Maurice Greenberg: Ein Patriarch kämpft um sein Vermächtnis

Maurice Greenberg: Ein Patriarch kämpft um sein Vermächtnis

, aktualisiert 14. Februar 2017, 04:33 Uhr
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Immer noch streitbar: Maurice Greenberg, der heute 91-jährige früherer CEO von AEG, fühlt sich ungerecht behandelt.

Quelle:Handelsblatt Online

Maurice Greenberg streitet trotz Einigung wegen eines Jahre alten Skandals weiter. Der ehemalige Chef des US-Versicherers AIG ist überzeugt, dass sein Rauswurf in der Finanzkrise eine verhängnisvolle Rolle gespielt hat.

New YorkMaurice Greenberg sitzt mit seiner Firma C.V. Starr an der Park Avenue, New Yorks feinster Büromeile. Mit seinen 91 Jahren hört er etwas schlechter als in seiner Jugend. Aber sein Verstand und sein Kampfgeist sind wach wie eh und je. Mit gestrecktem, leicht nach vorn gebeugtem Oberkörper sitzt der kleine Mann am Konferenztisch. Seine Körperhaltung lässt erahnen, wie er einst sein Reich mit eiserner Hand regierte.

Sein Reich war der US-Versicherer AIG. Der ist, sagt Greenberg, nur noch „ein Schatten seiner selbst“. Er betont: „Wir waren der größte Versicherer der Welt.“ Und dieses Reich, das ist seine Sicht der Dinge, hat der Staat zerstört.

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Der einst legendäre Manager kämpft nicht um Geld, auch nicht um Macht. Er kämpft um sein Vermächtnis. Um die Anerkennung, um die ihn, nach seiner Auffassung, übereifrige Juristen im Staatsdienst gebracht haben. C.V. Starr hat er nach seinem Rauswurf bei AIG als kleinen Finanzdienstleister im Versicherungsbereich gegründet und nach dem Gründer von AIG benannt, der ihm einst den Chefsessel anvertraut hatte.

Am Freitag wurde bekannt, dass Greenberg sich mit Eric Schneiderman, dem Generalstaatsanwalt des Staates New York, geeinigt und damit ein rund zwölf Jahre altes Verfahren beendet hat. Dabei ging es um den Vorwurf, Greenberg habe als Chef von AIG durch zwei Transaktionen im Rückversicherungsgeschäft seine Bilanz geschönt und damit die Aktionäre getäuscht.

Das Verfahren wurde im Jahr 2005 vom damaligen Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer voran getrieben, der als besonders ehrgeizig und hart gegenüber der Finanzbranche gefürchtet war, später aber über einen Prostituierten-Skandal stolperte. Greenberg verpflichtete sich jetzt, neun Millionen Dollar zu zahlen. Aber der Streit ist damit noch längst nicht beendet.

„Wir freuen uns, dass Herr Greenberg endlich seine Rolle bei dieser betrügerischen Aktion eingeräumt hat“, ließ Schneiderman am Freitag verlauten. Greenberg dagegen sagte am Montag: „Ich möchte wiederholen und betonen, dass ich nichts Unrechtes getan habe.“ Er habe der Einigung zugestimmt, um dem Prozess ein Ende zu machen, dabei aber keinerlei Schuld eingestanden.

Greenbergs Vorwürfe gehen noch weiter. Weil Spitzer ihn 2005 wegen der Vorwürfe aus dem Amt gedrängt hat, so sagt der alte Mann, sei ein neues Management angetreten. Und allein deswegen habe AIG sich in die abenteuerlichen Transaktionen hineinziehen lassen, die zum Absturz der Firma in der Finanzkrise führten. Der Versicherer musste anschließend mit 85 Milliarden Dollar von der US-Notenbank (Fed) aufgefangen werden. „Mit mir als Chef wäre das nicht passiert“, sagt Greenberg.


