Maserati Levante im Handelsblatt-Test: Das Italo-SUV kommt spät, aber selbstbewusst

Maserati Levante im Handelsblatt-Test: Das Italo-SUV kommt spät, aber selbstbewusst

, aktualisiert 18. Mai 2017, 06:52 Uhr
Bild vergrößern

Das erste SUV der italienischen Traditionsmarke Maserati fällt nicht nur durch gewaltige Abmessungen auf. Das fast obszön weit aufgerissene Kühlergrill-„Maul“ bildet einen spannenden Kontrast zu den extrem schmalen LED-Scheinwerfer-„Augen“. Ein echter Hingucker.

von Frank G. Heide und Florian HückelheimQuelle:Handelsblatt Online

Dieser Italiener fordert Porsche Cayenne, Jaguar F-Pace, BMW X4 und Audi Q5 heraus. Und das tut er auf typisch italienische Art: Mit Grandezza im Auftritt, Fortissimo-Klang am Auspuff, und einigen lästigen Flausen.

Düsseldorf„Auch du, Brutus!", denkt man, wenn man dem gewaltigen Levante ins weit aufgerissene Kühlergrill-Maul schaut. Jetzt also sogar Maserati. Nach 100 Jahren mit atemberaubenden Coupés und betörenden Limousinen. Als wäre das Angebot an potenten SUV nicht groß genug, baut nun ebenfalls die Alfa-Romeo-Tochter einen City-Geländewagen. Verrat an der eigenen Sache, oder spätes Lernverhalten im Fiat-Chrylser-Konzern?

Tatsache ist, wie bei Bentayga, X6, und GLE Coupé, dass man den Levante nur schwer übersehen wird, denn er ist einfach ein gewaltiger Klotz. Fünf Meter Außenlänge, fast 1,70 Meter Höhe und mehr als zwei Meter Breite hat die Karosse, die im Fall unseres Diesel-Testwagens weit über zwei Tonnen auf die Waage bringt. Das ist vor allem im engen Stadtverkehr keine leichte mediterrane Küche, das ist schon richtig schwere Kost, die über den Tellerrand hinausragt. Auch was die Übersicht betrifft. Und den Innenraum.

Anzeige

Innen sehen wir vor allem Rot. Ein üppiges Lippenstift-Rot, das auch zu sexy Stöckelschuhen prima passen würde. Sie bannt die Blicke, diese Lederausstattung, umrahmt von tiefschwarzem Dachhimmel, üppigen Carbon-Intarsien und zahlreichen gestickten Dreizack-Logos.

Schon Wahnsinn dieser erste Eindruck, das bestätigen vielen „Wows“ der Betrachter, die sich kaum sattsehen können. Doch nicht jedem gefällt der aufdringliche Stil: „Ein bisschen wie ein Bordell auf Rädern, oder?“ sagt der - vermutlich neidische - Nachbar. Aber erste Eindrücke können ja auch täuschen, widersprechen wir zaghaft.

Dass es nur zwei Motoren für den Cayenne-Herausforderer gibt werden selbst leistungshungrige Maserati-Fans verschmerzen können, denn beide Triebwerke sind potent: 275 PS leistet der Diesel, der vor allem mit 600 Newtonmeter Drehmoment schon bei niedrigen Drehzahlen beeindruckt. Sogar 430 Pferdestärken bringt der Levante S auf den Asphalt, das Spitzenmodell mit 88.000 Euro Basispreis.

Und sogar der V6-Diesel klingt so, wie wir das vom Maserati Ghibli schon kennen: Selbstzünder und potentes Abgasgebrabbel, dass muss sich dank Klappenauspuff und zeitgemäßen Sound-Engineerings nicht mehr gegenseitig ausschließen. So fordert auch unser Testwagen akustisch genau die Aufmerksamkeit vom Straßenrand ein, die man erwartet, wenn man zu einem exotischen Italo-SUV greift.

Positiv überrascht haben uns innen die unzähligen kleinen und großen Ablagefläche und Staufächer sowie die wirklich intelligenten Zubehörteile im Kofferraum. Das hatten wir von Maserati gar nicht erwartet. Man unterstellt einer klassischen Sportwagenschmiede doch keine Detailversessenheit à la Skoda.


Man(n) gönnt sich ja sonst auch alles

An Komfort mangelt es nicht, obwohl das Raumgefühl besser sein könnte. Für ein SUV der Luxusklasse, das Q7 und Cayenne angreift, ist die Möblierung im Levante etwas zu üppig ausgefallen, man fühlt sich unter anderem von der gewaltigen Mittelkonsole als Fahrer so eingebaut, wie in einem kleinen Wohnzimmer von einer mächtigen Eiche-Schrankwand. Nur schicker. Und knallrot eben.

