Medienmacher: Das Rätsel um die „Tagesthemen“ vom 22. Juli

Medienmacher: Das Rätsel um die „Tagesthemen“ vom 22. Juli

, aktualisiert 29. Juli 2016, 15:33 Uhr
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Der Handelsblatt-Medienexperte mit Sitz in Hamburg berichtet in seiner Kolumne über die neuesten Rochaden im Mediengeschäft.

von Kai-Hinrich RennerQuelle:Handelsblatt Online

Was kommt wann in die Mediathek der ARD und was nicht? Wieso eine Talkshow gleich zweimal hintereinander von der Wirklichkeit überholt wurde. Und worüber die Jurys bei den Lead Awards so streiten.

HamburgMan kann nicht unbedingt behaupten, dass die Ausgabe der „Tagesthemen“ vom 22. Juli eine Sternstunde des deutschen Fernsehens war. Es war der Tag des Amoklaufs von München und nicht nur die „Tagesthemen“-Redaktion war damit ziemlich überfordert. Die komplizierte Nachrichtenlage – aus dem Amoklauf wurde zwischenzeitlich fälschlicherweise ein Anschlag mit möglicherweise terroristischem Hintergrund – erschwerte die Arbeit der berichterstattenden Kollegen. Obwohl klar erkennbar war, dass es kaum belastbare Informationen gab, hielt es das Erste dennoch für eine gute Idee, das komplette Abendprogramm für die „Tagesthemen“ frei zu räumen, die bis nach Mitternacht zu sehen waren.

Entsprechend fiel das Ergebnis aus: Journalisten interviewten Journalisten, die munter drauf los spekulierten. Zwischendurch verlor Moderator Thomas Roth den Überblick: Auch nachdem die Polizei die Zahl der Attentäter auf „bis zu drei“ korrigiert hatte, sprach Roth noch eine gefühlte Ewigkeit von „mindestens drei Attentätern“.

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Es gäbe also jede Menge Gründe, diese ziemlich missglückte „Tagesthemen“-Ausgabe in den Tiefen der ARD-Archive verschwinden zu lassen. Und tatsächlich war sie bei Redaktionsschluss dieser Kolumne in der Mediathek des Ersten unauffindbar. Doch dahinter steckt offenbar keineswegs Absicht. Warum sie aber in der Mediathek fehlt, lässt sich kaum sagen. Denn mit einer rational nachvollziehbaren Begründung tun sich die ARD-Kommunikatoren ausgesprochen schwer.

Zuerst äußerte sich vergangenen Dienstag die Social-Media-Redaktion des Ersten via Twitter: „Die Sendung ist aus rechtlichen Gründen nicht in der Mediathek verfügbar“, schrieb sie. Nur zwei Tage später kassierte ein Sprecher des NDR, der für ARD-aktuell - der Redaktion von „Tagethemen“ und „Tagesschau“ - verantwortlich ist, diese Erklärung wieder ein: „Die twitternden Kollegen des Ersten haben sich geirrt“, sagte er gegenüber dieser Kolumne. „Wir haben sie um Richtigstellung gebeten.“

Allerdings kann auch der NDR-Sprecher die Gründe für das Fehlen der „Tagesthemen“-Ausgabe in der Mediathek nur sehr bedingt erklären. Er verweist zunächst darauf, dass sie mit „3 Stunden, 14 Minuten außergewöhnlich lang“ lang gewesen sei. „Wegen der weiter angespannten Nachrichtenlage unterblieb danach das Encoding - es beansprucht in etwa noch einmal die gleiche Zeit wie die Sendung.“ Das lässt sich nachvollziehen. Unverständlich bleibt jedoch, warum dieses „Encoding“ auch eine Woche nach Ausstrahlung der Sendung noch nicht erfolgt ist.

Noch seltsamer wird es, wenn der Sprecher darauf verweist, dass die „Tagesthemen“-Ausgabe vom 22. Juli schon seit Tagen über den Facebook-Account der „Tagesschau“ abgerufen werden kann. Warum war bei Facebook das „Encoding“ problemlos möglich? Und müssen wir uns daran gewöhnen, dass bestimmte Inhalte der gebührenfinanzierten ARD mobil und online künftig nicht mehr in deren Mediathek, sondern nur noch über einen US-Internetkonzern zugänglich sind? Medienpolitisch wäre das auf jeden Fall eine bemerkenswerte Entwicklung.

