Medienmacher: Axel Springers Glaubensbekenntnis wird international

Medienmacher: Axel Springers Glaubensbekenntnis wird international

, aktualisiert 04. März 2016, 07:47 Uhr
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Der Handelsblatt-Medienexperte mit Sitz in Hamburg berichtet in seiner Kolumne über die neuesten Rochaden im Mediengeschäft.

von Kai-Hinrich RennerQuelle:Handelsblatt Online

Die Führungskräfte bei Axel Springer denken über die freie soziale Marktwirtschaft nach. Johann Lafer kocht für den Jahreszeiten Verlag auf. Und Mathias Döpfner herzt Karin Arnold.

HamburgDie Ankündigung versteckt sich am Ende einer Mail, in der Axel Springers Vorstandschef Mathias Döpfner seine Mitarbeiter am Donnerstag über die Bilanz 2015 informierte. Man habe, schreibt der CEO, die „Prinzipien, die unser Unternehmen seit Jahrzehnten leiten … mit Blick auf unsere immer stärkere Internationalisierung etwas universeller gefasst.“

Was das konkret bedeutet, verrät Döpfner nicht. Dabei ist die Veränderung der noch auf Verlagsgründer Axel Springer zurückgehenden Essentials, die bei einem Führungskräftetreffen am 19. Februar in Paris im Grundsatz beschlossen wurde, die wohl gravierendste in der Geschichte des Medienhauses. Nicht, dass diese Prinzipien bisher unantastbar gewesen wären: Nach der Wiedervereinigung wurde das Postulat obsolet, sich für die Einheit Deutschlands einzusetzen. Und nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nahm man zusätzlich „die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika“ in die Unternehmensgrundsätze auf.

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Die nun angekündigte „universellere Fassung“ der Essentials geht aber weit über die Streichung oder die Ergänzung eines Punktes hinaus. Sie macht aus deutschen Prinzipien internationale Grundsätze. So ist das Eintreten für das Existenzrecht des Staates Israel zwar auch Teil der internationalisierten Essentials des Medienhauses. Die bisher in den Grundsätzen verankerte Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden ist in ihnen aber nicht enthalten. Aus dem Eintreten für die „freie soziale Marktwirtschaft“ wird in der in der internationalen Fassung das Eintreten für die „freie Marktwirtschaft“.

Insbesondere im englischsprachigen Ausland könne man mit dem Begriff „freie soziale Marktwirtschaft“ nichts anfangen, heißt es im Medienhaus. Und da die Forderung nach internationalen Essentials, die auch Springers Mitarbeiter im Ausland etwas sagen, unter dem Eindruck der Anschläge von Paris im vergangenen Herbst zustande kam, spricht sich das Unternehmen in seinen internationalen Prinzipien nicht nur gegen politischen Totalitarismus, sondern auch gegen religiösen Extremismus aus. Der bisher vorliegende Entwurf soll Mitte März in der Mitarbeiterzeitschrift „Inside“ veröffentlicht werden.

Was nach der für Mitte Juni geplanten Verabschiedung der internationalen Unternehmensgrundsätze mit den deutschen Grundsätzen geschieht, ist offen. Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder werden die Elemente, die aus der bisherigen Fassung gestrichen werden, für die deutschen Mitarbeiter in einer Präambel zusammengefasst, die den internationalen Essentials vorangestellt wird. Oder aber die deutschen Prinzipien behalten parallel zu den neuen internationalen für deutsche Beschäftigte ihre Gültigkeit.

Dass man Essentials wie die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden im Zuge jedenfalls nicht einfach mal so streichen kann, ist Springers Führungskräften bewusst. Sie müssen noch einen weiteren Punkt klären: Die Unternehmensgrundsätze sind Bestandteil der Arbeitsverträge der deutschen Springer-Mitarbeiter. Ob analog dazu die internationalen Essentials Aufnahme in die Arbeitspapiere der Springer-Beschäftigten im Ausland finden werden, ist offen.

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Kocht Johann Lafer bald für den Jahreszeiten Verlag?

