Mario Draghi: Der Unverstandene

Mario Draghi: Der Unverstandene

, aktualisiert 03. September 2017, 11:21 Uhr
von Jan MallienQuelle:Handelsblatt Online

Mario Draghi wird 70 Jahre alt. Für viele Europäer gilt der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) als Retter der Euro-Zone. In Deutschland dagegen ist seine Politik extrem umstritten. Das hat verschiedene Gründe.

Frankfurt/MainEr wohnt in Frankfurt und ist hier doch nicht zu Hause: Mario Draghi und die Deutschen führen keine Liebesbeziehung. Während er in weiten Teilen Europas hoch geschätzt wird, hat der Präsident der Europäischen Zentralbank in Deutschland ein Image-Problem. Das schwierige Verhältnis zwischen Draghi und den Deutschen hängt mit weit verbreiteten Missverständnissen zusammen, aber auch mit der Persönlichkeit Draghis und seinen Stärken und Schwächen.

Wer verstehen will, wie schwer sich Draghi und die Deutschen tun, muss die Geschichte mit der Pickelhaube kennen. Als Draghi vor sechs Jahren den Franzosen Jean-Claude Trichet als EZB-Chef ablöst, kocht der deutsche Boulevard. "Ausgerechnet ein Italiener," schreibt die "Bild"-Zeitung - und fasst so in Worte, was viele denken. Um Draghi an preußische Sparsamkeit zu erinnern, schenkt ihm die Zeitung eine "original-preußische Pickelhaube von 1871". Dabei ist diese in vielen Ländern Europas vor allem ein Symbol dafür, wie deutscher Militarismus Tränen und Angst über den Kontinent brachte.

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Der Notenbankchef nimmt das Geschenk an - dabei führt er die Zentralbank aller Euro-Staaten und kein Regiment der preußischen Armee. Die Quittung lässt nicht lange auf sich warten. Als Draghi später mit dem massiven Kauf von Staatsanleihen liebäugelt, um ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone zu verhindern, fordert die "Bild" von Draghi: "Kein deutsches Geld mehr für Pleitestaaten" - sonst wolle man "die Pickelhaube zurück".

Die Vorwürfe gegen Draghi sind vielschichtig und beruhen oft auf Missverständnissen. Zu Beginn seiner Amtszeit heißt es, Draghi würde eine große Inflation auslösen. „Mamma mia, bei den Italienern gehört Inflation zum Leben wie Tomatensoße zur Pasta!“, schreibt zum Beispiel die Bild-Zeitung.

Tatsächlich war die Inflation in Deutschland selbst zu Bundesbank Zeiten nie länger so niedrig wie in der Amtszeit von Mario Draghi. Die meisten internationalen Ökonomen würden sich sogar wünschen, dass die Preise im Euroraum stärker steigen würden.


Draghis Stärken und Schwächen

Ein weiterer Vorwurf lautet: Draghi enteignet mit seiner Niedrigzinspolitik die deutschen Sparer. Auch diese Unterstellung ist mehr als fragwürdig. Die Bundesbank, die Draghis Geldpolitik oft kritisiert hat, weist darauf hin, dass es in Deutschland schon oft Zeiten mit real, also nach Abzug der Inflation, negativen Zinsen gegeben hat. Draghi unterscheidet sich in dem Punkt kaum von anderen Notenbankern - auch nicht von den Bundesbankern der D-Mark-Zeit. Denn für den Sparer zählt, was er sich am Ende kaufen kann.

Was außerdem oft ignoriert wird: In Draghis Amtszeit fiel eine historische Krise. Die Euro-Zone hatte so dramatische Geburtsfehler, dass sie in der Krise extrem verwundbar war. In dieser Phase gab es keine einfachen Entscheidungen. Hätte ein Nicht-Italiener anders gehandelt? Draghis Vorgänger Jean-Claude Trichet beispielsweise hat dies ausdrücklich verneint. „Ich hätte alles genauso gemacht wie Mario“, sagte er im vergangenen Jahr.

