz nach Bekanntwerden der ersten Hochrechnung dazu aufrief, jetzt gegen die „extreme Rechte, die eine Geschichte der Gewalt und des Chaos hat“, zu stimmen und Macron zu wählen. Doch nicht alle seine Anhänger, das wurde im Laufe des langen Wahlabends deutlich, wollen ihm dabei folgen. Einige Politiker der Konservativen kündigten an, sie würden Macron nicht wählen. Dennoch, in einem seltenen Zeichen von Fairness applaudierten die tausenden in der Messehalle versammelten Macron-Fans auch den übrigen Bewerbern.

Triumphgefühle oder auch nur Euphorie waren Macron nicht anzumerken. Er schaukelte die Stimmung nicht noch weiter hoch, sondern kühlte sie eher herunter. Noch hat der 39-Jährige den Sieg nicht in der Tasche, er ist aber nun der haushohe Favorit. Doch gerade in der Stunde dieses unerwarteten Sieges dürfte dem jungen Politiker klar geworden sein, wie groß die Aufgabe ist, die auf ihn wartet.

Er deutete das mit den Worten an: „Eine gewaltige Aufgabe liegt vor uns, wir müssen ein System überwinden, das seit 30 Jahren die Hoffnungen der Franzosen enttäuscht hat, in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht.“ Macron dankte seinen Anhängern und erklärte, dass er auch in Zukunft auf sie angewiesen sei, nun aber die Unterstützung aller Franzosen sammeln wolle.

Dann machte er eine überraschende Andeutung, die als Hinweis auf eine Koalition gewertet werden kann: Er wolle eine Mehrheit bilden mit allen Franzosen, die sich für die Überwindung der Krise am Arbeitsmarkt und der Hoffnungslosigkeit einsetzten.

„Dabei ist mir egal, woher sie kommen und welche politische Orientierung sie in der Vergangenheit hatten“, sagte der Sozialliberale in einer überraschenden Geste der politischen Öffnung. Bislang hat er in seinen Reden stets hervorgehoben, er setze auf eine absolute Mehrheit für die Kandidaten seiner eigenen Bewegung „En Marche!“.


Der Optimismus der Macronisten

Ganz auf Pathos verzichten wollte der Newcomer der französischen Politik aber nicht. „Wir haben den Lauf der französischen Geschichte verändert, vergesst nie diese Monate, in denen wir ein neues Kapitel aufgeschlagen haben, vergesst nie, was Ihr geleistet habt, bleibt mutig und herausfordernd“, rief er seinen jubelnden Anhängern zu. „In 15 Tagen will ich Euer Präsident werden, gegen die Gefahr, die von den Nationalisten ausgeht.“

Aus Sicherheitsgründen hatten die Veranstalter darauf verzichtet, die Messehalle bis zum Rand zu füllen. Jeder, der die Halle betreten wollte, musste drei Kontrollen über sich ergehen lassen. Nach dem jüngsten Terroranschlag in der vergangenen Woche ist die Angst vor einem Attentat auf einen der führenden Kandidaten noch größer geworden. Macron wird beschützt, als wäre er bereits der französische Präsident.

Auf dem kurzen Weg von seinem Wahlkampf-Hauptquartier zur Messehalle eskortieren ihn mehrere Polizeiwagen und eine ganze Staffel von Polizisten auf Motorrädern. In der Halle begleiteten ihn mehrere Leibwächter auf Schritt und Tritt und scheuten auch nicht davor zurück, seine Frau Brigitte unsanft an der Jacke zu zerren, wenn sie ihnen das Blickfeld auf den Kandidaten verstellte. Macron ließ es sich aber trotzdem nicht nehmen, einzelne Anhänger per Handschlag oder mit Küsschen auf die Wange zu begrüßen – ein Albtraum für die Sicherheitsleute.

So sehr die Mitglieder von „En Marche!“ auch in Hochstimmung waren, herrschte wie immer bei den Veranstaltungen des 39-Jährigen gleichzeitig eine gewisse Gelassenheit. Ausfälle gegen politische Gegner blieben aus. Ausnahme war, als Marine Le Pen bei einer Fernsehübertragung zu sehen war und die Menschen im Saal zu schreien und zu pfeifen begannen. Doch insgesamt richteten die Macron-Anhänger den Blick nach vorne, diskutierten sogar schon darüber, ob es gelingen könnte, in Frankreich eine Koalition auf die Beine zu stellen. „In Deutschland funktioniert das doch, oder?“, fragten mich zwei junge Macronisten.

Im Saal traf ich auch den erst 17-jährigen Emmanuel Toula. Vor ein paar Wochen hatte ich ihn bei einer Wahlkampf-Kundgebung von Macron in Saint-Denis, in der Banlieue von Paris kennengelernt. Der farbige Schüler hatte bei einer Demonstration gegen die Misshandlung eines Jugendlichen durch vier Polizisten, bei der es zu gewaltsamen Ausschreitungen kam, ein Kind aus einem brennenden Auto gerettet. Seitdem ist er ein Held der Banlieue. In der Messehalle fiel er mir um den Hals und strahlte: „Wir haben es geschafft!“

Ich fragte ihn, ob er sich nach all den Enttäuschungen, auch durch Hollande, sicher sei, dass die Jugendlichen in den benachteiligten Vierteln diesmal nicht erneut in Vergessenheit geraten würden. „Es ist großartig, Teil dieser Wende zu sein, aber wir behalten einen kühlen Kopf, wir bleiben mit den Füßen auf dem Boden“, antwortete er. „Ich denke allerdings, dass Macron ein gutes Projekt hat, ein republikanisches Projekt für die Erneuerung von Frankreich und dass er es verwirklichen wird.“ Bei allen Problemen, die es in der Banlieue gibt: Es ist faszinierend zu sehen, wie viele Jugendliche dennoch nicht in Verzweiflung oder Kriminalität abgleiten, sondern ihr Schicksal selber in die Hand nehmen wollen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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