Anfang Februar brachte der zur Hamburger Ganske Gruppe gehörende Jahreszeiten Verlag erstmals das „Foodie Magazin“ heraus, das sich als Zeitschrift „eine junge, kochbegeisterte Leserschaft“ versteht und von der Redaktion des ebenfalls in dem Zeitschriftenhaus erscheinenden „Feinschmecker“ verantwortet wird. Schenkt man einem Verlagssprecher Glauben, spiegeln erste Verkaufszahlen einen „sehr, sehr erfreulichen Trend“ wider. Man werde die Marke weiterentwickeln.

Womöglich vor diesem Hintergrund plant der zuletzt nicht unbedingt durch eine Vielzahl von Neuerscheinungen auffällig gewordene Verlag nun offenbar einen weiteren neuen Titel im Food-Segment: Wie es in Verlagskreisen heißt, soll das neue Blatt in enger Kooperation mit dem Fernsehkoch Johann Lafer entstehen.

Das Engagement von TV-Koch Tim Mälzer hatte in der Vergangenheit bereits dem von Wettbewerber Gruner + Jahr herausgebrachten „Essen und Trinken für jeden Tag“ zu erfreulichen Auflagezahlen verholfen. Zudem ist Lafer bereits mit der Ganske Gruppe verbandelt: Bücher des Küchenchefs erscheinen in dem den Hamburgern gehörenden Buchverlag Gräfe und Unzer. Es liege folglich nahe, sagt der Verlagssprecher, mit Lafer auch über weitere Projekte zu reden. Eine Entscheidung für ein konkretes Vorhaben sei allerdings bisher nicht gefallen.

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Die Friktionen um die gescheiterte Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft auf Aktien (KGaA) hat das Medienhaus Axel Springer ausgestanden. Und doch ist noch immer nicht ganz klar, was da hinter den Kulissen eigentlich genau ablief. Unternahm Karin Arnold, die Anwältin und Beraterin von Friede Springer, tatsächlich einen Putschversuch, als sie ein Konzept entwickelte, das vorsah, die Anteile der Hauptaktionärin nach deren Ableben der Friede Springer Stiftung zu vermachen?

Neben ihrer Namensgeberin ist Arnold das einzige Vorstandsmitglied der Stiftung, die – so die Pläne der Juristin – nach dem Tod der Verlegerwitwe am Aufsichtsrat vorbei in das Unternehmen hätte hineinregieren können. Wäre es ein Putschversuch gewesen, hätte Arnold ohne das Wissen von Friede Springer handeln müssen. Aber hat sie das? Oder war die 73-Jährige vielmehr über alle Schritte ihrer Vertrauten informiert? Das wäre einem Misstrauensvotum gegen Konzernchef Mathias Döpfner gleichgekommen, ohne den es das Medienhaus, so wie es heute aufgestellt ist, nicht gäbe.

So, wie es aussieht, wusste Friede Springer tatsächlich nichts von dem Konzept ihrer Anwältin. Einen Putschversuch hat Arnold möglicherweise dennoch nicht unternommen. Die Juristin habe mit ihrem nicht abgesprochenen Vorgehen ihrer Mandantin nur eine Möglichkeit für eine Nachfolgeregelung aufzeigen wollen, sagen Personen, die mit der Materie vertraut sind. Gegen eine böswillige Absicht Arnolds spreche, dass sie von der Unmöglichkeit wissen musste, ihr Stiftungsmodell gegen den Willen des Aufsichtsrats durchzubekommen.

Ganz offensichtlich ist diese Lesart auch die der Springer-Spitze. Dort gilt Arnold keineswegs als persona non grata. Jedenfalls war sie vergangene Woche Gast bei der Verleihung des Axel Springer Awards an Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, zu der nur etwa 100 Personen geladen waren. Beim anschließenden Abendessen saß die in ein lila Kleid gewandete Advokatin an einem der besseren Tische. Sie sprach länger mit „Bild“-Herausgeber Kai Diekmann. Mit Döpfner tauschte sie gar Küsschen aus. Nach der herzlichen Begrüßung verschränkte der CEO allerdings sofort seine Arme vor dem Oberkörper.

Quelle:  Handelsblatt Online
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