Eine erste Enttäuschung allerdings ist das Getucker und Gerassel, das man vom kalten Triebwerk hört – ich kann kaum abwarten, bis er endlich warmgelaufen ist und das besser wird. Doch Maserati beherrscht auch das andere Extrem: Die sehr gute Geräuschdämmung innen passt zu den hohen Reisegeschwindigkeiten des Levante. Allerdings sang die fette Winterbereifung im Hintergrund immer mit.

Weil man sich ein Auto mit dem berühmten Dreizack im Logo wohl meist vorrangig aus emotionalen Gründen zulegen wird, probieren wir den Sportmodus: Der wird zweifach aktiviert, erst der Motor, dann das Fahrwerk. Das zeigt Wirkung, das ganze Auto strafft sich, lehnt sich in flotten Kurven gerne auf die superbreiten Reifen und reckt sich dem Gasfuß förmlich sensibel entgegen, wo vorher eine gewisse Trägheit regierte.

Selbstverständlich ist neben einer Geländeautomatik auch ein Allradantrieb an Bord, der dank Torque Vectoring die Kraft intelligent für alle Räder managed und sie in Millisekunden so verteilt, dass immer ordentlich Grip spürbar ist. Gut gefallen hat uns auch, dass der über 88.000 Euro teure Testwagen aber grundsätzlich mit Heckantrieb unterwegs ist, und dieser drehmomentstarke Schub von hinten fühlt sich schon richtig gut an.

Geht es flott in Asphaltbiegungen, so merkt man: Einen besonders guten Seitenhalt haben die Sitze nicht. Man rutscht in durcheilten Kurven von links nach rechts und wünscht sich, tiefer im Leder zu sitzen, statt oben drauf. Letzteres ist übrigens sowas von grell kirschrot, falls wir es noch nicht erwähnt hatten.

Sprachsteuerung, Navigation, Smartphone-Anbindung und Herumspielen mit der klanggewaltigen Stereoanlage: Alles klappt auf Anhieb, nichts stört, das hatten wir gar nicht erwartet. Macht uns der so gar nicht kapriziös auftretende Levante zum Opfer unserer eigenen Vorurteile?

Nicht ganz, es gibt ja noch die Preisliste: Größer als 88.000 ist die Zahl, die da am Ende steht, zusätzlich zum Basispreis von rund 70.000 Euro haben die Italiener für 18.000 Euro tiefschwarz-glänzendes Carbon verbaut. Und Leder von einem Rot, wie Sie es noch nicht gesehen haben.

Für den Preis darf eine feine Uhr im Big Boy Toy nicht fehlen, man(n) gönnt sich ja sonst auch alles. Der Zeitmesser thront mitten im Armaturenbrett und macht einen tollen Eindruck.

Dass aber ebenso Nützliches wie Sicheres und in dieser Fahrzeugklasse gleichermaßen Erwartbares wie Rückfahrkamera und Toter-Winkel-Assistent auch noch gegen weiteres Aufgeld erworben werden muss, das könnte bei der verwöhnten Klientel für eine hochgezogene Augenbraue sorgen.

Das Lenkrad war für unseren Geschmack ist ein bisschen groß geraten, wie so vieles an diesem Auto. Aber halb so wild: Auch die nicht mitlenkenden Schaltpaddles sind riesig, man ertastet das edle Leichtmetall problemlos auch bei vollem Lenkeinschlag. Es hindert allerdings teilweise am Erreichen des Blinkerhebels.

Auch der Umwelt hat Maserati ein paar Gedanken geschenkt, so schaltet sich das Triebwerk bei kurzen Stopps automatisch an und aus, und man sieht auf einer kleinen aber scharfen Grafik, wieviel Kraft die Elektronik gerade auf die Vorder- und die Hinterachse verteilt.

Überhaupt gibt es in dem Mäusekino zwischen Tacho und Drehzahlmesser viele mehr oder weniger nützliche Informationen abzurufen. So informiert es zuverlässig darüber, was man gerade an Funktionen und Assistenten ein oder ausgeschaltet hat über die Kunststoffknöpfe am Lenkrad, die nicht die feine Haptik haben, wie man sie etwa von Audi kennt.


Haute Couture ist kein Sportdress

In den von uns besuchten Städten mangelt es dem SUV, das nach Auslauf begehrt, quasi ständig an Raum. Schon aufgrund der eigenen Abmessungen in Kombination mit geringer Übersicht. Vor allen nach hinten raus scheint der Wagen nur aus C-Säulen und Kopfstützen zu bestehen, da freut man sich in den entscheidenden Momenten natürlich über das scharfe Bild der Rückfahrkamera, die allerdings keine unterschiedlichen Perspektiven beherrscht, was eigentlich zeitgemäß wäre in dieser Preisklasse.

