Kommunikation Info-Stress: Ich schalt’ dann mal ab

Handy, Blackberry, Laptop — der moderne Manager kommuniziert simultan und überall. Doch die Technik hat enorme Folgen für den Alltag: Zeitdruck und Stress nehmen zu, manche werden regelrecht abhängig. Wie wir den Wettlauf gegen die Zeit gewinnen.

Dem Infostress bewusst entfliehen Bild vergrößern Dem Infostress bewusst entfliehen

Mal ehrlich: Legen Sie Ihren Blackberry abends neben das Bett? Gelingt es Ihnen nicht, eine SMS oder E-Mail zu ignorieren? Haben Sie schon mal den Vibrationsalarm Ihres Handys gespürt, obwohl Sie niemand anrief? Falls Sie zwei der drei Fragen mit Ja beantworten: Willkommen im Club! Wahrscheinlich sind Sie von Ihren technischen Helfern längst abhängiger, als Sie glauben. Zumindest sind Sie auf dem besten Weg, ein Kommunikationsjunkie zu werden.

Für viele Manager und Mitarbeiter ist es heute selbstverständlich, dass sie auch abends und am Wochenende erreichbar sind. Sie sind es gewöhnt, E-Mails rund um die Uhr abzurufen, natürlich auch von zu Hause, über das Web oder per Blackberry. Projekte koordinieren, Termine vereinbaren, Fragen beantworten, Entscheidungen treffen – das alles kann heute simultan geschehen, per Mobilfunk, Internet und direkter Kommunikation, und es geschieht immer schneller. Wer das Tempo nicht mithält, muss befürchten, dass die Infoflut morgen nicht abebben wird und er deshalb schon bald hinterherhechelt.

Wo, bitte, bleibt die Zeit? Wer Kommunikationstechnik nutzt, verändert sich ganz automatisch: Er passt seinen Lebensrhythmus den Geräten an und spürt kaum noch, dass er längst unkreativer, ineffizienter und langsamer arbeitet. Wer nicht aufpasst, beschwört seinen persönlichen Systemabsturz herauf — oder hat ihn bereits erlebt. Das elektronische Hamsterrad anzuhalten, sich dem Technik-Terror bewusst entgegenzustellen — das braucht Selbstdisziplin, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Rückgrat gegenüber dem Arbeitgeber.

„Unser Wirtschaftssystem lebt davon, dass wir Zeit gewinnen“, sagt der Zeitforscher Karlheinz Geißler von der Universität der Bundeswehr in München. „Zeit ist Geld. Und nur über Zeitgewinn kann Wachstum generiert werden.“ Mittlerweile aber seien die meisten » Wirtschaftsprozesse bereits hochgradig optimiert. Viel schneller könne es kaum noch werden. Also können wir die Zeit „nur noch verdichten“, sagt Geißler. Das Ergebnis sei die moderne Vergleichzeitigung: „Tendenziell werden wir zu einer Gesellschaft, die rund um die Uhr aktiv ist.“

Nun ist „immer schneller“ nicht automatisch auch besser. Allein in den USA verplempern Angestellte 28 Milliarden Arbeitsstunden, weil sie sich ständig ablenken lassen. 588 Milliarden US-Dollar koste das pro Jahr, sagen Experten der Beratung Basex, die „Information Overload“ zum „Problem des Jahres 2008“ ausrief. Eine US-Firma zahlte jüngst 500 000 US-Dollar Strafe, weil ein Mitarbeiter beim Telefonieren einen Unfall verursachte. Mit den Auswirkungen beschäftigt sich gar ein Forschungszweig namens „Interruption Science“, Unterbrechungswissenschaft.

Die Folgen der informationellen Überlast können für den Einzelnen dramatisch sein. Stress, Konzentrationsmangel, Unruhe und Gereiztheit sind häufige Symptome.

