Medien-Kommissar: ProSieben Sat 1 kapert Österreich

Medien-Kommissar: ProSieben Sat 1 kapert Österreich

, aktualisiert 10. April 2017, 18:32 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Quelle:Handelsblatt Online

Nach dem Kauf des österreichischen Senders ATV durch ProSieben Sat 1 will der Konzern die Nummer Eins in der Alpenrepublik werden. ATV soll RTL- und VOX-Anteile wegnehmen. Die Österreicher beklagen eine „Germanisierung“.

Am Ziel seiner Träume ist Markus Breitenecker. Der österreichische Statthalter von ProSieben Sat 1 durfte die Übernahme des bisherigen Konkurrenten ATV am Morgen nach der Bezahlung des Kaufpreises an den bisherigen Eigentümer Herbert Kloiber vorstellen. Breitenecker tritt zur Verkündung im eigenen Studio des österreichischen ProSieben Sat 1-Ableger Puls wie ein Bauleiter auf: in Jeans und mit Kapuzenpullover.

Tatsächlich ist die Übernahme des österreichischen Privatsenders für den deutschen Medienkonzern eine Herausforderung. Kloiber hatte im Gespräch mit dem Handelsblatt, ATV nicht umsonst als den „größten Fehler“ seines langen Unternehmerlebens beschrieben.

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„Ich will meinem Sohn mit ATV kein Danaergeschenk machen“, sagte der gebürtige Wiener. Sohn Herbert L. Kloiber arbeitet bereits als Co-Geschäftsführer der Tele-München-Gruppe mit Hauptsitz in München.

Der Fernsehmarkt in Österreich ist ein Kuriosum. In dem Alpenland, dessen Einwohnerzahl ungefähr die Hälfte von Nordrhein-Westfalen entspricht, ist der öffentlich-rechtliche ORF der Marktführer im Fernsehen, Radio und Internet. Diese Poolposition will Breitenecker den bisherigen Platzhirschen streitig machen.

Sein Ziel: Puls und ATV sollen unter dem Dach von ProSieben künftig der Marktführer in der werberelevanten Zielgruppe der unter 50-Jährigen werden. Mit seinem Ableger Puls 4 hatte ProSieben Sat 1 schon bisher eine starke Stellung. Darüber hinaus vermarkt der DAX-Konzern seine Kanäle ProSieben, Sat 1, Kabel und Sixx mit österreichischen Werbefenstern.

Doch das Ziel der Marktführerschaft zu erreiche, ist es noch ein weiter Weg. Aber unrealistisch ist das Ziel keineswegs. „Der ORF wird immer älter und älter. Gegen die Überalterung kämpft er viel zu wenig“, konstatiert der frühere RTL-Chefredakteur Hans Mahr.


ATV als „schwerer wirtschaftlicher Sanierungsfall“

Nun müssen erst einmal die Hausaufgaben bei ATV gemacht werden. Breitenecker, ein ausgewiesener Fernsehunternehmer, spricht ganz offen von „schweren wirtschaftlichen Sanierungsfall“. Die nächsten Monate werden hart werden. Denn die Einnahmen müssen schleunigst rauf und die Kosten runter. So einfach und kompliziert ist das Handwerk des Managers.

Das geht freilich nicht ohne Personalabbau. 70 Planstellen werden gestrichen. Die gute Nachricht: ProSieben Sat 1 hat derzeit eine dreistellige Zahl an offenen Stellen im Konzern. Die fusionierten Sender, Puls 4und ATV (mit zwei Kanälen), zählen in Österreich insgesamt 400 Mitarbeiter.

Für Breitenecker, der seit 19 Jahren das Privatsendergeschäft in seiner rot-weiß-roten Heimat wesentlich mitgestaltet hat, geht es um alles oder nichts. Gerne wird in Österreich über die „Germanisierung“ der privaten Fernsehlandschaft lamentiert. Dabei sollte die Branche eigentlich glücklich sein, dass der DAX-Konzern aus dem Münchner Medienvorort Unterföhring zugriffen hat. Denn die Alternative wäre angesichts der jahrelangen Verluste nur die Schließung von ATV gewesen. Schließlich hat Kloibers Sender Verluste zwischen zehn und 15 Millionen Euro im Jahr eingefahren.

Auf die 80 Mitarbeiter von ATV kommt künftig eine schwierige strategische Aufgabe zu. Sie sollen in Österreich die RTL-Sendergruppe Zuschauer abjagen. Breitenecker will mit ATV vor allem RTL und Vox Marktanteile wegnehmen. Puls 4 hingegen soll sich hingegen auf die Aufholjagd mit dem ORF konzentrieren.

An Nachschub für Spielfilme und Serien wird es ProSieben Sat 1 mit seinen Töchtern Puls und ATV unterdessen nicht mangeln. Die österreichischen Ableger können auf langfristige Lieferverträge mit den Hollywood-Studios Disney, Fox, Warner, Universal und Paramount zugreifen. Teil des Kaufvertrages ist zudem auch ein mehrjähriger Filmliefervertrag mit dem in München ansässigen Filmrechtehändler Kloiber.

Trotz des lässigen Outfits, entspannt ist Markus Breitenecker bei seiner Übernahmeshow am wenig ansehnlichen Stadtrand von Wien nicht. Den er weiß, in zwei bis drei Jahren muss ATV die Gewinnzone erreicht haben. Wenn nicht, dann wird es eng für den österreichischen Privatsender im weit verzweigten Medienimperium von ProSieben Sat 1.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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