Also rauf auf die Autobahn, die linke Spur sollte ja das natürliche Habitat eines Maserati sein. Sportmodus für Motor und Fahrwerk aktiviert, und dann „Kasalla“, wie der Italiener sagt. Levante bezeichnet übrigens einen warmen Mittelmeerwind, der auch mal zügiger wehen kann. Mit offenen Auspuffklappen klingt der Italiener aber nach einem veritablen Sturm. Während der V6 mit drei Litern Hubraum vorne tief durch den obszön großen Kühlergrill Luft holt, pusten die vier Rohre am Heck die frohe Botschaft in die Welt: Hier schöpft man Leistung aus den Vollen!

Das hat auch unser Nebenmann in seinem schwarzen Audi A6 Avant bemerkt. „Dienstwagen und schon ein wenig gealtert, pah!“, denken wir. Wie schön, wenn man eine rückspiegelfüllende Front hat, die unmissverständlich „Platz da!“ ruft. Gaspedal durchgetreten und 600 Newtonmeter wuchten den Diesel voran. Doch der Audi bleibt einfach links, tritt die Flucht nach vorn an. Jetzt wird es eng.

Drehmomentwoge hin oder her, die Luxuspfunde und der Hüftspeck lasten schwer auf den 2400 Euro teuren 20-Zöllern. Während wir im Alltag den Eindruck souveräner Kraft genossen, folgt der Levante nun nur mühsam dem Antritt des Ingolstädters. Erst bei Tempo 200 kommen wir näher, ehe der Audi demonstrativ Platz macht.

Bei Tempo 230 ist für den Italiener dann Schluss, die linke Spur immer noch frei und wieder zeigt sich der Audi uneinholbar. Während wir rot sehen und rätseln, mit welchem Triebwerk der Audi wohl den Maserati stehen ließ, trösten wir uns mit einer Weisheit, die von Karl Lagerfeld stammen könnte: Haute Couture ist zwar ein Hingucker, schnell laufen lässt sich darin aber nicht.

Wenn wir nicht im Temporausch waren, fielen uns im Alltag kleine Fragwürdigkeiten in der Bedienung des Levante auf. Die geteilten Rücklehnen der Rückbank etwa fallen auf Hebelzug (seitlich am Sitz) nach vorn, vom Kofferraum aus lassen sie sich aber nicht umlegen. Auch ganz eben wird die (von 580) auf 1600 Liter erweiterte Ladefläche so nicht. Der Sitz hinter dem Fahrer gibt sogar im Test auf, einmal nach unten geklappt, lässt er sich für Geld und gute Worte nicht mehr aufrichten.

Und dann war da noch die individuelle Sitzeinstellung, die sich nur abspeichern und abrufen ließ, wenn der Wagen auf P geparkt war. Der Rest der Autowelt erledigt das während der Fahrt nebenbei. Ebenso wie das Zurücksetzen der Verbrauchsanzeige, für die man die Fahrt mit dem Levante ebenfalls unterbrechen muss, wenn man vor dem Start nicht daran gedacht hat.

Am Ende bleibt der Eindruck der soft anzufassenden, perfekt vernähten Lederausstattung - in herrlichem Knallrot! - und des messerscharfen Tagfahrlichts am stärksten in Erinnerung. Der V6? Nun ja, er ist trotz 275 PS eben kein V8, und so fragt man sich immer ein bisschen: Das ist doch ein Maserati, fehlt da nicht was? Selbst wenn, wird es wohl eines nicht verhindern: Er dürfte der bestverkaufte Maserati werden. Erst sehr spät ins Segment zu starten ist für die Italiener dank des Exotenstatus und der auffälligen Optik gar kein Nachteil.

„Und Gelände?“, fragen Sie. Sind wir nicht gefahren, wie die Mehrheit der SUV-Fahrer, und ganz unabhängig vom Allradantrieb. Uns lag für den auffälligen Levante die Düsseldorfer „Kö“ einfach näher. Größe und Optik zählen da noch was. Für den Schlamm ist er zu schön.

Technische Daten

Maserati Levante Q4

Motor:Sechszylinder-Diesel in V-Form mit Turbo
Hubraum:2.987 ccm
Max. Leistung:202 kW / 275 PS
Max. Drehmoment:600 Nm bei 2.000 - 2.600 U/min
Antrieb:Variabler Allradantrieb
Getriebe:8-Gang-Automatik

Maße und Gewichte

Länge:5.003 mm
Breite:1.968 / 2.158 mm
Höhe:1.679 mm
Radstand:3.004 mm
Spurweite:1.624 / 1.676 mm
Leergewicht:2.205 kg
Tankinhalt:80 Liter
Reifen (v/h):255/60 ZR18
Kofferraumvolumen (ohne/mit umgeklappter Rückbank):580 / 1.600 Liter
Preise: Serie / Testwagen77.500 / 88.800 €

Fahrdaten

Höchstgeschwindigkeit:230 km/h
Beschleunigung 0 - 100 km/h:6,9 Sek.
Normverbrauch:7,2 Liter / 100 km
CO2-Emission:189 g/km
Kraftstoff:Diesel
Abgasnorm / Effizienzklasse:Euro 6 / F
Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%