Greenberg: „Habe nichts Unrechtes getan“

Der Manager, der AIG von 1968 bis 2005 geleitet und an die Weltspitze geführt hatte, kritisiert zudem den so genannten Martin Act, ein Gesetz des Staates New York. Es ermöglicht dem Staatsanwalt in einem sehr breiten Rahmen, Praktiken als betrügerisch einzustufen, die er als unfair empfindet. „Es gibt kein Gesetz in einem anderen US-Staat oder auf Bundesebene, das den Vorwurf des Betrugs ermöglicht, ohne dass eine Betrugsabsicht nachgewiesen werden muss“, sagt Greenberg.

Richtig ist, dass der Staat New York so schon gegen Praktiken in der Finanzbranche vorgegangen ist, die durch kein anderes Gesetz verboten waren. Daher sagt Greenberg: „Nach damaliger Auffassung war es völlig legal, was wir gemacht haben.“

Dieses Gefühl, zu Unrecht aus dem Unternehmen gedrängt worden zu sein, ist auch der Hintergrund für einen anderen, weitaus spektakuläreren Prozess, den Greenberg gegen die US-Notenbank führt. Seiner Meinung nach sind die Aktionäre im Rahmen der Rettung von AIG zu schlecht entschädigt worden. Er, der nach seinem Rauswurf Aktionär blieb, möchte einen Nachschlag haben.

Das Verfahren rief Empörung hervor: Der Aktionär und Ex-Chef eines Unternehmens, das beinahe das Weltfinanzsystems zerstört hätte, beschwert sich auch noch?

Richtig ist in dem Fall, wie auch der damalige Finanzminister Tim Geithner anerkennt, dass der AIG-Konzern durchaus werthaltige Unternehmensteile hatte. Das unterschied ihn von der Pleitebank Lehman Brothers. Und deswegen hat AIG auch, anders als General Motors, alle öffentlichen Kredite in den folgenden Jahren zurückgezahlt.

Dieser Prozess läuft noch. Ein Gericht hat festgestellt, dass Verfahren sei nicht in Ordnung gewesen, aber den Aktionären sei auch kein Schaden entstanden. Beide Seiten sind daher in die nächste Instanz gegangen, die noch keine Entscheidung getroffen hat.

Die Transaktionen, um die es beim jetzt abgeschlossenen Verfahren ging, fanden um die Jahrtausendwende statt. AIG hatte zwei Versicherungsportfolios gekauft und damit, wie Greenberg sogar zugibt, die ausgewiesenen Reserven in der Bilanz optisch verbessert, weil zu den gekauften Verträgen auch entsprechende finanzielle Polster gehörten.

Später stellte sich allerdings heraus, dass eines der Portfolien bereits durch Rückversicherungen abgedeckt war, also kein wirkliches Risiko mehr enthielt. Damit hätte es nicht in der Bilanz von AIG erscheinen dürfen. Greenberg sagt, er habe nichts davon gewusst. Der damalige Verkäufer, die dem Milliardär gehörende Gesellschaft Kölnische Rück, habe Bestände falsch strukturiert und sei deswegen auch von den Behörden untersucht worden.

Greenberg hat zu seinen Glanzzeiten sein Unternehmen beherrscht wie ein Monarch. Wenn Analysten ungünstige Urteile abgaben, durften sie sich auf einen wütenden Telefonanruf von ihm gefasst machen. Er hat nicht geduldet, dass auch nur der Hauch eines Zweifels auf seine Firma oder ihn selbst fiel.

Ob es ihm gelingt, jetzt noch sein Ansehen zu retten, ist fraglich. Die Transaktionen, um die es ging, sind so kompliziert, dass selbst Experten Mühe haben, sie einzuschätzen. Und die Erinnerung daran, wie AIG beinahe das Finanzsystem zum Einsturz brachte, ist immer noch allzu wach. Auch wenn Greenberg kurz vorher den Chefsessel verlassen hat, kann er kaum glaubhaft machen, dass die Firmenkultur nicht durch seine fast 40-jährige Herrschaft geprägt war.

Quelle:  Handelsblatt Online
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