Die Beispiele zeigen, dass viele Vorwürfe gegen Draghi ins Leere laufen. Manche Verständnisprobleme hängen jedoch auch mit dem EZB-Präsidenten und seiner Persönlichkeit zusammen.

Anders als Trichet meidet Draghi die breite Öffentlichkeit, wo er kann. Er konzentriert sich vor allem darauf, die Märkte zu erreichen. Darin allerdings ist er ein Meister. Als die Euro-Zone 2012 auf dem Höhepunkt der
Krise vor dem Kollaps steht, gelingt es Draghi mit drei Worten, die Situation zu beruhigen. Die EZB werde alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten - "Whatever It Takes". Was er meint: Wer Portugal oder Italien sein Geld anvertraut, braucht dessen Verlust nicht zu fürchten. Denn notfalls kann die EZB die Anleihen über ein später OMT getauftes Programm unbegrenzt ankaufen.
Hedgefonds-Manager, Anleihehändler und Devisenspekulanten scheinen Draghis Worte sofort zu verstehen, doch auf der Straße können ihm nur wenige folgen. Dieses Unverständnis kommt nicht von ungefähr: Ein Blick in seinen Terminkalender zeigt, dass sich Draghi vor allem mit Vertretern der Finanzindustrie trifft. Wer immer Leute mit demselben Hintergrund begegnet, sieht die Welt schnell aus ihrem Blickwinkel und redet auch so.


Runder Geburtstag fällt in kritische Phase

Zudem wird Draghi nachgesagt, dass es ihm nicht so wichtig sei, alle 24 anderen Ratskollegen bei seinen Entscheidungen mitzunehmen. Obwohl Trichet als sehr viel autoritärer galt, ließ er jedes Ratsmitglied bei den Sitzungen zu Wort kommen. Diese nutzten das bisweilen für sehr lange und ausschweifende Wortbeiträge. Selbst in Krisensituationen, wo es um schnelle Entscheidungen ging, schaltete er die Kollegen über Telefonkonferenzen dazu. Draghi dagegen ist kein Freund langer Reden. Er hält sich kurz und präzise und erwartet das auch von anderen. Außerdem diskutiert er lieber in kleinem Kreis mit engen Vertrauten. Momentan hat er besonders viel zu diskutieren, denn sein 70. Geburtstag fällt in eine kritische Phase seiner Karriere. Die Entscheidungen der nächsten Wochen können auch darüber bestimmen, ob er immer noch als Euroretter gelten wird, wenn 2019 seine Amtszeit endet - oder ob sein großes geldpolitische Experiment im Chaos endet.

Seit Jahren kämpft die EZB mit historischen Niedrigzinsen und billionenschweren Anleihekäufen gegen die Gefahr einer Deflation, also einer Spirale aus sinkenden Preisen und wirtschaftlichem Niedergang. Dabei hat sie die Märkte massiv befeuert. Nun jedoch könnte sie die Anleihekäufe von monatlich 60 Milliarden Euro bald zurückfahren – mit noch unabsehbaren Folgen für die Finanzmärkte und die Wirtschaft der Eurozone.

Zu dem Kreis, mit dem Draghi in seinem Büro im 40. Stock oder anderswo in der Notenbank diskutiert, gehören etwa seine Direktoriumskollegen Benoît Cœuré und Peter Praet, aber auch der Belgier Frank Smets und der Italiener Massimo Rostagno aus der Volkswirtschaftlichen Abteilung. In Draghis Büro hängt auch die Pickelhaube, die ihm die "Bild" geschenkt hat.

Die schillernde Spitze hat das Heer im Ersten Weltkrieg übrigens schnell wieder abgeschafft: Wer sie im Schützengraben trug, war für den Feind ein leichtes Ziel.

Quelle:  Handelsblatt Online
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