Das hat auch Miriam Meckel erlebt. An einem Sommertag wollte die Professorin an der Universität St. Gallen eine Halogenlampe in einem Kölner Lampenladen kaufen. Bevor sie das Geschäft betrat, kam alles auf einmal: der Anruf eines Kollegen mit der Bitte, ein Skript durchzusprechen; die SMS einer Freundin mit der Frage, wo sie denn zum verabredeten Kaffee bleibe; die Mail per Blackberry mit der Erinnerung an eine Telefonkonferenz, an der sie dann auch gewissenhaft, aber widerwillig teilnahm. In der Mittagshitze bei 30 Grad Celsius und dem Einkaufstrubel in der Innenstadt verstand sie kaum ein Wort. Meckel legte auf, ging in den Lampenladen. Als die Verkäuferin ihr sagte, dass sie die Lampe gar nicht führten, platzte Meckel der Kragen: „Schlampe!“

Seite 1 | 2 | 3weiterlesen



6 Kommentare zu “Info-Stress: Ich schalt’ dann mal ab”

von Atze am 06.04.2008 04:34 Uhr

von Deborah Klein am 29.03.2008 14:43 Uhr

Diesen Artikel kommentieren

Bitte geben Sie den Code aus dem Bild in das nebenstehende Feld ein.

captcha
NEWS powered by Handelsblatt.com
alle News
Deutschlands beliebteste Arbeitgeber
Beliebteste Arbeitgeber

Trotz Krise stammen drei der beliebtesten Arbeitgeber aus der Autobranche. Wer sonst bei den Absolventen die Nase vorn hat, lesen Sie im exklusiven Ranking der 100 beliebtesten Arbeitgeber in Deutschland 2009. 

Themen-Dossiers

Jens Wüstemann

MBA: MBA

Der neue Präsident der Mannheim Business School (MBS), Jens Wüstemann, über die Leistungen seines Vorgängers, Kritik und veränderungen am MBA und die wichtigsten Herausforderungen der Zukunft. mehr


weitere Dossiers:
Deutschlands beste Manager
CEO-Ranking

Kienbaum und die WirtschaftsWoche haben die Leistung der 30 Dax-Chefs untersucht. Alle Ergebnisse des großen CEO-Check finden sie hier.

In Kooperation mit:

HRS Hotelreservierung

 
Hotels von HRS in Kooperation mit wiwo.de


Blogkommentare zu diesem Artikel


wiwo.de für unterwegs
Handy-Typologie Teaser

Hintergründe, Kommentare, Börsendaten: Verpassen Sie auch unterwegs nichts. Geben Sie einfach www.wiwo.de in den Browser Ihres mobilen Gerätes ein. Mehr Information zu wiwo.de MOBIL

Stellengesuche / Stellenangebote

Jobturbo



Service-Tools
alle Tools anzeigen
Berufsneigungstest
Gehaltsrechner
Jobturbo
Arbeitszeugnischeck
Merkfähigkeitstest
Praktika
GehaltsCheck
Seminarsuche
Konferenzen
Executive Karriere
Arztsuche
Diplomarbeiten
Pflegeheimsuche
  • Praktikumsbörse

    Arbeitsmarkt Praktikumsbörse

    Sie sind auf der Suche nach einem Praktikumsplatz oder möchten selbst Praktikanten einstellen? Inserieren Sie kostenlos. weiter

  • Gehaltsrechner

    Rechner Gehalt

    Wieviel Netto bleibt vom Brutto? Errechnen Sie Ihr Gehalt anhand Ihrer persönlichen Angaben.

    weiter

  • semigator-button-70px-gif_416294.gif

    SemiGator Seminarsuche

    Das lästige Suchen hat endlich ein Ende. Ab sofort finden Sie Ihr Weiterbildungangebot bei SemiGator.

    Aktuelle Angebote

  • Diplomarbeiten

    Diplomica Diplomarbeiten

    Treffen Sie Ihre Auswahl unter zahlreichen Fachgebieten und bestellen Sie gleich online.

    weiter