Psychologe Schweer Skandale haben meist keine langfristigen Konsequenzen

Der Nokia-Boykott ist lange vergessen und auch Toyota wird sich vom Gaspedal-Skandal erholen. Der Psychologe Martin Schweer erklärt, warum Skandale meist keine langfristigen Konsequenzen für Unternehmen haben.

Der Psycholge Martin Schweer, 45, forscht seit rund 20 Jahren zum Thema Vertrauen Bild vergrößern Der Psycholge Martin Schweer, 45, forscht seit rund 20 Jahren zum Thema Vertrauen

WirtschaftsWoche: Professor Schweer, halten Sie die Deutschen für naiv?

Martin Schweer: Warum sollte ich?

Weil laut TNS Emnid 77 Prozent der Deutschen ihren Vorgesetzten vertrauen und 80 Prozent an die Zukunftsfähigkeit ihres Arbeitgebers glauben – mit steigender Tendenz. Überrascht?

Nein. Erinnern Sie sich an Nokia: Unmittelbar nachdem 2008 bekannt wurde, dass das Werk in Bochum geschlossen werden sollte, wollten viele Verbraucher spontan nie wieder ein Produkt dieser Marke kaufen. Heute spricht davon kein Mensch mehr.

Warum eigentlich nicht?

Die entscheidenden Kriterien fürs Kaufverhalten sind Preis und wahrgenommene Qualität. Wenn das gewährleistet ist, interessiert es mich nicht in erster Linie, ob ein Unternehmen seine Mitarbeiter schlecht behandelt. Wenn ich keinen persönlichen Schaden durch das Benutzen bestimmter Produkte habe, hat ein Skandal keine langfristigen Folgen für ein Unternehmen. Dafür sorgt – leider – schon unser Kurzzeitgedächtnis.

Die Pleite von Lehman Brothers liegt gerade mal 15 Monate zurück, auch in Deutschland sind noch einige Finanzinstitute angeschlagen. Und doch steigt das Vertrauen in die Banken wieder.

Natürlich war der Ausbruch der Bankenkrise für viele ein Schock. Aber so dramatisch das damals klang – für die wenigsten Privatkunden hat die Krise bis heute einschneidende Konsequenzen.

Zur Person

Schweer, 45, forscht seit rund 20 Jahren zum Thema Vertrauen. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Psychologie an der Universität Vechta und leitet seit 1991 das dortige Zentrum für Vertrauensforschung. Aktuell arbeitet Schweer an der Entwicklung eines Vertrauens-Managementsystems für Unternehmen (vermiko.com).

Sagen Sie das mal denen, die im Zuge der Krise ihren Arbeitsplatz oder ihr mühsam Erspartes verloren haben...

Das ist eine vergleichsweise kleine Gruppe. Für die große Mehrheit der Deutschen ist die Finanzkrise noch immer ein weitgehend virtuelles Phänomen.

Aber ob Datenschutzaffäre bei der Deutschen Bahn, falsche Anlageberatung oder hohe Manager-Boni: Es vergeht doch kaum ein Tag ohne neue Skandale.

Schon. Aber oft fehlen schlicht Alternativen. Verzichte ich auf die Bahn, muss ich das Auto nehmen – einen Toyota, bei dem die Bremsen nicht funktionieren? Auch ohne Bankkonto geht es nicht. Oder nehmen Sie die Lebensmittelbranche: Bei der einen Supermarktkette werden Mitarbeiter bespitzelt, bei der Konkurrenz gibt’s Schweinereien bei der Müllentsorgung, bei der nächsten Preisabsprachen. Irgendwas findet sich immer.

Welche Reaktion empfehlen Sie?

Ich bin gezwungen, wider besseres Wissen, ein Stück weit Vertrauen vorzuschießen. Ich habe keine andere Wahl. Und das kalkulieren Unternehmen auch ein. Es ist psychologisch, dass ich nach einer gewissen Zeit wieder Vertrauen schenke.

Wäre Misstrauen nicht angebrachter?

Es ist nie gut, sich blind auf eine Person oder Institution zu verlassen. Gesundes Misstrauen ist konstruktiv, funktioniert aber nur, wenn eine grundsätzliche Vertrauensbasis vorhanden ist. Dann ist es sogar nützlich, ein Stück Misstrauen in der Unternehmenskultur zu etablieren. Wenn auch viel anstrengender.

Warum?

Was bedeutet konstruktives Misstrauen? Hohe Eigenverantwortlichkeit und kognitive Kompetenz – also Wachsamkeit und die Fähigkeit zur Differenzierung. Das wirft viele Fragen auf: Beschränke ich mich darauf, Situationen anhand von zwei, drei einfachen Kriterien zu beurteilen? Oder lasse ich 20, 30 Parameter zu? Letzteres ist doch viel aufwendiger, als Situationen als gegeben hinzunehmen und sich auf Informationen zu verlassen.

Eine Frage der Bequemlichkeit...

Nicht nur. Selbst wenn wir genügend Anhaltspunkte hätten, Vertrauen zu entziehen – wir können gar nicht anders, als zu vertrauen. Vertrauen, das hat schon der Soziologe Niklas Luhmann erkannt, ist ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Ohne diesen Schutzmechanismus können wir nicht überleben.

Mit zu viel Vertrauen vielleicht auch nicht.

Ohne aber noch weniger. Vertrauen ist ein elementares Scharnier zwischen Wertorientierung und Wertschöpfung, eine wichtige Basis jeglicher Art des Wirtschaftens. Wer vertraut, ist bereit, mehr zu leisten, arbeitet vielfach effektiver und effizienter. Um Innovationen auf den Markt zu bringen, müssen Unternehmen mit anderen kooperieren. Das geht nur über Vertrauen. Ohne Vertrauen leidet unsere Wettbewerbsfähigkeit. Nur wer vertraut, kann Risiken auf sich nehmen – also unternehmerisch handeln. Vertrauen mildert Unsicherheit.

Das können Regeln auch.

Falsch. Regeln können einen wichtigen Orientierungsrahmen bieten. Aber die positive Kraft des Vertrauens ersetzen – das können sie nicht. »


1 Kommentar zu “Skandale haben meist keine langfristigen Konsequenzen”

von SR am 26.02.2010 20:18 Uhr

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