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Markus Lanz und das ausgefallene Sommerloch

Beim ZDF hat man dagegen ganz andere Probleme. Offenbar macht den Mainzern zu schaffen, dass dieses Jahr das Sommerloch ausfällt. Wohl in der Annahme, dass im Juli eh nichts passiert, hatte das Zweite seinem Talkshow-Moderator Markus Lanz erlaubt, seine letzten Sendungen vor der offiziellen Sommerpause Wochen im Voraus aufzuzeichnen. Wie die aktuelle Nachrichtenlage zeigt, war das ein Irrtum, der sich nun gerächt hat: Am Mittwoch lief bei Lanz eine Diskussion zum Thema Olympische Spiele, die seltsam aus der Zeit gefallen war. Der umstrittene Beschluss des IOC, die russische Mannschaft trotz massiver Doping-Vorwürfe nicht von den Spielen von Rio auszuschließen, wurde bei Lanz nicht mit einer Silbe erwähnt. Das ging auch gar nicht, denn als die Sendung aufgezeichnet wurde, lag der Beschluss noch gar nicht vor.

Bereits einen Tag zuvor hatte das ZDF ein gewaltiges Problem mit der Inaktualität der vorab aufgezeichneten Lanz-Talks gehabt. In der Sendung vom vergangenen Dienstag sollte es um das Thema Flüchtlinge gehen. Weil darin wegen des frühen Aufzeichnungstermins die von Flüchtlingen begangenen Anschläge von Würzburg und Ansbach nicht thematisiert werden konnten, wurde der Talk abgesetzt. Die Frage, warum das ZDF die Flüchtlingssendung ausfallen ließ, die Gesprächsrunde zum Thema Olympia aber im Programm bleiben durfte, mag ein Sendersprecher nur sehr allgemein beantworten: „Letztendlich ist es eine redaktionelle Abwägung zu entscheiden, welches Gespräch noch gesendet werden kann, und auf welches man verzichtet“, sagt er.

Ähnliche Probleme wie bei den Sendungen über Flüchtlinge und Olympia sind einstweilen aber nicht zu erwarten. Bis zum 23. August ist Lanz nun auch ganz offiziell in der Sommerpause.

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Bis zur Verleihung der Medienpreises Lead Awards in den Hamburger Deichtorhallen Anfang September ist es zwar noch ein bisschen hin. Doch die beiden Jurys in den Kernkategorien Magazine und Fotografie haben bereits im ehemaligen Kaufhaus Jandorf in Berlin-Mitte getagt. Dabei zeichnete sich zweierlei ab: Bei den Zeitschriften feiert ein zuletzt etwas angeschlagener Verlag in der Rubik Newcomer ein Comeback. Und in der Kategorie Fotografie wurde höchst kontrovers über ein Motiv diskutiert.

Nach Angaben aus Jurorenkreisen ist damit zu rechnen, dass das Hamburger Zeitschriftenhaus Gruner + Jahr, das zuletzt vor allem durch Sparprogramme und eine fehlende Digitalstrategie von sich reden machte, bei den Neuerscheinungen dominieren wird. Von sechs nominierten Titeln dieser Unterkategorie erscheinen drei im Verlag vom Hamburger Baumwall. Dabei handelt es sich um das Frauenmagazin „Barbara“, die Krimizeitschrift „Stern Crime“ sowie um das für Männer entwickelte Outdoor-Magazin „Walden“. Derweil sorgte ein Bild, das den in der Ägäis ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Aylan zeigt, für heftige Kontroversen in der Foto-Jury. Einige Juroren waren der Ansicht, dass dieses Bild niemals hätte abgedruckt werden dürfen. Ob es dennoch bei den Lead Awards ausgezeichnet werden wird, ist unklar.

Einen Überblick über die nominierten Arbeiten kann sich die interessierte Öffentlichkeit bereits ab dem 26. August verschaffen. Dann wird, ebenfalls in den Hamburger Deichtorhallen, die Ausstellung der Lead Awards eröffnet.

Quelle:  Handelsblatt Online
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