Märkte nach dem Trump-Sieg: „Nicht mit dem Brexit zu vergleichen“

Märkte nach dem Trump-Sieg: „Nicht mit dem Brexit zu vergleichen“

, aktualisiert 09. November 2016, 21:31 Uhr
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Die Märkte haben auf seinen Wahlsieg überraschend ruhig reagiert.

von Jessica SchwarzerQuelle:Handelsblatt Online

Heftige Kursausschläge an der Börse sind nach dem Sieg von Trump ausgeblieben. Größere Schwankungen gab es aber beim Dollar. Das könnte ein Vorgeschmack darauf sein, was Aktionären noch blüht, sagt Anlegeexperte Galler.

Für viele Investoren kam der Wahlsieg von Donald Trump überraschend - ebenso wie die Kursgewinne, die dann an der New Yorker Wall Street folgen. Tilmann Galler, Chefanlagestratege von JP Morgan Asset Management in Europa, fühlt sich zwar an den Brexit erinnert, doch dafür, dass die Märkte dieses Mal nicht so extrem reagiert haben, hat er eine einfache Erklärung.

Herr Galler, wie viel haben Sie in der Wahlnacht geschlafen?
Nicht so viel. Nachdem die Ergebnisse aus den ersten Bundesstaaten reinkamen und nicht so gut aussahen für Hillary Clinton, bin ich mehr oder weniger wach geblieben. Ich fühlte mich an den Brexit erinnert.

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Auch damals hatten die Umfragen einen anderen Wahlausgang vorausgesagt.
Die US-Präsidentschaftswahl ist nach dem Brexit ein weiteres Ereignis, bei dem die Meinungsforschungsinstitute total danebengelegen haben. Nur die LA Times lag mit ihrer Prognose vor der Wahl richtig.

Auch die Märkte haben auf Clinton gesetzt.
Ja, nach dem hastig hinterhergeschobenen Freispruch durch das FBI am Wochenende hatte man gehofft, dass Clinton gewinnt.

Es kam anders. Doch der befürchtete Kursrückgang oder sogar Crash an den Märkten blieb aus, anders als nach dem „Ja“ der Briten zum Brexit.
Ich glaube, das hat mehrere Gründe. Der Brexit wurde als eine wirtschaftlich ziemlich unsinnige Entscheidung eingeschätzt, auf die die Märkte entsprechend reagiert haben. Auch war die Vorfreude auf einen Verbleib der Briten in der EU größer als die Vorfreude auf einen Sieg Hillary Clintons. Donald Trump und sein überraschender Sieg stoßen zwar nicht auf Gegenliebe der Märkte, aber sind nicht mit dem Brexit zu vergleichen.

Investoren mögen aber doch eigentlich keine Überraschungen und reagieren entsprechend emotional.
Viele haben in der Tat mit höheren Ausschlägen gerechnet. Es wundert mich, wie frühzeitig die Märkte differenzieren. Vielleicht hat man vom Brexit gelernt, dass es dauert bis sich politische Events wie eben auch der Wahlsieg Trumps in Gesetzen niederschlagen. Auch wird Trump nicht alle seine Maximalforderungen durchbringen, der Kongress ist ein gewisses Korrektiv, auch wenn er republikanisch dominiert ist.


Mexiko als Blitzableiter für die Märkte

Nichtsdestotrotz gibt es einige Risikofaktoren…
Natürlich gibt es diese Risikofaktoren, etwa mit Blick auf den Freihandel – Stichwort Zölle – oder Trumps Politik gegenüber Mexiko und das Thema Immigration. All das wird an den Märkten durchaus dezidiert diskutiert. Aber es gibt eben auch eine andere Seite. Für den Pharmasektor beispielsweise bedeutet der Wahlsieg Trumps eine gewisse Entspannung. Und auch die enthusiastischsten demokratischen Bankenregulierer sind erstmal ausgebremst. Die Banken bekommen ein bisschen Luft, was die fortwährende Verschärfung ihrer Regulierung betrifft. Pharma- und Bankaktien machen übrigens 40 Prozent der heutigen Gewinne im S&P 500 aus.

Werden die zuletzt recht schwankungsfreudigen Märkte sich also beruhigen, nachdem uns der Trump-Crash erspart geblieben ist?
Ich bin nicht sicher, ob das Ganze schon überstanden ist. Vielleicht sind die Emerging Markets das schwache Glied in der Kette, vergleichbar mit dem Pfund nach dem Brexit. Die Emerging Markets und dort vor allem Mexiko könnte der Blitzableiter für die Märkte sein. Man muss das in Relation sehen. Allein Pharma und Biotechnologie haben eine Marktkapitalisierung von drei Billionen Dollar, Mexiko kommt nur auf 400 Milliarden Dollar.

Sie erwarten also keine großen Schwankungen mehr?
Die Volatilität wird sicher höher bleiben. Wir haben an den Währungsmärkten bereits einen Vorgeschmack bekommen. Der Dollar war er sehr schwach, hat drei Cent zum Euro verloren. Kurze Zeit später lag er vier Cent im Plus. Die Märkte werden sich langsam aber sicher darüber Gedanken machen, was es auf für den Anleihemarkt bedeutet, wenn Trumps Fiskalpaket kommt. Clinton hatte Investitionen in Höhe von 250 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt. Bei Trump könnten es bis zu einer Billion Dollar sein, wenn man Steuersenkungen und Investitionen addiert. Das muss finanziert werden. Die US-Wirtschaft zeigt Anzeichen eines Spätzyklus, aber wird noch mal stimuliert – durch Schulden. Es spricht deshalb einiges dafür, dass der Bondmarkt 2017 etwas unter Druck gerät.

Herr Galler, danke für das Gespräch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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